Dieser Eintrag stammt von Thekla Schlicht

"Ich hab' nie eine Bombe gesehen"

Aus einem Interview mit Frau Z. (*1936):

"Da ich bei Kriegsende erst neun Jahre alt war, habe ich nicht besonders viel vom Krieg mitbekommen.
Meine Eltern haben mich und meine Geschwister 1944 zu einem Verwandten in den Harz geschickt, da sie wohl schon geahnt hatten, dass der Krieg bald vorbei sein würde. Weil man damals nicht aus Schlesien rauskam, haben sie uns Kindern ein Keuchhustenattest besorgt, das uns erlaubte, in den Harz zu fahren.1945 kamen meine Eltern dann nach.
Da ich sehr viele Verwandte im Osten hatte und nur einen im Westen, war bald die ganze Familie auf dem Gut meines Vetters versammelt. Von der Befreiung habe ich nicht sehr viel mitbekommen, da wir auf dem Land wohnten. 

Wir Kinder haben den Hunger nicht so sehr gespürt wie die Erwachsenen, wir haben uns alles mögliche zum Essen selbst geklaut oder gesammelt, z.B. Pilze und Bucheckern. Oft haben wir uns etwas von den Feldern geholt. Wenn es etwas zum essen gab, dann nur sehr ungenießbare Sachen, die uns nicht schmeckten. Meine Mutter hat damals sehr viel Schmuck gegen Essen und nützliche Dinge eingetauscht. Auch mit den Amerikanern wurde viel Tauschhandel betrieben. Ich habe die amerikanischen und britischen Soldaten sehr gemocht, da sie uns Kindern immer Schokolade schenkten und oft mit uns gespielt haben. Meine Mutter hat mir nur einen englischen Satz beigebracht: "It's my father's birthday today!". Immer, wenn wir im Dorf waren und nach Hause wollten, kamen wir an mehreren Soldaten vorbei. Dann sagte ich meinen Satz auf und jedes Mal schenkten sie mir Zigaretten für meinen Vater. Da ich sehr oft kam, müssen sie das natürlich durchschaut haben, aber sie waren alle sehr freundlich zu Kindern und gaben mir immer Bonbons, Zigaretten und Schokolade.

In der Schule waren wir nur sehr wenig Kinder. Wir hatten alle in einem Raum Unterricht und die Altersstufen waren gemischt. Unsere Lehrerin hatte uns gesagt, dass wir keine Bonbons von den Amerikanern und Briten annehmen sollen, da die alle (angeblich) vergiftet waren.
Natürlich war das Unsinn, aber trotzdem gab ich immer zuerst ein paar Bonbons meiner Schwester. 1946 kam ich in ein katholisches Internat, wo es sehr streng zuging. Wir durften nur eine Stunde am Tag reden, was für uns Mädchen kaum machbar war. Trotzdem hatte ich viel Spaß, da ich in dieser Zeit viele Freunde gefunden habe. Da früher viele hungerten gab es in der Schule etwas zu Essen. Dazu wurden die Schüler in sechs Gruppen aufgeteilt. Gruppe eins bis drei bekam nichts, da sie dick waren und es nicht nötig hatten. Ich gehörte zu Gruppe sechs, da ich sehr dünn war und mein Vater Nazigegner war.
Wegen Beleidigung Hitlers kam er sogar ins Gefängnis. Nach dem Krieg machte sich das für uns sehr bezahlt, da er sofort wieder Arbeit und wir Kinder ein halbes Jahr Urlaub in der Schweiz geschenkt bekamen.

Als 1949 die DDR gegründet wurde fand ich das sehr schlimm für alle Menschen. 
Damals habe ich die Amerikaner sehr bewundert, da sie Berlin mit Lebensmitteln versorgten.
Ich habe eigentlich sehr viel Glück gehabt, da ich nicht viel vom Krieg mitbekommen habe. Ich habe nie eine Bombe gesehen und flüchten musste ich auch nicht. Meine einzige Erinnerung an den Krieg war, als ich einmal mit meinen Eltern in Breslau im Bahnhof war und Züge vorbeifahren sah, welche die Aufschrift trugen: " Räder müssen rollen zum Sieg". Erst 1950 sah ich etwas von der Zerstörung des Krieges, als ich mit meiner Familie nach Kassel zog..