Dieser Eintrag stammt von Günther Siefert

Leben nach dem Krieg

Ende Januar 1946 kam ich aus der Kriegsgefangenschaft nach Hause. Die Zuzugsgenehmigung bekam nur, wer am 1. August 1939 in Hamburg gewohnt hatte oder in einem - für den Wiederaufbau wichtigen - Beruf arbeiten konnte (sog. Mangelberuf). Mein Bruder kam erst Ende 1947 aus französischer Gefangenschaft.

Da die meisten Wohnungen von mehreren Familien bewohnt waren und wir uns nicht trennen wollten, sind wir in eine Nissenhütte gezogen. Das waren Wellblechbaracken für zwei Familien, je 27 qm groß, die auf den Straßen aufgebaut wurden, in Gruppen zu ca. 30 Stück, mit einer Baracke zum Waschen und Wasserholen und eine mit Toiletten. In der Mitte waren sie durch eine Steinmauer getrennt. An den Frontseiten hatten sie 2 Fenster und eine Tür. Drinnen stand ein eiserner Ofen. Es war leider sehr hellhörig. Vorteilhaft war, dass wir nicht an der Stromzuteilung zu leiden hatten, denn es gab nur einen Zähler für die ganze Gemeinschaft.

Mit der Zeit habe ich die Baracke wohnlich gemacht. Zuerst wurde der Mauersteinfußboden mit einem Estrich versehen. Als Kalkersatz holte ich mir Karbidschlamm von Schlossereien, die froh waren, den Abfall loszuwerden, und den Sand von Baustellen. Als nächstes habe ich einen Wandschrank gebaut, nachdem wir gespundete Bretter besorgen konnten. Mein Werkzeug bestand aus Säge, Taschenmesser und Hammer sowie Zollstock. Danach wurden Seitenwände ca. 1,20 m hoch gemauert und verputzt und eine Trennwand gezogen, so dass wir nun Schlaf- und Wohnraum hatten. Zum Schlafen hatten wir zwei doppelstöckige Luftschutzbetten für meine Eltern, meine Schwester und für mich.

Natürlich war es im Winter sehr kalt, so dass ich gezwungen war, öfters zum Kohlenklau zu gehen. Da wir in der Nähe vom Gaswerk Barmbek wohnten, war es gar nicht so schwer. Am Sonnabend wurde immer Koks für die Krankenhäuser gefahren. Wir haben uns zu 6 bis 8 Leuten am Tor vor der Autowaage versammelt, und dann bekamen der Fahrer und der Pförtner von jedem eine Amizigarette. Der Wagen fuhr nach dem Wiegen langsam an, und wir sprangen von hinten auf. Bis zur Barmbekerstraße fuhr er recht langsam die Weidestraße hinunter und bis dahin mussten die Säcke voll und wir abgesprungen sein. Wichtig war auch, dass man keinem Polizisten in die Arme fiel. Es ist aber immer gutgegangen.

Später konnte ich noch Decken und Schrägwände mit Papptafeln ausbauen, so dass wir es recht gemütlich und warm hatten.

Aus den Ruinen habe ich Steine geborgen und verkauft - 100 Stück für 600 RM. Auf diese Weise konnten wir unsere Verpflegung ein bisschen aufbessern. Ein Brot kostete 150 RM, eine Flasche Speiseöl 100 RM. So konnte ich trotz meines ? uns das Leben ein wenig erleichtern. Zur Währungsreform gelang es uns im Mai 1948 zu einer Wohnung zu kommen, aber das ist eine andere Geschichte. Leider hat mein Vater das nicht mehr erlebt. Er ist im Oktober 1946 verstorben. Er brauchte immerhin nicht in einem Leihsarg beerdigt zu werden.

 

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