Dieser Eintag stamm von Aline Studemund (*1992)

Ergebnisse eines Interviews mit Frau X (*1934)

Die Vertreibung aus Pommern

Ich lebte damals mit meiner Familie in Freetz, einem Ort in der Nähe von Stolp. Mitte März 1945 sind die Russen in unser Dorf einmarschiert. Drei Tage zuvor sind wir 4 Kinder, meine Oma und meine Mutter mit dem Planwagen losgezogen und wollten Richtung Westen. Wir kamen aber nur 25 km weit, dann haben uns die Russen eingeholt. Die Nacht konnten wir auf einem Bauernhof übernachten. Die ganzen Straßen waren voll mit Flüchtlinge und Pferdewagen aus Ostpreußen. Am nächsten Tag sind wir wieder in unser Dorf zurückgefahren.

Die ersten Russen waren recht human. Die, die später kamen, plünderten und suchten nach Frauen. Ich damals erst 11 Jahre alt, das war mein Glück. Meine Mutter dagegen ist von zwei Russen vergewaltigt worden. Eines Tages mussten mein Bruder und ich mit meiner Mutter ins Dorf zu einem Arzt. In dem Warteraum saßen viele Frauen, wahrscheinlich hatten alle das gleiche Schicksal wie meine Mutter, denn sie war schwanger. Ich denke, der Arzt hat ihr das Kind abgenommen. Sie sprach mit uns nie über dieses Thema. Die Entscheidung fiel ihr bestimmt nicht leicht , denn meine Mutter war ein sehr frommer Mensch. Eines Tages mussten wir unser Haus räumen, denn es wurden Russen bei uns einquartiert. Diese sollten eine gesprengte Eisenbahnbrücke bei Schlawe-Stolp wieder aufbauen. Sie hausten etwa 4-5 Wochen bei uns. Es sah bei ihnen immer aus wie im „Schweinestall“.

400 Meter hinter unserem Haus verlief eine Bahnstrecke. Auf der Dampflok stand noch „Räder rollen für den Sieg“. Diesen Anblick werde ich wohl nie vergessen.

Es war der 18. Oktober 1945 gegen 23.30 Uhr, ich war damals elf Jahre alt, als Polen über unseren Zaun kletterten, um auf unseren Hof zu gelangen. Sie klopften an die Tür.

Als die Polen kamen, lief meine Oma weg. Sie wollte nicht mitgenommen werden. Alle Bewohner mussten sich anziehen und sich im Dorf an einer Sammelstelle aufstellen. Dort blieben wir bis zum Morgengrauen, als meiner Mutter einfiel, dass mein Vater, der zu dem Zeitpunkt auf Usedom war, alle Papiere in meinem Schulrucksack versteckt hatte. Daher musste ich wieder zurück und den Rucksack holen. Ich lief um mein Leben. Ich hatte sehr große Angst , dass meine Mutter ohne mich losfahren würde und ich von meiner Familie getrennt wurde. Ich war sehr erleichtert, als ich sah, dass noch alle da waren.

Am Morgen wurden wir alle in einem Viehwaggon „gequetscht“. Wir wussten nicht, was mit uns geschehen würde. Das einzige, was uns erzählt wurde, war, dass wir Richtung Westen fahren.

Ich weiß nicht, wie lange wir unterwegs waren. Wir bekamen nichts zu essen und zu trinken. In dem Viehwaggon war auch eine junge Mutter, die Zwillinge hatte. Die Kinder haben die lange Zeit ohne Essen und Trinken nicht überlebt, sie starben. Sie wurden dann einfach von den Polen aus dem Waggon geworfen. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie die arme Frau sich gefühlt haben muss. Wenn wir einmal anhielten, kamen die Polen und stahlen uns unser letztes Hab und Gut. Außerdem traten und schlugen sie uns, wenn ihnen etwas nicht passte.

Nach langer Zeit mussten wir alle den Waggon verlassen. Es war bitterkalt und wir mussten sehr lange draußen warten. Endlich kam dann irgendwann ein „Bummelzug“ und es war wieder die Angst da, dass wir getrennt werden. Lange fuhren wir, immer wieder mit Wartezeiten verbunden, bis nach Berlin.

Ich weiß nicht mehr genau, wie und womit, aber wir fuhren weiter bis nach Mecklenburg. Dort wurden wir in ein Massenlager gesteckt. Viele Menschen starben an Hunger und Durst, aber auch an Krankheiten. Es wurde ein großes Loch gegraben, in das dann die Leichen geworfen wurden. Es war grauenvoll, dieses mit anzusehen zu müssen.

Irgendwann durften meine Mutter, meine 3 Geschwister und ich auf ein Feld und wir haben dort Kartoffel gesammelt. Diese haben wir dann sehr provisorisch auf einer selbst gebauten Feuerstelle aus Steinen „gekocht“.

Nach einiger Zeit gelangten wir in die Nähe von Parchim. Dort wurden wir in einem verlassenen Schloss untergebracht.

Am nächsten Tag kam ganz unerwarteter Weise mein Vater. Ich weiß bis heute nicht genau, wie es ihm gelungen war, uns damals zu finden. Das wichtigste aber war, dass wir alle wieder vereint waren.

Als er dann aus seiner Tasche auch noch ein Weißbrot zog, kam es mir wie ein Traum vor. Es war so ein tolles Erlebnis, dass wir alle etwas Gutes zu essen hatten. Leider reichte es nicht sehr lange für 6 Personen. In den nächsten Tagen ging es mir sehr schlecht, ich wurde immer schwächer. Ich war an Typhus erkrankt. Trotzdem schleppte ich mich zu Fuß zur nächsten Bahnstation, die ca. 30 Kilometer entfernt war.

Wir fuhren nach Elmshorn. Dort angekommen, kam ich auf der Stelle ins Krankenhaus. Nach einiger Zeit besiegte ich den Typhus, doch auf Grund dieser Krankheit bekam ich einen Herzfehler. Diesen musste ich ein halbes Jahr lang auskurieren.

Für mich war diese Zeit sehr lang und einsam. Meine Mutter war jedoch froh darüber, dass sie dadurch einen Esser weniger hatte.

Meine Familie lebte zu dieser Zeit in Uetersen, in einem Bretterverschlag.

Nach einem halben Jahr konnte ich endlich das Krankenhaus verlassen. Doch ich konnte nicht mehr laufen! Die ganze Zeit im Krankenhaus musste ich stramm liegen und meine Muskeln waren dadurch schwach geworden.

Nachdem ich endlich wieder laufen gelernt hatte, zogen wir zu meinem Vater nach Reetwisch. Dort hatten wir ein Zimmer, das wir auch noch mit fremden Personen teilen mussten. Außerdem gab es keine Betten, das hieß, wir schliefen auf dem Boden.

Im Jahre 1948 musste meine Oma, die wieder in unserem Haus gewohnt hatte, Freetz verlassen. Sie durfte nur so viel, wie sie tragen konnte, aus unserem alten Bauernhaus mitnehmen, wie zum Beispiel Decken.

Sie legte in etwa die gleiche Strecke wie wir zurück, nur auf eine etwas bequemere Weise. Einmal ging sie in einen Wald. Sie war so erschöpft, dass sie einfach nicht mehr weiter konnte. Sie legte sich unter einige Bäume und schlief. Als sie am Morgen erwachte, sah sie um sich herum sehr viele Wildschweinspuren. Es war ein Wunder, dass diese ihr nichts getan haben. Nach vielen Tagen holten wir sie dann schließlich in Bad Oldesloe am Bahnhof ab.

Irgendwann bekamen wir bei einem Bauern ein Zimmer mit einem kleinen Kaminofen. Ein Tischler hatte uns bereits zwei Betten gebaut. Darin lagen wir alle und waren froh, nach dieser langen Zeit endlich wieder ein Bett zu haben.

Der Winter 1947/48 war sehr kalt. Wir bewahrten unsere Kartoffeln unter dem Bett auf, wo sie dann sogar angefroren waren.

Nach noch ein paar Umzügen lebten wir auf einem Gut, wo wir Schweine und Hühner halten konnten. Außerdem hatten wir noch einen Garten. Nun brauchten wir nicht mehr zu hungern. Die Schule hatte auch wieder begonnen, aber wir Kinder mussten in unserer Freizeit bei der Arbeit helfen.

1958 baute mein Vater mit meinem Bruder, der Maurer gelernt hatte, ein schönes Haus, nachdem wir eine neue Heimat in Schleswig-Holstein gefunden hatten.