Dieser Eintrag stammt von Christina Schulz (*1988)

So erlebte ich die Nachkriegszeit

Ergebnisse eines Interviews mit Herrn Erwin Schulz (*1936)

In der Zeit des 2.Weltkrieges und während der Nachkriegszeit, wohnte ich in Hamburg Rothenburgsort in der englischen Besatzungszone. In der Nachkriegszeit war ich 9-19 Jahre alt. Nach dem Krieg wurde von der englischen Besatzungsmacht die Entnazifizierung durchgeführt, um möglichst viele Kriegsverbrecher zu bestrafen und um festzustellen das keine Nazis mehr im öffentlichen Dienst stehen. 
Es gab Nazis, die ihren Arbeitsplatz behielten, da andere sie für entnazifiziert erklärten. Ihnen wurde ein sogenannter Persilschein ausgestellt.

In der Nachkriegszeit merkten viele Menschen, dass man in der Gemeinschaft mehr erreichen konnte, als einer alleine. So taten sich viele Familien zusammen, um über die Runden zu kommen. Jeder besorgte, was er kriegen konnte, z.B. Lebensmittel, Bau- und Heizmaterialien und alle möglichen Sachen des täglichen Lebens. So mussten auch die Kinder unserer Familie nicht hungern, zu allen dem kam auch noch ein bisschen Geselligkeit auf und die Menschen vergasen für ein paar Stunden ihre Not. Manchmal gab es abends im Rundfunk Aufrufe, dass man am nächsten Morgen für einen bestimmen Lebensmittelabschnitt entweder A, B oder C Lebensmittel bekommt, wie z.B. ein paar Gramm Butter. Man musste früh erscheinen, um wenigstens etwas zu bekommen, es war nicht viel, doch besser als gar nichts. Da es in der Zeit (1945-1955) kaum Kleidung gab, wurden Fahnen, Vorhänge und Kartoffelsäcke umgearbeitet zu Hemden, Jacken, Hosen, Röcke, Blusen, Unterwäsche und mit dem vorhandenen Farbstoffen gefärbt, meistens im sogenannten ,,Indigoblau". 

In der Nachkriegszeit regierte der Schwarzhandel, es wurde betrogen und man tat alles, um irgendwie an begehrte Tauschgegenstände (wie Zigaretten) zu kommen. So hat mein Onkel einmal Feuersteine mitgebracht. Er wollte sie in alte Benzinfeuerzeuge einsetzen, hatte aber nicht genügend Steine. Da kam er auf die Idee, Fahrradspeichen auf die Größe eines Feuersteins zu schleifen. Es hat zwar viel Arbeit ,aber es lohnte sich. Mein Onkel hat uns losgeschickt, die sogenannten Feuersteine zu verkaufen. Jedoch waren bei den 10 Steinen nur zwei echte Feuersteine dabei und der Rest waren Fahrradspeichen. Es fiel zum Glück nicht auf und somit haben wir ein gutes Geschäft gemacht. 

Einmal, als ich mit paar Nachbarskindern auf der Straße spielte, kam ein Mann zu uns der, uns ein Angebot machte. Er fragte uns, ob wir ihm weiße Steine besorgen können. Wir hatten Glück, denn wir wussten wo ein ausgebombtes Haus mit weißen Steinen war. Die Steine haben wir abgeputzt und an den Straßenrand gestellt. Dort holte der Mann sie später mit seinem Handwagen ab. Pro Stein bekamen wir 2,5 Pfennig. Ab und zu haben wir auch Schrott und Buntmetalle gesammelt, wofür wir auch Geld erhielten. Für das Geld, was wir verdienten, konnten wir bis zu 3 mal am Tag für 50 Pfennig ins Kino gehen. Dort sahen wir Nachrichten und Filme.

Am Tag vor der Währungsreform (1948), also vor der Nacht des Währungswechsels von der Reichsmark zur Deutschen Mark, waren alle Geschäfte leer. Man konnte nichts legal erwerben. Doch am folgenden Tag, als es dann die Deutsche Mark gab (man bekam pro Kopf 40 Mark Anfangsgeld), konnte man alles im Geschäft erhalten, wovon man Tage zu vor nur träumen konnte. Es gab Kleidungsstücke, die verschiedensten Lebensmittel usw.. Es schien, als wurden die ganzen Produkte schon Tage zu vor heimlich gelagert. Trotz der Währungsreform konnte man sich immer noch nicht alles leisten. Der Industrie Verdienst z.B. lag bei einem Wochengeld von 45-65DM, so konnte man sich einen Fernseher oder eine Radiotruhe die 400 DM kostete nicht leisten. Es sei denn, man bezahlte die Dinge in Raten.
In der Nachkriegszeit hatten wir nur einmal die Woche Schule bzw. einmal die Woche kam ein Lehrer. Dann wurden die Hausaufgaben, die wir auf die Schiefertafeln schrieben, verglichen und wir bekamen ein neues Wort für die nächste Woche auf. In den Klassen gab es auch 14/15 jährige Jungen, die ihren Schulabschluss nachholen musste. S waren in den letzten Kriegsjahren/-monaten eingezogen gewesen, um dort als Flaghelfer oder als Sanitäter zu dienen. Dadurch wurde die Schule vernachlässigt und sie mussten sie ihren Schulabschluss nachholen.

Ich kam 1949/1950 mit 14 Jahren aus der Schule und die Arbeitslosigkeit war immer noch sehr hoch. Dadurch fand ich keinen Job. Deshalb habe ich nach der Schule eine Notstandsarbeit gemacht, für 16DM die Woche. Notstandsarbeit war z.B. den Stadtpark zu harken oder ihn umzugraben.
1950/1955 fing der Wiederaufbau an. Es wurden Wohnhäuser gebaut. So konnten sich die Menschen, die vorher mit anderen Familien unter einem Dach wohnten, weil ihre Wohnungen durch den Krieg ausgebombt waren, eine eigene Wohnungen mieten. Die Miete, die man zahlen musste, lag zwischen 150 DM und 250 DM.