Dieser Eintrag stammt von Stefan Tiedchen,  *1934

Aus meiner Schullaufbahn

Im Herbst 1945 nahmen die Schulen in Hamburg den Unterrichtsbetrieb wieder auf in teils stark beschädigten Gebäuden, die sich nicht heizen ließen, weil es an Heizmaterial fehlte. Stromsperren behinderten den Unterricht außerdem. Lehrer kamen zum Teil in ihren Soldatenuniformen in die Schule, weil sie sonst nichts anzuziehen hatten; die Rangabzeichen und natürlich das Hakenkreuz hatten sie von den Kleidungsstücken abgetrennt.

Für mich stand sehr bald die damals selbstverständliche Aufnahmeprüfung für die Oberschule (so hieß seinerzeit das Gymnasium) an: 3 Tage schriftlich in allen Grundfächern, die ich als sog. B-Schüler bestand, was heißt: Reifeprüfung zweifelhaft. A-Schüler waren „klare Fälle“, und C-Schülern sprach man die Eignung für die Oberschule schlicht ab – und nach diesem Maßstab entschied bindend die Schulbehörde, nicht – wie heute – die Eltern. Die Zeit für meine Vorbereitung auf die Prüfung war also kurz, und die Lebensumstände waren schwierig.

Von der Jahnschule wechselte ich auf die Bismarck-Schule, Oberschule für Jungen, – die Koedukation steckte damals in den Anfängen weit entfernt von unserer Schule.

Anfang April 1946 hatten wir Neuen uns einzufinden. Am Vorabend des Tages musste ich kompromisslos früh ins Bett: Jetzt stand der Beginn des Lebensernstes unmittelbar bevor. Auf dem Schulhof hatten sich bei offenem Frühjahrswetter wohl so 60 Jungen meines Alters eingefunden. Begleitende Eltern hielten sich respektvoll im Hintergrund. Zwei Lehrer, jeder mit einer Namensliste, riefen im Wechsel die ihnen zugewiesenen Schüler auf; dann Aufstellen in Zweierreihe und Einmarsch in das Schulgebäude.

Das Schulgebäude hatte den Krieg fast unbeschädigt überstanden dank der Brandwache: Während des Krieges mussten sich nämlich im Wechsel jeweils zwei Lehrer, zum Militärdienst untaugliche Männer, nachts im Schulhaus aufhalten. So konnte ein Brand durch eine Brandbombe im Keim erstickt werden. Frischer waren die Spuren von der Nutzung als Unterkunft britischer Besatzungstruppen. So hatten die Soldaten die Orgel auf der Empore der Aula kaputt-„gejazzt“ – nächtliches Getöse für die Anwohner, jetzt Vergangenheit und Ruhe. Auf dem Schulhof hatten die Soldaten einen Großküchenherd zurückgelassen, der zu rosten begann. Später stellten wir unsere Behälter für die Schulspeisung darauf ab, wenn wir in der großen Pause auf dem Hof tobten, die Mahnung von Zuhause im Ohr: “Sei vorsichtig, es ist deine einzige Hose!“

Das Schulhaus stand schon 1946 wohl nur deshalb wieder für seinen Zweck bereit, weil der Direktor, ein Herr im besten Sinne und kurz vor der Pensionierung, aus der Vorkriegszeit bestehende Beziehungen zu England wiederbelebt hatte, und ein ebenso ansehnlicher Herr aus England übernahm für unsere Schule die Patenschaft und besuchte uns auch. Die Schüler der Oberstufe korrespondierten übrigens mit George Bernard Shaw (1856-1950).

Das Schulgebäude hatte nur in wenigen Räumen, in keinem der Klassenräume elektrisches Licht. Deshalb begann im Winter der Unterricht erst um 9 Uhr, allerdings ganz selbstverständlich auch sonnabends.

Sehr bald mussten wir in unserer Schule für längere Zeit zusammenrücken, weil eine andere Schule das Gebäude mit nutzen musste – eine Mädchenschule! Unser Klassenzimmer wurde in den Biologieraum verlegt. Wir durften fortan nur noch eines der beiden Treppenhäuser benutzen, die Mädchen das andere. Zur Wahrung der Sittlichkeit fanden die Hofpausen zu verschiedenen Zeiten statt, und selbstredend hatte jede der beiden Schulen ihren gesonderten Eingang. Wehe, man erkühnte sich, sich zu „verlaufen“!

Die Begebenheiten aus jener Zeit sind mir deutlich in Erinnerung, weil unser Abiturjahrgang sich nun schon fast 50 Jahre trifft, immer am Dienstag vor Buß- und Bettag, und dann wird natürlich auch von damals erzählt. Inzwischen sind wir alle Rentner und Pensionäre.