Dieser Beitrag stammt von Stefan Tiedchen, (*1934)

Kriegsende in Hamburg

Von meinem häuslichen Arbeitsplatz aus fällt mein Blick auf ein kleines Schiffsmodell, das auf der Fensterbank steht. Es ist ungefähr 10 cm lang, ein Segelschiff, der Takelung nach eine Bark. Es ist mein Weihnachtsgeschenk, übrigens das einzige, 1945 gewesen. Ich war damals 11 Jahre alt.

Das kleine Modell aus Holz hat mein Vater mit einem Taschenmesser, einer Stopfnadel, einem Rest Garn (für die Takelage) und den Resten von Ölfarbe eines Hobbymalers gefertigt. Der Hobbymaler war ein Kapitän, mein Vater war Schiffsingenieur, und entstanden ist die Miniatur auf einer spätherbstlichen Schiffsreise von Hamburg nach England.

Unsere Familie das sind meine Eltern, zwei jüngere Brüder von mir und ich – hat den Zweiten Weltkrieg körperlich unversehrt überlebt. Aus der Evakuierung sind meine Mutter, meine Brüder und ich nach Hamburg noch im Sommer 1945 zurückgekehrt, als dort, wo wir uns bis dahin aufgehalten haben, die russische Besatzungsmacht einzog. Wenig später stieß mein Vater zu uns mit wenigen Habseligkeiten. Sein letztes Schiff, das mehrfach Flüchtlinge über die Ostsee in den Westen gebracht hatte, hatte er in Flensburg zurückgelassen. War damals die Perspektive insgesamt schon mehr als düster, für deutsche Seeleute gab es nun überhaupt keine Berufsaussichten mehr. Die deutsche Flagge war von allen Gewässern der Erde verschwunden.

Unsere Wohnung in Wandsbek war im Juli 1943 durch Bomben zerstört worden. Bei der alten Mutter eines Kollegen meines Vaters aus der Vorkriegszeit, der auf See geblieben war (die Mutter glaubte bis an ihr Ende unerschütterlich an die Wiederkehr ihres Sohnes), die ihre große Wohnung in der Fröbelstraße am Grindel behalten hatte, freilich mit Kriegsschäden, fand unsere Familie ein Zimmer. Von dessen zweiflügeligen Fenster war ein Flügel mit einer Platte zugenagelt, der andere mit pergamentartigem Glasersatz belegt; nur durch ihn drang trübes Tageslicht in das Zimmer. Meine beiden kleinen Brüder schliefen in einem Bett. Erst im Frühjahr 1946 besserten sich unsere Wohnverhältnisse durch die Mithilfe meines Patenonkels, der Offizier der Royal Airforce war und dadurch über gute Verbindungen zu den Hamburger Dienststellen der britischen Besatzungsmacht verfügte.

Mein Vater, damals Anfang 40 und noch gesund, konnte nicht resigniert die Schultern hängen lassen. Seine bisherige Reederei, die Hamburg-Süd, deren damaliges Gebäude an der Holzbrücke, ein Bau des jüdischen Architekten Martin Haller, den Krieg überstanden hatte, konnte ihm Beschäftigung auch im Hafen nicht bieten, auf See nun schon gar nicht.

Im Hamburger Hafen wechselten Ebbe und Flut wie eh und je, auch damals. Aber der Hafen hatte etwas geisterhaftes. An seinem Rand zur Stadt türmten sich Trümmer der zerstörten Häuser, aus denen der Turm des Michels herausragte. Zerstört waren fast alle Hafenanlagen. Die Ränder der Hafengewässer säumten ungezählte Wracks von Schiffen aller Art, teils schon stark rostend, bei Hochwasser weniger, bei Niedrigwasser mehr sichtbar. Schiffsbewegungen fanden nur vereinzelt statt, mit der Zeit die ersten Hafenfähren, an Seeschiffen nur solche mit fremden Flaggen am Heck hauptsächlich zur Versorgung der Besatzungstruppen. Der Hafen war in weiten Teilen Sperrgebiet wie schon während des Krieges.

Schiffswracks sind eine akute Gefahr für die Schifffahrt, zumal dort, wo der Gezeitenstrom sie bewegen und damit ihre Position verändern kann, so dass sie dabei in das Fahrwasser geraten können. Wrackbergung war deshalb das Gebot der Stunde. Die wenigen Hamburger Taucherfirmen bekamen alle Hände voll zu tun – und Kohlezuteilungen, um damit die Kessel ihrer Dampfschiffe zu beheizen.

Mein Vater erhielt bald eine Anstellung bei der Taucherfirma Beckedorf als Maschinist auf einem Bergungsschiff. Zuvor leitender Ingenieur auf großen Seeschiffen, stand er jetzt mit der Kohlenschaufel vor dem Kessel und inspizierte von Zeit zu Zeit die Dampfmaschine mit der Ölkanne in der Hand. Er hatte also in kurzer Zeit wieder einen Job auf dem Wasser gefunden und verdiente Geld für seine Familie.

Mit dem Geld konnte man allerdings nur das kaufen, was "aufgerufen" worden war, was heißt, dass über das Radio von Dekade zu Dekade bekannt gegeben wurde, auf welchen Abschnitt der Lebensmittelkarte man welche Waren beziehen konnte. Mein Vater erhielt eine solche Karte für Schwerarbeiter und damit erhöhte Rationen. Für Zukäufe auf dem schwarzen Markt fehlte meinen Eltern das Geld.

Nun war es für meinen Vater auf jenem Bergungsschiff nicht damit getan, die Dampfmaschine in Betrieb zu halten. Von Zeit zu Zeit musste er an Deck erscheinen, wenn es nämlich darum ging, den Taucher auf seinen Abstieg in die Tiefe vorzubereiten oder ihm dabei behilflich zu sein, wieder an Deck zu gelangen. Alle Hände an Bord mussten dabei zugreifen. Der Wechsel zwischen der Wärme vor dem Kessel und der Arbeit an Deck bei nasskaltem Herbstwetter setzte meinem mangelhaft ernährten und unzureichend gekleideten Vater so erheblich zu, dass er diese Arbeit bald wieder aufgeben musste mit allen persönlichen Konsequenzen.

Wenig später stand mein Vater wieder in Lohn und Brot und auf Schiffsplanken, aber nur wieder für kurze Zeit, was er von Anfang an wusste, und das kam so:

Einige Seeschiffe der deutschen Handelsflotte hatten den Zweiten Weltkrieg schwimmend überstanden. Sie lagen verstreut in den deutschen Seehäfen, wenige davon auch in Hamburg. Im Zuge der Reparationsleistungen mussten alle Seeschiffe, von winzig kleinen Einheiten und Fischereifahrzeugen abgesehen, an die Siegermächte abgeliefert werden. Mein Vater bewarb sich um Musterung auf eines dieser Schiffe, erhielt kurzfristig Anstellung als Schiffsingenieur auf einem Schiff, das von Hamburg aus an Großbritannien abgeliefert werden musste. Und eben auf dieser knapp einwöchigen Überführungsreise entstand das kleine Schiffsmodell auf meiner Fensterbank.

Mein Vater, der 1977 gestorben ist, ist dann später noch einmal von 1951 bis 1966 als leitender Ingenieur auf Schiffen der Hamburg-Süd zur See gefahren.