Dieser Eintrag stammt von Wiebke Maaß

Die Versorgungslage nach dem 2. Weltkrieg

Ergebnisse eines Interviews mit Herrn Z.

Kurz nach dem Kriegsende wurden die Vorräte so knapp, dass jeder für sich selbst Wege zur besseren Versorgung finden musste. Überall musste gespart werden. "Wer diese Zeit miterlebt hat, der ist dadurch geprägt worden und lebt auch heute noch sparsamer. Wir waren damals so eingeschränkt, dass wir heutzutage wohl auch einfachere Dinge zu schätzen wissen," erzählt mir Herr Z..

Natürlich waren die Reserven und Vorräte auch während des Krieges sehr knapp. Die Zeit der schlechtesten Versorgung war aber Ende der 40er Jahre. Jeder Bürger bekam Monats- und Wochenkarten. Erst durch diese Karten war es einem erlaubt, überhaupt Lebensmittel zu kaufen und dieses nur in geringen Mengen. Auf diesen Karten war genau angegeben, wie groß die Rationen sein durften und diese musste man teuer bezahlen. Vor den Lebensmittelgeschäften standen oft sehr lange Schlangen von wartenden Leuten. Ähnliche Karten gab es auch für Bekleidung und Tabakwaren. 

Wer ein starker Raucher war, hatte es schwer, denn natürlich waren die Tabakrationen knapp bemessen und teuer außerdem. Aber selbst wenn ein Bürger genügend Geld besessen hätte, um sich ausreichend mit Tabak, Nahrungsmitteln und Bekleidungsstücken auszustatten, es wäre ihm nicht möglich gewesen, denn mehr als auf den Karten vorgesehen war, konnte man nicht kaufen. Die einzige Chance, zusätzliche Waren zu erhalten, war, gegen andere Waren zu tauschen oder zu verkaufen. Wer z.B. ein Nichtraucher war, hatte gegenüber Rauchenden natürlich gewisse Vorteile, denn er konnte mit seinen Tabakmarken auf dem neu entstandenen Schwarzmarkt handeln. Allerdings wurden hier Wucherpreise gefordert.

Der allgemeine Bürger, so Herr Z., sah zu dieser Zeit wirklich verarmt aus. Die Bekleidung war alt und und es kam schon mal vor, dass ein Hemd mit durchgetragenem Kragen einfach unten abgeschnitten wurde, um den Kragen oben zu reparieren. Aber nicht nur hier war die Geschicklichkeit und die Erfindungsgabe der Mütter und Hausfrauen gefragt. Auch musste man sich bemühen, seiner Familie trotz fehlender Nahrungsmittel ein ausreichendes und möglichst schmackhaftes Essen zuzubereiten. Auf Grund der fettarmen Nahrung war man ständig auf der Suche danach seinen Fettbedarf zu decken, aber trotz der Bemühungen sah die Mehrheit der Bürger sehr mager aus. Der Hunger war wirklich groß. Wer Beziehungen zu Bauern auf dem Lande hatte, der war dadurch ein wenig im Vorteil, denn man konnte vielleicht einmal etwas ertauschen, das mit den Lebensmittelkarten nicht zu erwerben gewesen wäre.

"Wir schafften uns dann Hühner an, da diese erstens Eier legen und man zweitens deren Fleisch essen kann", erzählt uns Herr Z.. Aber natürlich gab es kein Hühnerfutter zu kaufen und so hatte man ein erneutes Problem. Man konnte das Futter aber auf freigegebenen Feldern und Äckern sammeln. Das verlief so: Der Bauer mähte und harkte mit einer großen Maschine, von einem Pferd gezogen, die Felder ab. Wenn beinahe nichts mehr zu holen war, dann ließ er das Feld freigeben. Es war zwar eine mühsame Arbeit, das Feld abzusammeln und meistens kam auch nicht viel dabei raus, aber wenn man doch noch ein Bündel zusammenbekam, konnte man dieses entweder zu größeren Fabriken bringen und gegen Haferflocken eintauschen, oder man nahm die gesammelten Ähren nach Hause und verarbeitete sie selbst mit einem Dreschflegel.

In einem besonders kalten Winter, Ende der 40er Jahre, kam es dazu, dass in vielen Häusern die Wasserleitungen einfroren. Die Nachbarn kamen zu uns und nahmen sich Eimer voll mit Wasser mit. Wenn sie an die Tür klopften, baten wir sie sehr schnell herein, damit nicht so viel kalte Luft ins Haus kam.
Auch hier war das Feuerholz knapp, um jedes Grad Wärme wurde gekämpft. Die Engländer ließen zu dieser Zeit die umliegenden Wälder abholzen und das aufgestapelte Holz war sehr begehrt. Viele Leute versuchten etwas davon zu ergattern, obwohl man sehr vorsichtig sein musste, um nicht erwischt zu werden. Auch Herr Z konnte mir von so einem persönlichen Erlebnis berichten:

" Ich war damals ein Student und abends, wenn es dunkel wurde, sind mein Bruder und ich in den Wald geschlichen, um etwas von dem Klobenholz zu klauen. Hatten wir etwas ergattert, so brachten wir es zu Freunden, welche am Waldrand wohnten. Später, oder an einem der nächsten Tage haben wir es dann abgeholt; es wäre einfach zu gefährlich gewesen es nachts ganz bis nach Hause zu transportieren. Einmal haben sie uns bemerkt, da wir unser Holz aber nicht verlieren wollten, sind wir schwer bepackt davon gelaufen. Die Last wurde jedoch bald zu groß und so blieb uns nichts anderes übrig, als das Holz abzuwerfen und in den eiskalten Fluss zu springen, um nicht erwischt zu werden. Denn es gab natürlich eine hohe Strafe auf so ein Vergehen. Dennoch gingen sehr viele dieses Risiko ein, da niemand erfrieren wollte.
Auch viele Studenten hatten eine Möglichkeit gefunden, sich Brennmaterial anzueignen. Wenn die Züge, damit sind alte Dampfzüge gemeint, unterwegs hielten und gegenüber stand ein Kohletransport, dann war Eile angesagt. Man musste schnell vom überfüllten Zug abspringen, zu den Kohlezügen laufen und so schnell, wie es nur ging, seine Behältnisse füllen. Meistens griffen die Wachtposten nicht ein, vielleicht weil sie sogar Verständnis für diese Plündereien hatten."