Dieser Eintrag stammt von Heike Reichmann (*1992)

Ergebnisse eines Interviews mit Frau Schulz *1932

Der Krieg ist zu Ende, und nun?

Ich wurde 1930 in Elmenhorst, Kreis Grimmem (in der Nähe von Stralsund) geboren.

Als ich 15 Jahre alt war, endete endlich der Krieg und wir hofften, dass nun alles besser werden würde. Doch diese Hoffnung erfüllte sich leider nicht.

In dem kleinen Dorf, in dem wir lebten, hatten wir ein Haus mit 4 kleinen Zimmern. In diesen Räumen lebten wir mit 15 Personen, 10 davon waren Flüchtlinge, die bei uns untergekommen waren.

Dann kam die russische Besatzung. Offiziere, die die großen Gutshäuser räumen ließen und darin Quartier bezogen sowie die einfachen Soldaten, die ihr Lager auf dem Friedhof aufschlugen. Sie begannen sofort, die Häuser, die Meierei und die Scheunen auszuplündern.

Sie konnten einfach alles gebrauchen. Vor allen Dingen hatten es ihnen Fahrräder angetan, obwohl sie gar nicht fahren konnten. Sie schoben damit durch das Dorf, und wenn ein Junge ihnen entgegenfuhr, tauschten sie das Rad, weil sie meinten, sein Rad wäre besser. Die Jungen mussten ganz schnell verschwinden, bevor die Russen bemerkten, dass sie auf dem eingetauschten Rad auch nicht fahren konnten. Die wütenden Soldaten schossen um sich und zwei Jungen sind dabei ums Leben gekommen.

Nach einem halben Jahr zogen die Soldaten ab. Es blieb nur noch eine Kommandantur im Ort. Dort erhielten wir dann Lebensmittelmarken und Bezugsscheine für Schuhe (ein Paar im Jahr) und auch mal ein Stück Stoff. (Lebensmittelmarken gab es in der DDR bis Mitte der 60er Jahre).

Nach und nach kamen auch Menschen aus Stralsund zu uns, um bei den Bauern ihre letzten Wertsachen gegen Lebensmittel einzutauschen. Silberbesteck gegen Speck, Schmuck gegen Milch etc. (Man nannte das "Hamstern".) Sie hatten ja nur ihre Lebensmittelmarken und keine Gärten, aus denen man sich zusätzlich noch verpflegen konnte.

1946 bekam ich als einziger aus dem Dorf eine Lehrstelle. Ich lernte Schneiderin.

Mein Monatslohn betrug 25 Mark, den ich komplett zu Hause abgeben musste.

Nach meiner Gesellenprüfung stellte sich die Frage nach der Zukunft. Ich beschloss für mich, nicht weiter in der DDR zu bleiben. Man hörte viel aus dem Westen; alles sollte besser sein und man  kaufen alles können. Viele hatten auch Verwandte im Westen, die Pakete schickten.

1950 ging ich mit meiner Freundin über die „grüne Grenze“ in den Westen.