Dieser Eintrag stammt von Gehrd Fahl (*1928)

Tschernobyl und die Atomkraft

Am 24. April 2010 wurde aus Anlass der 24. Wiederkehr des Supergaus von Tschernobyl eine Menschenkette von Brunsbüttel bis Krümmel gebildet. 30.000 Menschen wären nötig gewesen, gekommen sind aber 100.000. Meine Frau und ich haben daran teilgenommen. Es war ein tolles Erlebnis in der Gemeinschaft.

Nun zu den zusätzlichen Gründen unserer Teilnahme und Haltung gegenüber dieser gefährlichen „Gelddruckmaschine“.
Wir lagen mit unserer Segelyacht viele Jahre in Travemünde im Yachthafen auf dem Priwall. Uns gegenüber am Bootssteg lag der Besitzer einer Straßenbaufirma. Seine Firma hat den Hamburger Rathausmarkt in seiner heutigen Form und in seinem Aussehen gepflastert. Er hatte sich schon in seiner Heimatgemeinde in Hamburg-Volksdorf sozial sehr engagiert.

Er kam nach dem Ereignis von Tschernobyl und der einsetzenden Perestroika auf uns zu und teilte uns mit, dass in den nächsten Tagen, - er nannte auch einen Termin, - mehrere Busse mit Kindern aus Tschernobyl nach Deutschland kämen. Es seien alles verstrahlte Kinder. Ein Tag des Aufenthaltes sollte in Travemünde sein. Seine Idee war nun, die Kinder auf unseren Schiffen zu einer Rundfahrt in die Lübecker Bucht mitzunehmen. Wir erklärten uns sofort bereit. Zur Vorbereitung dieser Unternehmung gingen wir einkaufen, Coca-Cola, Säfte, Süßigkeiten, Kekse und anderes Knabberzeug.
Am nächsten Tag sollte es dann losgehen. Wir gingen mit gemischten Gefühlen in die Kojen. Was kommt da auf uns zu? Schließlich sollten wir am nächsten Tag verstrahlten Kindern gegenüberstehen und ihnen einen schönen Tag bieten.
Tschernobyl war weit und nun plötzlich in seiner ganzen Härte dicht bei uns.

Am nächsten Tag gegen Mittag trafen die Busse ein. Und dann standen sie da und wir auch, -sprachlos.
Die Betreuerinnen hatten den Ton eines preußischen Unteroffiziers. Dementsprechend war auch die Ordnung.

Die Kinder waren im Alter von schätzungsweise 6 – 15 Jahren. Bevor es an die Aufteilung auf die einzelnen Schiffe ging, bekam jedes Schiff eine der englischen Sprache nur wenig mächtigen Schülerinnen zugeteilt. Meinem Schulenglisch, Jahrgang 1940, stand ich selbst sehr skeptisch gegenüber. Aber wie sagt man: „Mut zur Lücke“.

Die Aufteilung ging problemlos über die Bühne. Ein Ereignis, das uns noch heute beschäftigt, war folgendes: In vorderster Reihe der Kinder stand wohl der Jüngste. Er schaute unsicher und verängstigt auf uns Bootsvolk. Plötzlich löste er sich von dem Haufen. Er ging zielstrebig auf meine Frau zu und nahm sie bei der Hand. Er hat sich auch später an Bord nur selten von ihr getrennt. Es war eine ergreifende Begegnung, die uns bis heute nicht aus dem Sinn geht.

Wir hatten wohl sechs oder sieben Kinder und Jugendliche an Bord und legten zu unserer Rundfahrt ab. Unsere Schiffe waren fast alle mit Seefunkgeräten ausgerüstet. So konnten wir auch untereinander in Verbindung bleiben. Die Stimmung an Bord war verhalten fröhlich. Und auch mein Englisch frischte sich merkwürdiger Weise auf.

Diese Fahrten haben wir noch einige Male in den nächsten Jahren wiederholt.
Zum Dank für diese Aktionen kam auch einmal das russische Musikkorps und spielte im Hafen auf. Dies war eine nette Geste, aber den Opfern der Katastrophe hat es auch nicht genützt.

Meine Frau und ich waren noch nie für die Atomkraft. Aber das Zusammentreffen mit todgeweihten Opfern hat uns nachhaltig geprägt.

Aufgeschrieben von Gehrd Fahl, Jahrgang 1928, am 24. Jahrestag des Supergaus von Tschernobyl