Dieser Eintrag stammt von Jasmina Gieselmann (*1992)
und Alexandra Faig (*1992)

Urlaub und Familienaktivitäten in den 60er Jahren

Interview mit Olga H. (*1930)
und Urte (*1938) im September 2011
Jasmina: Wie viel Urlaub hatten Sie als sie Kinder hatten?
Olga: Mein Mann war Beamter und deshalb hatten wir geregelte 28 Tage Urlaub im Jahr. Wir machten immer 3 Wochen lang eine Sommerreise mit unseren 3 Kindern. Darauf wurde natürlich gespart.
Wir hatten mehrere Sparbücher: Eins für den Urlaub, eins fürs Auto und eins für außergewöhnliche Sachen, wie Waschmaschine oder Fernseher. Wenn dann der Urlaub da war, hatten wir was auf der hohen Kante.

Jasmina:
Wo sind Sie im Sommer immer hingefahren?
Olga: Als die Kinder klein waren, sind wir zweimal nach Dänemark gefahren. Und dann zweimal nach Gramais. Das ist in Österreich, ein ganz kleines Dörfchen mit 13 Häusern, sehr bescheiden, aber schön.
Urte: Wir sind immer in ein kleines Heidedorf gefahren in der Nähe von Hamburg. Das machten wir viele Jahre so. Dort haben wir ein kleines Häuschen gemietet, weil es billiger war als in einem Hotel. Ausland kam nicht in Frage, das war viel zu teuer.
Olga: Österreich war zwar Ausland, aber in einem so kleinen Dörfchen war es auch unglaublich billig. Da hatten wir zwei Zimmer, eins für die Kinder und eins für uns. Unten in dem Haus wurde gegessen und ein paar Meter weiter war außerdem ein Viehstall. Hinter dem Viehstall war ein großer Backofen und es gab jeden Morgen frisches Brot. Nach dem Frühstück spielten die Kinder in dem Gebirgsbach, wo sie Staudämme bauen konnten.

Jasmina: Wie sah Ihre Urlaubsgestaltung im Urlaubsort aus?
Olga: In den Bergen sind wir natürlich gewandert. Wir haben versucht, Wanderwege zu erklimmen. Bei drei Kindern ist das schon schwierig. Mein Sohn Marc sagte meistens nach 50 Metern: „Wie weit ist das denn noch?“ Wir haben uns Wanderziele gesetzt, wobei aber das Wetter mitspielen musste. Ein Urlaub dort war fast drei Wochen lang total verregnet, man konnte nicht einmal die gegenüberliegende Bergwand sehen. Es wurde gelesen und endlos Karten gespielt.
In dem Haus wohnte außerdem die Schwester der Hauswirtin. Sie war seit ihrer Jugend krank und bettlägerig. Jeden Morgen wurde sie in den Wohnraum heruntergetragen, wo auch die Gäste frühstückten. Am Anfang war ich verblüfft und als ich die Wirtin fragte, ob die anderen Gäste daran nicht vielleicht Anstoß nehmen, dass da immer so eine Kranke ist, sagte sie, dass diejenigen, die daran Anstoß nehmen, nicht wieder zu kommen brauchten. Die Olga muss auch noch etwas vom Leben haben!. Das hat mir sehr imponiert.
Urte: Ich glaube, es, war früher nicht so selbstverständlich, dass man mit Behinderten zusammen lebt und Ferien verbringt.

Jasmina: Wie sah Ihre Urlaubsgestaltung in der verbleibenden Zeit zu Hause aus?
Olga: Im Hause gibt es immer etwas zu tun. Häufig sind wir mit dem Fahrrad nach Altengamme zu dem Naturschwimmbad gefahren, das Wasser war zwar saukalt, aber das Baden war kostenlos.
Wir lebten vorher in Schwarzenbek: Der Umzug nach Bergedorf hatte viel Geld gekostet und ein Urlaub war nicht finanzierbar. Deshalb haben wir die Umgebung erkundet.
Urte: Wir haben dann einen Schrebergarten gepachtet und den Kindern dort einen Spielplatz mit Schaukel und Sandkasten geschaffen. Den Schrebergarten habe ich heute noch, aber nicht mehr mit Sandkiste.
Manchmal sind wir auch mit dem Schlauchboot auf der Bille gefahren.

Jasmina: Wie würden Sie das Preis-Leistungsverhältnis von damals und heute beschreiben?
Olga: Das, was wir uns heute leisten, hätten wir uns damals nie leisten können. Das ist mit drei Kindern überhaupt nicht drin gewesen.
Urte: Wir hatten uns immer einen Betrag für einen Tag oder eine Woche zurückgelegt, der nicht überschritten werden durfte.
Olga: Es war damals billiger, aber wir hatten auch weniger. Der Verdienst war sehr gering. Man musste schon rechnen.
Urte: Wir haben damals keine Schulden gemacht. Kredite gab es ganz selten und, wenn überhaupt, nur für den äußersten Notfall.

Jasmina: Waren Ihre Unterkünfte in den Urlaubsorten familienfreundlich?
Olga: Das in den Bergen war wirklich herzlich. Man fühlte sich da gut aufgenommen. Die Kinder durften auch in den Kuhstall gehen und gucken. Die Gastgeber waren ganz einfache Leute und sehr lieb. Man ging mit Kindern nicht ins Hotel. Das war auch nicht unsere Gehaltsgruppe.

Jasmina: Wenn Sie dann zu Hause waren, gab es da auch Zeit für Sie und Ihren Mann trotz der Verpflichtung, die Sie für ihre Kinder hatten?
Olga: Ja natürlich, die haben wir uns schon genommen. Aber irgendwann mussten die Kinder ja auch mal ins Bett. Dann hatten wir unsere Freizeit. ,
Urte: Also, wenn ich darüber nachdenke, Babysitter für den ganzen Abend gab es nicht. Erst mal fehlte das Geld und außerdem hat man versucht, das mit den Nachbarn zu regeln. ,

Jasmina: Wie viel Zeit haben Sie denn zu Hause verbracht?
Olga: Damals war es üblich, den Beruf an den Nagel zu hängen, wenn Kinder kamen. Dann war man Hausfrau und Mutter. Die berühmten drei K-s: Küche, Kinder, Kirche. Es war ein Mangel, wenn man Kinder hatte und arbeiten musste. Dann hieß es, der Mann verdient wohl nicht so gut.
Urte: Es war auch eine Zeit, in der man den Ehemann fragen musste, ob man arbeiten durfte und wenn er etwas dagegen hatte, hatte man keine Chance. Man durfte z.B. auch keinen Führerschein machen ohne seine Einwilligung.

Jasmina: Wann ist denn abends Ihr Mann nach Hause gekommen?
Olga: Er fing um 7 Uhr morgens an und kam meistens um 17 Uhr nach Hause. Als wir in Schwarzenbek wohnten, dauerte es noch ein bisschen länger, weil er mit dem Zug ins Büro fahren musste. Nachher in Bergedorf hatte er dann nicht mehr einen so weiten Weg, das war schon vorteilhaft.

Jasmina: Hatten Sie auch Familientage und Familienabende?
Olga: Ja, also man hat natürlich mit den Kindern gespielt. Als sie klein waren „Mensch-ärgere-dich-nicht“ und „Stadt, Land, Fluss“. Da hat man schon gemeinsam was gemacht.
Urte: Bei uns gab es viel Musik zu Hause. Wir haben zusammen viel musiziert.

Jasmina: Hat denn Ihr Mann auch mal alleine auf die Kinder aufgepasst?
Olga: Also, ich habe mir zum Beispiel meinen Chor nie nehmen lassen. Ich hatte einmal in der Woche meine Kantorei. Das war mein Freiraum. Über die Kantorei habe ich auch andere Menschen kennengelernt.
Einmal im Monat habe ich mir mit einer Chorfreundin einen „Hamburg Tag“ gegönnt. Wir sind mit dem Bus nach Bergedorf und Hamburg gefahren, haben eingekauft und uns einen schönen Tag gemacht. An dem Tag waren die Männer für die Kinder zuständig.

Jasmina: Gab es Regelungen zur Kinderbetreuung?
Olga: Nein, überhaupt nicht. Das kam darauf an, was gerade wichtiger war. Es gab keine strenge Teilung.

Jasmina: Was haben Sie für Unternehmungen mit Ihren Kindern gemacht?
Olga: Als sie klein waren bin ich mit den Kindern zum nahegelegenen Sportplatz gegangen. Ich habe eine Plastikschüssel mitgenommen, da gab es einen Wasserhahn und wir haben Wasserspiele gemacht und Ball gespielt. Die Kinder durften dort toben, wie sie wollten. Danach wurde der Papa vom Zug abgeholt. Solche kleinen Freuden gönnte man sich.

Jasmina: Gab es einen geregelten Tagesablauf?
Olga: Der Mann musste um 7 Uhr zur Arbeit, also standen wir um 6 Uhr auf. Die Kinder durften natürlich auch länger schlafen. Meine Kinder blieben zu Hause, weil es nur Kindergartenplätze für Kinder berufstätiger Mütter gab. Wenn ich so zurückdenke, war das für mich eine unglaublich kreative Zeit, denn ich musste mir immer etwas ausdenken.

Jasmina: Wie sah Ihre Freizeitgestaltung aus, nachdem ihre Kinder ausgezogen sind?
Olga: Das war sehr angenehm: Der Stress war weg. Ich fing schon an, als Sprechstundenhilfe halbtags zu arbeiten, während die Kinder auf dem Gymnasium waren. An drei Vormittagen und manchmal auch an zwei Nachmittagen. Das war unproblematisch. Zum Glück hatte ich auch immer noch den Chor und viele Freundschaften.

Jasmina: Wie ist Ihr heutiges Verhältnis zu Ihren Kindern?
Olga: Sehr gut. Ich bin gerade mit meinen drei Söhnen nach Posen zu meinem Elternhaus gefahren, wo ich geboren wurde. Das Haus steht auch noch und ist gut in Schuss.

Jasmina: Wie ist Ihr Verhältnis zu ihren Enkelkindern?
Olga: Sehr gut. Ich unternehme auch mal was mit meinen Enkelkindern. Sie kommen häufig zu mir. Jetzt, wo sie älter sind, sieht man sich allerdings nicht mehr so oft. Früher waren sie viel bei mir. Das war eine sehr schöne Zeit.