Dieses Eintrag stammt von Nadine Borchardt (*1991)

Meine Jugend in der NS-Zeit

Interview mit Frau B. (*1934)

 

Wann sind Sie geboren?

Ich bin am 9.Januar 1934 in Bergedorf/ Hamburg geboren, sodass ich in der Kriegszeit ein junges Mdchen war.


Wo sind Sie aufgewachsen?

Ich bin in Bergedorf aufgewachsen und habe am Weidenbaumsweg gelebt. Dort hatten wir eine Wohnung, in der ich mit meinen Eltern, zwei Brdern und einer Schwester, die allerdings erst im August 1942 geboren wurde, wohnte.

Wie ging es Ihrer Familie?

1933, vor meiner Geburt, wurde mein Vater kurzfristig verfolgt, da er eine sozialistische Gesinnung pflegte und nichts von den Nationalsozialisten hielt. Sie kamen zu meiner Gromutter und wollten meinen Vater festnehmen, allerdings konnte er fliehen.

Da mein Vater nicht hinter der Ideologie der Nationalsozialisten stand, versuchte er auch spter alles, um nicht eingezogen zu werden. Er war Former im Eisenbetrieb Brchmann, deshalb wurde er von seiner Firma uk gestellt, was bedeutete, er war fr die Firma unabkmmlich.

 
Musste Ihr Vater trotzdem in den Krieg?

Am Anfang des Jahres 1942 half diese uk-Stellung nicht mehr und er wurde trotzdem eingezogen und musste in den Krieg. So kam es, dass er im April 1945 in russische Gefangenschaft geriet. Als er von den Amerikanern befreit wurde, musste er in Erdlchern hausen, es gab nicht genug Platz und keine Unterkunft fr die Gefangenen. Spter wurde er den Englndern bergeben und war dann in Bargteheide in Gefangenschaft. Als die Gefangenen gehen durften, wurden zuerst die Landarbeiter entlassen. So gab sich mein Vater als Landarbeiter aus und kam frei. Er nahm einen
18-j
hrigen Jungen aus den Vierlanden mit und sie liefen zu Fu von Bargteheide nach Bergedorf.

Waren Sie direkt vom Nationalsozialismus betroffen?

In der Schule mussten wir den Anfang des Tages mit dem Hitlergru beginnen und die Nationalhymne singen. Solange diese dauerte, musste der Arm oben bleiben.

Auerdem musste ich mit 10 Jahren zum BDM (Bund Deutscher Mdel), doch meine Mutter lie mich freistellen, indem sie erzhlte, ich msse ihr bei der Haus- und Gartenarbeit helfen.

Was haben Sie direkt vom Krieg mitbekommen?

Immer wieder gab es Fliegeralarm. Egal wo wir uns befanden, bei Fliegeralarm musste man schnell nach Hause rennen und Schutz in einem Bunker suchen. Allerdings htten die Bunker einen sowieso nicht geschtzt, denn in Bergedorf gab es nur wenige Bunker, die einem Angriff standgehalten htten.

Wie war die Versorgung mit Lebensmitteln im Krieg?

Die Versorgungslage war sehr schlecht, die Essensmarken reichten hinten und vorne nicht. Die Menschen wurden in Kategorien eingeteilt: Schwangere und Kranke bekamen etwas mehr zu essen, aber auch das reichte nie. Wir mussten selber backen, um nicht zu verhungern.

Zum Glck war mein Vater im Zweitberuf Hausschlachter und, weil er dadurch die Mglichkeit hatte schwarz zu schlachten, hatten wir ab und zu Fleisch. Gott sei Dank hatten wir einen groen Schrebergarten, also hatten wir auch Obst, von der Erdbeere bis zur Quitte. So konnten wir Obst einkochen oder selber Sfte herstellen. Auerdem hatten wir Glck, dass wir in unserem Schrebergarten auch Hhner, Kaninchen und sogar ein Schwein halten konnten. Das alles hat uns wohl das Leben gerettet, sonst wren wir vermutlich verhungert.


Wir war die Versorgung mit anderen wichtigen Dingen geregelt?

Es gab zwar auch Textilmarken, Bezugsscheine, doch trotzdem musste man Schuhe, wenn sie zu klein wurden, vorne aufschneiden, sodass die Zehen rausguckten. Im Sommer sind wir deswegen sogar barfu gelaufen.

Die Winter waren sehr hart und wir hatten kaum etwas zum Heizen. Mein Bruder und ich sind deshalb am Gterbahnhof Kohlen klauen gegangen. Mein Bruder kletterte auf die Zge und warf die Kohlen dann zu mir. Viele Leute taten dies.

Haben die Menschen mitbekommen, was in den Konzentrationslagern passierte?

Das, was in den KZ`s passierte, haben viele gewusst, aber keiner durfte es laut sagen. Nur hinter vorgehaltener Hand unterhielten sich die Erwachsenen darber, wir Kinder wurden sowieso immer aus dem Raum geschickt. Es war auch Zwang Hitler zuzujubeln, bei bestimmten Anlssen musste man sogar Fahnen aus dem Fenster hngen. Man hatte keine Wahl, man musste mit Heil Hitler gren und bei den vorgeschriebenen Ritualen mitmachen.

Wie war das nach dem Kriegsende?

Nach dem Ende des Krieges strmten die entlassenen Gefangenen einmal die Stuhlrohrfabrik. Die Menschen, die in Bergedorf lebten, rannten natrlich hinterher. Mir gelang es Kerzen zu erbeuten, worauf ich sehr stolz war. Spter gab es in der Schule englische Schulspeisung, die allerdings nicht schmeckte. Ich war sehr zierlich, deshalb bekam ich eine Zeitlang auch die schwedische Schulspeisung, welche viel besser schmeckte. Leider bekam man die nur eine kurze Zeit, danach gab es wieder die englische Schulspeisung.

Als im Juli 1948 die Whrungsreform kam, gab es pltzlich alles zu kaufen. Das Kopfgeld betrug 40 Deutsche Mark pro Nase und das Gesparte wurde 1:10 umgetauscht. Alles, was wir uns nur wnschen konnten, gab es pltzlich vor allem auf dem Schwarzmarkt zu kaufen. Damit wurde alles besser und wir mussten nicht mehr hungern.