Dieser Eintrag stammt von Alena Rudolph (*1991)

Erinnerungen an meine Gefangenschaft in Russland

Ein Interview mit Herrn H. D. (*1915)

Dies sind die Erinnerungen von Herrn  D. an seine Zeit als deutscher Soldat in russischer Gefangenschaft (1945-1949). Er war Soldat in der Zeit von 1939 bis 1945, bis er letztlich 1945 in Gefangenschaft geriet. Als Schirrmeister während des Krieges musste er nicht an der Front kämpfen. 

„Hier seid ihr in Sicherheit“
Es war im Mai1945. Mein Feldmarschall sagte mir und unserer Gruppe, wir sollten uns zurückziehen, da die Russen in der Übermacht waren. Wir befolgten seinen Rat und waren auf dem Weg nach Hause zu unseren Familien. Tagsüber versteckten wir uns in den Wäldern und nachts sind wir von Dorf zu Dorf gewandert. Als wir Ende Mai in Jüterbog ankamen, sahen wir Leute, die sich als Zivilisten ausgaben. „Die Russen sind hier nicht mehr. Kommt mal hier her. Es gibt etwas zu essen und zu trinken. Hier seid ihr in Sicherheit.“ Dankbar nahmen wir dieses Angebot nach tagelangem Hungern und Dursten an. Doch es dauerte keine Stunde und die Russen kamen. Ein Wagen fuhr vor und wir wurden brutal hineinverfrachtet. Was würde mit uns jetzt nur passieren?

Glück im Unglück
Von Jüterbog aus wurden wir nach Trebbin gebracht, einem russischen Gefangenenlager. In Berlin sprach es sich herum, dass viele deutsche Soldaten von Russen in Gefangenschaft genommen wurden. Viele Menschen gingen nach Trebbin, um ihre Verwandten zu suchen. Sie sahen jedoch nicht viel außer dem Sicherheitszaun, der unser Lager umgab. Kam man näher als 10 m an den Zaun heran, wurde geschossen. Ich nahm all meinen Mut zusammen und schrieb einen Brief an meine Cousine, die zu der Zeit in Berlin wohnte. Diesen Brief adressierte ich an sie und wickelte ihn um einen Stein und warf ihn über den Zaun in die Menge. Ich hatte sehr viel Glück, denn irgendjemand nahm diesen Brief mit und ließ ihn meiner Cousine zukommen. Jetzt wusste sie, dass ich noch lebte.

Fahrt ins Ungewisse
Von Trebbin wurden wir ein paar Wochen später Richtung Frankfurt gebracht, wo wir in Güterwaggons verladen wurden. Es war eng und es gab kein Licht, nur ein paar Sonnenstrahlen blinzelten durch ein Gitterfenster in den Waggon. Auf dem Boden lag Stroh und in der Mitte des Wagens war ein Loch, durch das wir unsere Notdurft verrichten konnten. Einmal am Tag wurde ein Topf mit Suppe in den Wagen hinein geschoben. Dann brach immer ein Kampf aus. Viele bekamen nichts mehr ab und mussten hungern. Die Fahrt von Frankfurt nach Kramatorsk dauerte 10 Tage und war das Schlimmste was ich je erlebt habe. In Kramatorsk angekommen, hatten wir alle schrecklichen Durst und Hunger. Wir fühlten uns schmutzig. Wir bemerkten ein Feld, welches mit Wasser überflutet war. Wir sprangen alle ins Wasser hinein und tranken soviel wie wir konnten.

Das Lager
In Kramatorsk wurden wir auf verschiedene Lager verteilt. In einem Lager befanden sich immer 800-1000 Brigardiers (Gefangene) in Holzbaracken. An der Wand gab es untereinander drei Holzpritschen zum Schlafen. Auf diesen Pritschen lag etwas Stroh als Unterlage zum Schlafen. Morgens um sechs Uhr wurden wir geweckt. Es gab Kohlsuppe mit Brot zum Frühstück, zum Mittag und zum Abendbrot. Das war das Einzige, was wir bekamen. Nach dem Frühstück stellten wir uns in Fünfer-Reihen auf, wurden gezählt und marschierten zur Arbeit. Ich habe die ganze Zeit an einem Hochofen gearbeitet. Der Ofen musste befeuert werden und dies war meine Aufgabe. Wir mussten jeden Tag acht Stunden arbeiten. Freie Sonntage gab es nicht. Die erste Schicht ging von 24.00 Uhr bis 08.00 Uhr, die zweite von 08.00 Uhr bis 16.00 Uhr und die dritte von 16.00 bis 24.00 Uhr. Man arbeitet abwechselnd in jeder Schicht. Die Arbeit war schwer und anstrengend und hinzu kam noch, dass es häufig bis zu – 40°C kalt war. Während der Arbeit wurde viel russischer Tabak geraucht (Machorka). Dieser Tabak wurde in Zeitungspapier gerollt und dann geraucht. Als Bekleidung trug man ein Baumwollhemd, eine Hose, eine Wattejacke (Kofalka), eine Wattehose, Filzstiefel und eine typisch russische Mütze.

Bonja, Entlausungsanstalt
Einmal im Monat gab es eine Entlausung. Wir wurden in Räume gebracht, wo wir uns nackt ausziehen und unsere Kleidung auf einen eisernen Bügel hängen mussten. Die Kleider kamen dann in eine heiße Kammer und wurden dort entlaust. Währenddessen wurden wir geduscht und uns wurde jegliche Behaarung am Körper abrasiert. Hatte man diese Prozedur hinter sich, bekam man seine Kleidung auf dem extrem heißen Metallbügel wieder. Man musste aufpassen, um sich nicht an den heißen Bügeln zu verbrennen. 

Kontakt mit der Familie
1946 konnte ich meine erste Karte aus der Gefangenschaft an meine Frau und mein Kind schreiben. Auf so einer Karte wurde der eigene Name, in welchem Lager man war und der Name des Kommandanten vermerkt. Nach einem Jahr durften wir dann sogar ein Foto von uns machen lassen und dieses nach Hause schicken. 

Die verschiedenen Arbeitsgruppen
Die jüngsten in dem Lager waren gerade mal 17 Jahre, die ältesten waren 55 Jahre alt. Es gab Arbeitsgruppen (AG), in die man aufgeteilt wurde. Es gab vier verschiedene Gruppen. In der Gruppe 1 waren die stärksten und arbeitstauglichsten Arbeiter. Dies ging dann runter bis zur Gruppe 4. Ich war meistens in der zweiten Gruppe. Die verschiedenen Gruppen hatten auch unterschiedlich lange Arbeitszeiten, die stärksten acht und die schwächsten vier Stunden. Das Auswahlverfahren lief folgendermaßen ab:
Wir wurden nackt vor eine Kommission berufen, die aus zwei Offizieren, einer russischen Ärztin und einem Dolmetscher bestand. Man musste einzeln vortreten und wurde begutachtet. Die Ärztin testete, wie stramm und fest das Fleisch ist. Hiernach und nach dem optischen Eindruck wurde man in die verschiedenen Arbeitsgruppen eingeteilt. 

Von den eigenen Leuten ausgehorcht und bespitzelt
Eine schlimme Sache war auch die Bespitzelung. Nachts wurden Gefangene von der NKWD (russische Geheimpolizei) aus den Zimmern geholt und verhört. Ihnen wurde dann eingebläut, dass sie auskundschaften sollten, woher die anderen Gefangenen kamen und was sie erlebt hatten. Man wurde von der NKWD mit Nahrung bestochen. Mir war jedoch oft klar, wer von den Gefangenen ein Spitzel war und somit war ich bei ihm dann eher verschwiegen. Ich war nie ein Spitzel und wurde zum Glück auch nie geholt, denn machte man nicht was die NKWD von einem verlangte, bedeutete dies die Hölle auf Erden. Man bekam nur noch sehr, sehr wenig zu essen und wurde regelmäßig auf brutalste Weise verprügelt.

Befreiung aus der Gefangenschaft
1949 gab es eine große Kommission. Die zweite Arbeitsgruppe wurde aussortiert und durfte nach Hause. Doch vorher musste sich jeder einzeln hinstellen und die Arme hoch heben. Es wurde geprüft, ob unter dem Arm die Blutgruppe tätowiert war. Dies wäre ein Zeichen für einen SS Mann gewesen. Diese Leute wurden nicht freigelassen und mussten weiterhin in der Gefangenschaft bleiben.
Endlich durfte ich nach Hause. Ich empfand ein ungeheures Glücksgefühl, nach vier Jahren unter schlimmer Gefangenschaft wieder frei zu sein. Mit dem Zug ging es nach Frankfurt Oder. In Frankfurt musste ich mich bei den Besatzern registrieren lassen. Ich durfte ein Telegramm an meine Frau und mein Kind schicken. In der Wandelhalle des Hamburger Hauptbahnhofes bin ich erstmal auf eine Toilette gegangen, um mich für meine Frau zu rasieren und frisch zu machen. Ich fuhr weiter nach Othmarschen zu mir nach Hause. Während meiner ganzen Gefangenschaft war ich mir nicht bewusst, ob ich meine Familie je wiedersehen würde. Meine Tochter, die jetzt schon sechs Jahre alt war, hat mich nicht erkannt. „Mama, der Mann kommt hier ohne zu klopfen einfach in die Tür rein“. Dies war ein harter Schlag für mich. Es hat etwas gedauert, doch dann konnte ich mit meiner Familie ein neues Leben führen.