Dieser Eintrag stammt von Ina Rissling (*1989)

Die Hoffnung für einen Neuanfang ist immer da

Ergebnisse eines Interviews mit Gertrud Zander (geb. Husak, 1931)

"Während des Krieges wurden viele Familien von einander getrennt. Manche flohen aus ihrer Heimatstadt. Wie war es bei Ihnen?"
Bis 1944 wohnte ich mit meiner Familie in Posen. Wir lebten in einer großen Wohnung. Ich war vierzehn Jahre alt und hatte einen jüngeren und einen älteren Bruder, der Johann hieß. Mein Vater kämpfte im Krieg für Deutschland und ist dabei gefallen.

Wir bekamen eine junge Frau, die Tillmann hieß, mit ihrem Baby zugewiesen. Die Eltern der jungen Frau wurden nach Posen versetzt, bekamen aber eine zu kleine Wohnung. Vorher wohnten sie in Uelzen in einem großem Haus. Nach der Flucht konnten wir zu Frau Tillmann fliehen und dort Schutz finden. Jeder von uns wusste ihre Adresse, Luisenstr. 45. Den Weihnachtsabend 1944 feierten wir noch gemeinsam. Kurze Zeit darauf erfuhren wir, dass die Russen kommen. Damals hatten wir Angst vor den Russen. Wir hörten schlimme Dinge von ihnen, z. B., dass sie Mädchen und Frauen vergewaltigen. 

Am 20. Januar 1945 flüchteten wir dann nach Uelzen. Ich weiß bis heute, was für ein schwerer und anstrengender Weg das war. Wir sind fast die ganze Strecke zu Fuß gegangen, da die Bus- und Zugverbindungen schlecht waren. Mein kleiner Bruder, der gerade elf Jahre alt war, kam spät nach Hause und traf niemanden mehr zu Hause an. Jedoch wusste er sofort, dass wir nach Uelzen unterwegs waren. Daraufhin packte er seinen Rucksack mit frischen Sachen zum Anziehen und etwas zum Essen. Dann machte er sich bei dem damals herrschenden kalten Wetter auf den Weg. Mein Bruder hatte Glück an diesem Tag. Er war noch nicht weit gegangen, und ein Auto, das einer Kundin meiner Mutter gehörte, hielt neben ihm an und fragte meinen Bruder, wo er hin wolle. Er nannte die Adresse, wohin wir, seine Angehörigen, unterwegs waren. Sie nahm ihn in Richtung Westen zu einer NSV-Station (Nationalsozialistische Volksfürsorge) mit. Dort bekam er ein Schild um den Hals gebunden mit der Adresse Luisenstraße 45 in Uelzen. Er wurde nach verschiedenen Mitfahrgelegenheiten bei uns in Uelzen nach fünf Tagen abgeliefert. Wir waren glücklich, wieder zusammen zu sein.

In diesem Winter war nicht nur die Flucht schlimm, sondern auch dass ich meinen älteren Bruder zum letzten Mal sah. Er wurde in diesem Winter 18 Jahre alt. Er hatte sein Abitur erfolgreich abgeschlossen. Obwohl er nicht zum Militär wollte, musste er doch in die Fahnenjunkerschule gehen. Diese Schule war eine militärische Einrichtung, die zum Ende des Krieges noch gegen den Feind gekämpft hat. Er war in der Grundausbildung. Mein älterer Bruder ist nach dem Krieg nicht wieder gekommen. Wir suchten mit dem "Deutschen-Roten-Kreuz-Suchdienst München" nach ihm, aber er wurde nie gefunden. Später hatte man den Verdacht, dass er in einem Gefangenschaftslager sei, aber man fand ihn auch dort nicht. 1971 bekamen wir dann die Nachricht, dass mein Bruder wahrscheinlich im Krieg gefallen ist. Genaue Beweise hatte man nicht, aber es gab auch kein Lebenszeichen mehr. Wir lebten noch lange in der Hoffnung, dass mein Bruder irgendwann zurückkommen werde. 

" Wie lebten Sie nun in Uelzen?"
Obwohl wir in Uelzen nur ein Zimmer hatten, waren wir doch glücklich, jetzt vor den Russen sicher zu sein. Im Zimmer gab es keinen Ofen und nur ein Bett. Dieser Winter war der kälteste, den ich je erlebt habe. Aber da wir alle in einem Bett schliefen, konnten wir uns wenigstens gegenseitig wärmen.
Bereits zu dieser Zeit wusste man, dass der Krieg bald zu Ende sein würde. Die deutschen Soldaten wurden an allen Fronten zurückgeschlagen und die Feinde kamen immer näher. Wir freuten uns, denn das Leid , das der Krieg uns brachte, gefiel uns nicht.. Wir wollten endlich Frieden haben.

Im April 1945 nahm uns eine Nachbarin auf. Sie war eine Kriegerwitwe aus dem Ersten Weltkrieg und wollte keine Fremden nehmen. Man wusste, dass man vor allem nach dem Krieg viele Menschen, die ohne Obdach waren, aufnehmen musste, wenn man genügend Platz hatte. Da sie uns schon drei Monate kannte und wir uns angefreundet hatten, gab sie uns 1 1/2 Zimmer. Meine Mutter hatte nun ein schmales, aber eigenes Zimmer. Im anderen Zimmer schliefen mein Bruder und ich. Jeder hatte jetzt ein eigenes Bett. Darauf waren wir stolz. Aber die Zimmer waren nicht warm genug, nur die Wohnküche war warm, wo wir uns dann auch meistens aufhielten. Ich machte dort meine Hausaufgaben, während meine Mutter und unsere Vermieterin Essen kochten. Die sanitären Einrichtungen waren sehr schlecht. Es gab kein Bad und die Toilette befand sich im Treppenhaus zwischen den Etagen. Diese Toilette mussten wir noch mit 10 anderen Personen aus dem ganzen Haus teilen. Es stank fürchterlich darin, da es nur ein "Plumpsklo" war. Daher stellten wir uns immer eine Schüssel bereit, falls wir in der Nacht einmal mussten. Morgens wuschen wir uns über einer anderen Schüssel. Das Wasser darin war kalt.
Jeden Sonnabend wurde daher ein Badetag veranstaltet. In der Wohnküche wurde eine Wanne hingestellt und mit Wasser gefüllt. Das Wasser wurde vorher über dem Feuer erwärmt und nach und nach in die Wanne gegossen. Wir Kinder durften uns als erste waschen. Wir hatten keine Scham voreinander. Wir badeten uns nacheinander. Man hatte dabei viel Spaß. Mir gefiel es sehr. Noch lange nach dem Krieg wurde dieses beibehalten. Manchmal gingen wir jedoch in eine Badeanstalt. Wie es heute Schwimmbäder gibt, in die man zum Schwimmen geht, gab es damals Badeanstalten. in denen badete und wusch man sich im warmen Wasser in einer eigenen Wanne.

Unsere Vermieterin hatte einen Mann und einen Sohn, die beide in den Krieg eingezogen waren. Nach dem Krieg kamen sie wieder Der Sohn heiratete und er bekam mit seiner Frau ein Baby. Nun lebten wir in dieser Wohnung mit acht Personen. Es wurde langsam sehr eng. Trotz der Enge halfen wir und gegenseitig und unterstützten uns in jeder Hinsicht. In dieser Zeit versuchte ich, die Enge bei uns zu Hause zu meiden. Ich ging erst in viele Sportvereine, doch schon nach kurzer Zeit gefielen sie mir nicht mehr. Sie hatten noch das Gemeinschaftsgefühl, das es im Dritten Reich gab. Das wollte ich nicht mehr. So war ich dann die meiste Zeit draußen bei meinen Freunden oder im Kino. Manchmal ging ich auch ins Theater. Außerdem sangen wir jeden Abend in der Küche gemeinsam Lieder und spielten. In dieser Zeit lernte ich die meisten Lieder in meinem Leben.

"Nicht nur Lebensmittel waren nach dem Krieg knapp, sondern auch Bekleidung. Wie kamen Sie zu Kleidern? Welche Erfahrung machten Sie mit der Währungsreform 1948?"

Wir haben keine "Care-Pakete" bekommen, wie viele andere Leute, da wir keine Verwandten in Amerika hatten. Aber es gab eine Kleiderkammer. Man konnte kaum Bekleidung in Geschäften kaufen, doch in dieser Kleiderkammer konnte man gebrauchte Kleidung bekommen. Ich holte mir einmal für den Winter einen wunderschönen Mantel. Oben und unten hatte er Pelz. Er passte mir auf Anhieb. Damit ging ich im Winter zum Schlittschuhlaufen. Ein Mädchen, das etwas älter war als ich, sprach mich an und sagte: "Du trägst ja meinen Mantel , er war mir zu klein und deshalb gab ich ihn in die Kleiderkammer." Das war eine nette Begegnung.

Wir versuchten auch, uns selber Kleidung zu nähen. Ich habe mir einmal ein Kleid und einen Rock genäht, obwohl ich dieses noch nie getan hatte. Ich und Freunde von mir haben uns das Nähen selbst beigebracht. Zwar wurde es nicht gleich beim ersten Mal gut, aber nach etwas Übung gelang es uns immer besser. Aus einem Bettbezug nähte ich mir ein Kleid für den Sommer und aus einer Hakenkreuzfahne einen roten Rock. Das Hakenkreuz war nur in der Mitte der Fahne aufgenäht, das trennte man dann ab und es war nicht mehr schwer, daraus dann einen schönen Rock zu nähen. Der passte mir super. Wir waren sehr kreativ und ideenreich. Aber manchmal war ich auch eifersüchtig auf die Mädchen, die sich mehr leisten konnten. In meiner Klasse waren neun Flüchtlingskinder von insgesamt dreißig Schülern. Da kam schon manchmal Neid auf.

Ich kann mich noch sehr genau an die Währungsreform erinnern. Von einem Tag auf den anderen waren die Schaufenster voll mit Waren. Wir wunderten uns, woher die Geschäfte in einer einzigen Nacht all die Sachen her bekommen hatten. Seit diesem Tag fing für viele ein neues Leben an. Man bekam wieder Hoffnung auf einen Aufschwung in der Wirtschaft.
Die ersten vierzig Mark in den Händen zu halten, war ein gutes Gefühl. Geld hatte wieder einen Wert und man konnte sich wieder etwas leisten. Jedoch ging es bei uns so weiter wie früher. Das Geld, welches ich bei einem Zahnarzt als Lehrling verdiente, gab ich in unsere Haushaltskasse. Daraus wurde dann das nötige Geld für den gemeinsamen Lebensunterhalt genommen.

Die Zeit war für alle schwer und viele hatten das Problem, sich von der Vergangenheit zu lösen und einen Neuanfang zu machen. Auch für mich war es schwer, denn ich hatte nicht nur meine Heimatstadt verlassen müssen, sondern auch einen meiner Brüder und meinen Vater verloren. Trotzdem kann ich sagen, dass ich eine schöne Jugend gehabt habe. Ich hatte viel Spaß mit meinen Freunden, meinem jüngeren Bruder und meiner Mutter.