Dieser Eintrag stammt von Sarah Adler

Ein Soldat erlebt das Ende des 2. Weltkrieges

Ergebnisse eines Interviews mit Herrn Y.

Herr Y. musste im zweiten Weltkrieg der deutschen Wehrmacht dienen. Anschließend wurde er von amerikanischen Truppen gefangen genommen und kam in England in ein Gefangenenlager. Aus diesem wurde er erst einige Zeit nach Ende des Krieges freigelassen. So kam er dann im September 1945 am heimatlichen Bahnhof an. Seine Gefangenenuniform gab groß zu erkennen, dass er ein (ehemaliger) Gefangener war: überall waren die Buchstaben PW - prisonner of war- zu Deutsch: Kriegsgefangener angebracht. 
Während des Krieges sollte bei einem Ausbruchsversuch sofort klar zu verstehen sein, dass dieses ein Gefangener war.

Ein Bekannter, der Herrn Y. bei seiner Ankunft am Bahnhof traf fragte ihn: "Was machst du denn hier ? Ich habe deinen Eltern gesagt, du wärest gefallen. Bei dir zu Hause laufen noch alle in Schwarz." 
Durch ein Versehen war Herr Y. verwechselt worden und so hatte seine Familie bereits eine Todesurkunde von ihrem gerade erst 22 Jahre alten Sohn bekommen. Die Freude und die Verwirrung war dementsprechend riesig groß. Jetzt erfuhr Herr Y. auch, dass die Briefe, die er aus seiner Gefangenschaft geschrieben hatte, um seinen Verwandten ein Lebenszeichen zu senden, nicht angekommen waren. Erst über ein Jahr nach seiner Freilassung wurden diese Briefe zugestellt.

Als der Krieg nun auch für Herrn Y. endgültig vorbei war, musste er sich auf ein völlig neues Leben einstellen. Man musste für sich neue Aufgaben finden, um so seinem Leben einen neuen Sinn zu geben. Herr Y. beschloss also, an der Universität zu studieren. Zu Kriegszeiten wurde jeder Mann als Soldat gebraucht, deshalb bekam man sein Abitur ohne weiteres, sobald man die letzte Klasse des Gymnasiums erreicht hatte und man sich freiwillig zum Wehrdienst gemeldet hatte. Die Leute, die sich nicht freiwillig meldeten, mussten eine mündliche- und schriftliche Prüfung machen und erreichten so ein reguläres Abitur. Die Universitäten erkannten nach dem Krieg jedoch nur die regulären, mit einer schriflichen Prüfung bestandenen, Abiture an. Eine Art Notabitur, wie es Herr Y. verliehen bekommen hatte, erkannten sie nicht an. So musste Herr Y. erneut ein halbes Jahr die Schulbank drücken, um seine Prüfungen nachzumachen. Die Mädchen brauchten dieses nicht, da sie ihre Prüfung auf konventionelle Weise gemacht hatten, weil sie nicht zur Wehrmacht mussten.

Nun brauchte Herr Y. nur noch als politisch unproblematisch eingestuft zu werden und so konnte er anfangen zu studieren. 
Die Universitäten waren zur Nachkriegszeit  überfüllt, da alle jungen Leute ihre fehlende Bildung nachholen wollten. Deshalb wurde manchmal sogar auf den Gängen und auf den Treppen unterrichtet.


An den Universitäten konnte man sich damals nicht wie zu heutiger Zeit aussuchen, welche Fächer man studieren wollte, sondern wurde auf bestimmte Bereiche zugeteilt. Es wurde dann nur noch gefragt, ob man mit diesem zugeteiltem Fach einverstanden war, oder nicht. Aber wenn man studieren wollte, hatte man nur diese eine Wahl. 
Da man als junger Student nicht mit seinen alten Wehrmachtsuniformen zur Uni gehen wollte, mussten die Mütter aus diesen Kleidungsstücken nun neue machen, die ziviler aussahen. Es wurden also alle Orden, Schulterstücke, Manschettenknöpfe und sonstiges abgetrennt, und die Sachen wurden neu eingefärbt, da schließlich niemand mehr mit feldgrauen Kleidungsstücken in der Öffentlichkeit gesehen werden wollte. 

"Aus diesem Grund war es natürlich großes Glück, wenn man eine Mutter hatte, die sich in Sachen Handarbeit sehr geschickt anstellte.", erzählt Herr Y.. Oft wurde auch auf Anzüge und Uniformen aus Zeiten vor dem Krieg zurückgegriffen. Da auch die Bekleidungsmöglichkeiten nach dem Krieg äußerst knapp waren, trug man einzelne Stücke natürlich viel länger als heutzutage. 
"Meine Mutter machte teilweise aus drei kaputten Hemden zwei neue." 

Zur Zeit des Krieges war die Versorgung mit Lebensmitteln noch relativ gut, aber danach wurde sie immer schlechter. Man bekam Bekleidung, Tabak und Nahrungsmittel nur mit speziellen Marken. Aus diesem Grund blühte der Schwarzmarkt. Wenn man gute Beziehungen hatte, konnte man sich einiges dazu verdienen. Herr Y. hatte solche Beziehungen. Verwandte von ihm lebten auf einem Bauernhof. Jeden Samstag hörte er sich die Vorträge an der Universität an und fuhr danach ca. 160 km mit seinem Fahrrad zu dem besagten Bauernhof. Natürlich waren die Bedingungen für eine so lange Fahrt wesentlich schlechter als heutzutage. Das Fahrrad war noch sehr primitiv und ohne jegliche Gangschaltung. Die Deutschen hatten auch noch einige Zeit nach dem Krieg eine Ausgangssperre (Corfew). Dass heißt, niemand durfte länger als bis zehn Uhr abends auf den Straßen bleiben. Deshalb war die Fahrt von Herrn Y. ein sehr riskantes Handeln. Aber er wusste genau, wo sich die letzte Kontrollstelle auf seinem Weg befand. "So etwas spricht sich schließlich rum." Er musste also um 23.00 Uhr an dieser Kontrollstelle vorbei sein, sonst hätte es viel Ärger geben können. Der letzte Posten lag allerdings noch 20 km vom Bauernhof entfernt, also hatte Herr Y. noch eine lange Strecke vor sich. Auch auf den Straßen musste man immer aufpassen, da einem oft fremde Leute auflauerten, die es auf die Nahrungsmittel abgesehen hatten. Dann hatte man sich die Mühe um sonst gemacht. "Das waren Wegelagerer wie im Mittelalter. Zum Glück ist mir das nie passiert!"