Dieser Eintrag stammt von Julia Schlicht

Die ersten Jahre nach dem Krieg

Ergebnisse eines Interviews mit Herrn B. (*1929)
"Als ich zehn Jahre alt war, kam ich ins Jungvolk und danach, mit vierzehn in die Hitlerjugend. Trotz der nationalsozialistischen Erziehung haben meine Freunde und ich uns heimlich getroffen und über den Feindsender mit Begeisterung Jazz gehört, worauf die Bestrafung durch das Konzentrationslager stand.
1944 musste ich als Soldat an die Front. Dort kam ich mit 17 Jahren in Kriegsgefangenschaft.
Währenddessen wurde meine Mutter nach Schlesien evakuiert, um dem Bombenangriff auf Essen zu entgehen. Bei der Flucht vor den Russen ist sie in den Bombenangriff auf Dresden geraten, welchen sie glücklicherweise überlebte. 
Mein Vater kam ebenfalls 1944 in englische Kriegsgefangenschaft im Ems-Jade Gebiet. Er starb dort im Januar 1946 .
Mit Schrecken nahm ich die Nachricht über den Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki auf. Nachdem Deutschland und Japan kapitulierten, kam ich nach 6 Monaten 1945 aus der Kriegsgefangenschaft frei und wurde nach Essen entlassen. Obwohl ich die Niederlage Deutschlands als deprimierend empfand, habe ich die nationalsozialistische Erziehung schnell überwunden und mich mit Begeisterung den neuen Möglichkeiten gestellt.
Ich kam in meine zerstörte Heimatstadt Essen zurück. Ich lebte in der Wohnung meiner Eltern, die erfreulicherweise nicht zerstört worden war. 


Mitte 1945 holte ich meine Mutter mit dem Güterzug aus dem Harz, der teilweise von den Russen übernommen war. Wir lebten in unserer Essener Wohnung. Die Hungersnot war riesig und die Lebensmittelration per Karte reichte nicht aus. Deshalb haben wir unsere Wohnzimmereinrichtung gegen ein Schwein getauscht, das wir dann schlachten und essen konnten. Die meisten Bauern mussten nicht hungern, da sie sich selber versorgen konnten. Meine Freunde und ich haben oft Alkohol gegen Zigaretten getauscht. Der Schwarzmarkt blühte, besonders Zigaretten waren sehr beliebt.
Ich ging eine zeitlang auf eine landwirtschaftliche Schule und arbeitete nebenbei als Werkstudent im Bergbau, um mir etwas Geld dazu zu verdienen. Deshalb bekam ich, als Schwerstarbeitender auch von den Amerikanern ein "Care-Paket", in dem Lebensmittel, Zigaretten etc. enthalten waren. 


1945 erfolgte die Aufteilung des Deutschen Reichs in Besatzungszonen. Ich befand mich in der englischen Besatzungszone. Obwohl die Besatzer die Auflage hatten, nicht mit Deutschen zu verkehren, trafen wir uns mit englischen Soldaten und Offizieren, um unsere Englischkenntnisse auszuprobieren und Dinge gegen Zigaretten zu tauschen. Eine ehemalige Klassenkameradin von mir heiratete sogar einen englischen Offizier.
Die britischen Besatzer nahmen jedoch viele Häuser und Wohnungen für sich in Anspruch. Deshalb nahmen wir eine Familie auf, deren Haus von Engländern besetzt worden war. Allgemein war die Flüchtlingssituation in Essen nicht so dramatisch, wie in ländlicheren Regionen, wie z.B. in Schleswig-Holstein.
Ich empfand Bewunderung für die Amerikaner, als diese den Marshall-Plan 1947 einsetzten. Selten hat sich ein Sieger gegenüber den Feinden von gestern so großzügig verhalten, wie Amerika gegenüber Deutschland und Japan.
Nach der Schule habe ich eine kaufmännische Ausbildung bei einem Feinkostgroßhandel gemacht. Danach bin ich zu einer Zigarettenfabrik gegangen und arbeitete ich als Verkaufsleiter. 

Der Fußball-WM Sieg 1954 war für Deutschland endlich mal wieder ein positives Ereignis. Meine Firma hatte Helmut Rahn danach eingeladen und ich konnte selber mit ihm sprechen. Allgemein galt Fußball in den 30ern und 40ern eher als primitiver Sport der Arbeiterklasse und fand nicht überall Anerkennung. Fußball hatte damals noch nicht so einen hohen Stellenwert, wie heute."