Dieser Eintrag stammt von Elena Sigart *1989


Wann hören diese Hänseleien endlich auf?
Interview mit Frau Erna Ickert, *1931

Die Familie Scherer wohnte im Jahr 1941 noch friedlich auf ihrem Weingut in Freudental, das im Odessa-Gebirge in der Ukraine liegt. Sie besaßen zu der Zeit Vieh, Land, Bienen, Schweine und ein eigenes Haus. Doch dieses Leben nahm schon bald ein Ende:
Am 27. Juli 1941, so erinnert sich Erna Ickert noch genau, sind zum ersten Mal Bomben gefallen, und das direkt auf ihr Feld. Gleich nach dem Angriff wurden ihr Vater, ihr Onkel, und ihr Großvater auf ein Feld gebracht, wo sie Schützengräben bauen mussten.

Am 9. Oktober 1941 bekamen sie einen Brief, in dem ihnen mitgeteilt wurde, dass der Vater erschossen worden ist, weil er Deutscher war. Dieses Vorgehen der Russen konnte und wollte die Familie nicht verstehen. Die Mutter musste die drei Töchter von da an alleine versorgen. Drei Jahre lebten sie noch in ihrer Stadt. Im März 1944 kam ein Aufruf von Hitler, dass alle Leute aus dem Dorf in zwei Stunden ihre Sachen gepackt haben müssen. Die Nachbardörfer waren schon längst verlassen.

Panik brach bei allen aus, denn keiner wusste, wohin das alles führen sollte. So ging es dann los mit der Verschickung. Sie zogen mit ihren Pferden und Kühen los, denn die Wagen sollten sie zurücklassen.
Überall auf dem Weg lagen Tote, darunter viele Kinder. Wir mussten über sie hinwegsteigen. Zwei Monate waren wir schon unterwegs und fühlten uns wie Zigeuner. Die Erinnerung an das Leiden in dieser Zeit war ihr anzumerken. Sie zogen immer weiter, in Richtung Polen und Deutschland bis an einen Fluss, an dessen Namen Erna sich nicht mehr erinnern kann. Die Pferde wurden ihnen dort auch noch abgenommen, damit sie mit einem Boot auf die andere Seite fahren konnten. Die Mutter verkaufte dann die einzige Kuh, die sie noch hatten, da diese sowieso keine Milch mehr gab, aber die Kinder Hunger hatten.

Je nach den Umständen schliefen sie manchmal in einer Kirche oder im Korridor einer Schule. Als sie in Polen angekommen waren, wurden sie mit Autos zu einer Kirche gebracht, die voller Stroh war. Dort bekam jede Familie eine Ecke für sich. Zwei Tage bekamen sie dort noch zu essen. Dann entschlossen sie sich dazu, ihre Gastgeber zu fragen, ob man ihnen nicht einfach die Lebensmittel geben könne, damit sie dann selber kochen können. Lachend erinnerte Erna sich an ihren selbstgebauten Herd. Sie hatten Holz zum Feuer machen und Töpfe hatten sie noch aus ihrer Heimat. So konnten sie sich die Leibgerichte aus ihrer Heimat kochen.
In dieser Kirche konnten sie aber nicht lange bleiben, deshalb wurden alle auf Häuser in dem Dorf Schwerdingen verteilt. Die Polen wurden gezwungen, ihre Häuser mit ihnen zu teilen, denn es gab zu wenige Unterkünfte. Erna und ihre Familie verspürten in dem Augenblick endlich einmal wieder Freude. Sie hatten jetzt alle ein Bett, in dem sie schlafen konnten, was natürlich nicht zu vergleichen war mit dem Schlafen auf dem Boden. Sie bekamen jetzt auch genug zu essen und Kleider. 

In Schwerdingen blieben sie sechs Monate. Erna ging zu der Zeit auch wieder zur Schule. Aber an diese Zeit erinnert sie sich nicht gerne. Voller Zorn berichtet sie, wie die Mitschüler sie "Flüchtlinge vom Schwarzen Meer“ oder „Schwarzmeer-Deutsche" genannt haben. Im Großen und Ganzen wurden sie ständig gehänselt und beschimpft. In der Schule, so konnte sie sich noch erinnern, mussten sie stricken und Knoten einer Krawatte für die Soldaten und für die Hitlerjugend machen.

Eines Nachts kamen dann die Deutschen und gaben ihnen die Anweisung, das Land zu verlassen, weil die Russen schon in der Nähe waren. So musste die Familie wieder einmal weiter ziehen. Diesmal ging die Reise nach Deutschland. Noch in derselben Nacht kamen sie dort an und Erna wird diesen Anblick nie vergessen. Überall leuchtete es so schön und so bunt. So etwas hatten sie in ihrer Heimat nicht einmal zur Weihnachtszeit gehabt. Das Dorf, in das sie kamen, hieß Bardewitz und lag in der Nähe von Jüterbog. In Deutschland wurden sie wieder auf verschiedene Häuser verteilt. Erna kam mit ihrer Mutter und ihren zwei Geschwistern zu einer alleinlebenden Frau.

Hier konnte sie auch wieder zur Schule gehen. Ihre Mutter musste sich Arbeit suchen, indem sie auf einigen Bauernhöfen fragte, ob dort Hilfe gebraucht werde. Sie erinnert sich aber, dass das Leben auch dort kein Spaß war, denn ständig wurden sie auch hier gehänselt und bekamen in der Schule sogar Schläge. Es bestand eine Art der "Rassentrennung". Zum Beispiel gab es in den Geschäften zwei Ladeneingänge und an einer Tür hing ein Schild mit der Aufschrift: "Psst Feind hört mit!"

An einem sonnigen Tag spielten Erna und ihre Schwester draußen, während die Mutter etwas im Hinterhof erledigte. Da fing plötzlich die Erde an zu beben und man hörte Flugzeuge. Eine Bombe fiel direkt auf die Schule. Aus allen Richtungen sah man Russen auf ihren Wagen in das Dorf einmarschieren. Der Krieg war zu Ende.

Zwei russische Soldaten erkannten an der Kleidung der Kinder, dass es russische Mädchen waren. Also kamen sie zu ihnen und fragten sie auf russisch, wo ihre Mutter sei. Die beiden Soldaten hatten nichts zu essen. Die Kinder riefen also ihre Mutter und diese gab den Männern etwas zu essen aus dem Haus der Herrin. Als Dankeschön schenkten sie Erna eine Puppe. Sie kann sich nur an einige solcher netten Gesten der Russen erinnern. Ständig hörte man jedoch von Vergewaltigungen und Diebstählen, was sie bis heute nicht verstehen will.
Aber sie erinnert sich doch, dass die Russen viele Läden aufbrachen und beraubten. Sie sagten zu Erna, dass sie sich auch bedienen darf und nehmen soll, was sie will. Sie nahm sich nur einen Regenschirm und ein paar Süßigkeiten.

Doch da der Krieg nun vorbei war, mussten sie wieder raus aus Deutschland. Sie wurden mit Autos und mit Zügen in ein Sammellager gebracht. Von dort fuhren sie alle mit einem Viehwaggon in ihre Heimat, so dachten sie jedenfalls.
Auf dem Weg machten sie einen Halt auf einem großen Platz, wo viele Leute Tauschhandel betrieben, weil sie alle nichts zu essen hatten. Die Mutter wollte einen Anzug ihres Mannes tauschen, um dafür Essen für die Kinder zu bekommen. Ein Mann wollte ihr den Anzug sogar stehlen, doch die Mutter ließ ihn nicht los. Als schließlich der Zug schon losfuhr, wurde sie zum Glück und mit Hilfe von einigen Männern noch hochgezogen. Erna erinnert sich noch, wie ihre kleineren Geschwister weinten, weil sie Angst um ihre Mutter hatten.

Als die Fahrt zu Ende war, bemerkten sie, dass sie in Kasachstan waren. Sie fragten einige Beamte nach dem Grund und diese sagten, dass sie nicht in ihre Heimat zurück dürften. Da erinnerte sich Erna, dass ihre Hausherrin damals schon meinte, dass sie nicht in ihre Heimat zurückkommen würden.
Damit mussten sie sich jetzt abfinden. Sie wurden wieder einmal auf Autos verteilt und Familienweise in ganz Kasachstan angesiedelt. Erna und ihre Familie kamen nach Semipalatinks. Sie hatten eine schreckliche Zukunft vor Augen, denn sie mussten in Baracken leben, die wie Pferdeställe waren.
Auf der Straße und in der Schule wurden sie als Faschisten bezeichnet oder auch als Hitlerkinder.

Erna belastete dieses Thema sehr schwer, denn nirgends wurden sie als Mitmenschen angesehen. In Deutschland wurden sie als Russen bezeichnet und in Russland (Kasachstan) als Faschisten. Sie mussten sich einen neuen Ruf aufbauen. Ihre Mutter musste schwer arbeiten und die Kinder versuchten sie zu unterstützen. Erna hatte einmal eine gute Idee. Sie hat die Perlen, die an ihrem Regenschirm waren, zu einer Kette gemacht und auf dem Markt erfolgreich verkauft. Irgendwie musste man Geld verdienen, also fingen sie an, Tücher zu besticken , die sie dann auf dem Markt verkauften. Doch das war nicht gerade ein Spaß, denn sie saßen oft die ganze Nacht mit ihrer Mutter zusammen und stickten.

Deutsche Sprache war in Kasachstan nicht erlaubt, zum Beispiel wurden die Menschen, die deutsch sprachen oder deutsche Lieder sangen, mit 25 Jahren Gefängnis bestraft.

Nach Stalins Tod, im Jahre 1953, konnten sie nun endlich tun, was sie wollten, und die Hänseleien ließen nach. Erna lernte einen jungen Mann kennen, den sie heiratete. Da sie damals sehr arm waren, mussten sie noch bei der Schwiegermutter wohnen. Ihr Leben veränderte sich nun drastisch, doch vergessen kann sie diese Zeiten immer noch nicht.