Dieser Eintrag stammt von Tatjana Littig

Interview mit Lilli, geb. am 06.04.1928 
Am 9. Mai 1945 wurde um 4.00 Uhr morgens im Radio durchgegeben, dass der Krieg beendet war. Wir gingen alle auf die Straßen, jubelten, sangen, tanzten. Musik wurde gespielt. Menschen verschiedenster Nationen umarmten sich. Ein Feuerwerk schmückte den Himmel. 

Nun beginnt meine Geschichte:

LEBEN UNTER DER „KOMMANDANTUR“


Den zweiten Weltkrieg, wobei dieser für uns, oder zumindest für mich als Kind am 22. Juni 1941 anfing, erlebte ich in Kirgisien in der Stadt Frunsa. In dieser Stadt lebte ich mit meiner kranken Mutter im Krieg alleine, da meine beiden Brüder Militärdienst ableisteten und an die Front geholt wurden, wo sie aber wenig später, nachdem der Krieg angefangen hatte, 1941 abgezogen und in die Arbeitsarmee gesteckt wurden, genauso wie mein Vater und meine Schwester. 
Nachdem der 2. Weltkrieg nun am 9. Mai 1945 beendet war durften die Menschen in der Arbeitsarmee diese nicht verlassen und in die Heimat zurückkehren, aus der sie 1941 entrissen wurden. 1946 bekamen sie allerdings die Erlaubnis ihre Familie zu sich zu holen. 
Mein Vater machte von dieser Erlaubnis Gebrauch. Er holte meine beiden Brüder und meine Schwester, die in unterschiedlichen Arbeitslagern waren, zu sich. Auch meine kranke Mutter und mich holte er im selben Jahr mit der Begründung, dass wir bei ihm in Gremjatschensk leben dürften, ab.
So machten wir uns zu dritt mit dem Zug auf den langen Weg von Kirgisien in den Ural. 
Ich kann mich nicht mehr daran erinnern wer uns, als wir in der Stadt Gremjatschensk ankamen, mitteilte, dass wir unter Kommandantur kamen, aber wir akzeptierten es, weil nach einem Gesetz der Regierung in Moskau alle Deutschen unter Kommandantur standen. 
Zuerst war Gremjatschensk ein Dorf, aber nachdem immer mehr Menschen aus der Arbeitsarmee ihre Familien zu sich holten, dehnte sich das Dorf zur Stadt aus.
In dieser Stadt lebten zwar nicht nur Menschen deutscher Herkunft, aber nur diese standen in dieser Stadt unter Kommandantur.

Das Leben unter Kommandantur war wie ein Leben im Gefängnis. Man hatte, obwohl man sich in der Stadt frei bewegen durfte, das Gefühl, dass man eingesperrt war. Außerhalb der Stadt durften wir uns nur mit Genehmigung des Kommandanten aufhalten, die wir allerdings, vielleicht aus Angst vor Flucht, nicht bekamen. 6 km von der Stadt entfernt befand sich ein Bahnhof. Hielt man sich dort ohne Erlaubnis auf und wurde kontrolliert, ohne sich mit der Erlaubnis ausweisen zu können, wurde man vor Gericht gestellt und mit 10 Jahren Haft bestraft. 
Einmal im Monat mussten wir uns bei unserem Kommandanten melden und einen Zettel unterschreiben, damit sichergestellt war, dass noch alle da waren und niemand floh. Fehlte die Unterschrift von jemanden konnte nach im gesucht werden. Aus Angst vor dem Gefängnis floh keiner. 

Als wir in der Stadt ankamen, lebten meine Mutter und ich zuerst in einem Haus mit einer anderen Familie. Nachdem mein Vater aber 1949 ein Haus gebaut hatte, zogen wir selbstverständlich in dieses ein. Dieses Haus hatte drei Zimmer und eine Küche. Das Klo befand sich draußen. Dusche oder Bad gab es nicht, nur eine öffentliche Sauna in der Stadt.

Noch im selben Jahr nach unserer Ankunft in der Stadt suchte ich mir eine Arbeitsstelle und fing an als Buchhalterin in einem Büro zu arbeiten. Dieser Arbeit ging ich bis 1955 nach.
Mein Arbeitstag begann um 9.00 Uhr morgens und endete um 18.00 Uhr. Zwischendurch hatte ich 30 Min. Pause. So ging das von Montag bis einschließlich Samstag.
Für die Arbeit, die wir verrichteten, wurden wir natürlich bezahlt. Zudem bekamen wir Karten.
Beim Vorzeigen der Karten bekamen wir unser Essen, was wir dann bezahlen mussten.
Von 1941 bis 1947 existierte nämlich das Kartensystem in der Sowjetunion, so das jedem eine bestimmte Anzahl von Nahrung am Tag zustanden.
Die Arbeiter in der Arbeitsarmee bekamen 800 gr Brot täglich und eine Suppe. Die anderen Menschen, die ihre Arbeit im Büro verrichteten, bekamen 500 gr Brot täglich und die Menschen, die nicht arbeiteten, sowie Kinder bekamen 300 gr. Einmal im Monat standen jedem zudem auch noch 500 gr Zucker zu. Wenn der Zucker alle war, erhielt man statt diesem 1 kg Kekse. Brot, Suppe und Zucker  bzw. Kekse waren das einzige Essen was es gab.
Solche Karten gab es nicht nur für Lebensmittel, sondern auch noch für Kleidung. Arbeitete man gut, kam es schon mal vor, dass man z.B. Socken, ein Kleid, oder einfach nur Stoff bekam.
Dieses System wurde 1947 abgeschafft, woraufhin es auf einmal alles in Geschäften zu kaufen gab und das beste war, dass jeder, wenn er denn Geld hatte, von den Angeboten Gebrauch machen konnte.

In unserer Freizeit gingen wir manchmal in einen Club, der sich natürlich in der Stadt 
befand. In diesem Club liefen an den Werktagen Filme. Der 1. Film lief von 18.00 - 20.00 Uhr, der 2. und auch letzte von 20.00 - 22.00 Uhr. Am Wochenende fand in diesem Club eine Disco statt.

1955 wurde auf ein Gesetz von der Regierung in Moskau die Kommandantur aufgelöst und man durfte hinziehen, wohin man wollte.


(Anmerkung: Die Daten des Kriegsbeginns und Endes stimmen nicht mit den deutschen Daten überein. Dies liegt sicherlich zum einen an der Zeitverschiebung, zum anderen an einer möglichen Verzögerung der Nachrichten.)

Siehe auch Erläuterungen zu diesem Bericht