Dieser Eintrag stammt von Lea Kohnen, Jessica Burmester und Ursula Lindemann


Das Leben an der innerdeutschen Grenze

Interview mit Ursula Lindemann, geb. 1934

Als sich am 9. November 1989 die Grenze für die DDR-Bürger öffnete war Ursula Lindemann 55 Jahre alt, Lehrerin von Beruf und lebte mit ihrem Mann, DDR-Flüchtling, und ihren beiden Kindern in Hohnstorf an der Elbe im Dreiländereck: Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern, auf damaligem westlichen Staatsgebiet.

Ursula hatte an diesem Abend, am 9. November 1989, zufällig die Spätnachrichten eingeschaltet, als diese nahezu nebensächlich, so empfunden, von der Reisefreiheit der DDR-Bürger berichteten. Zwar hatte sie von den Montagsdemonstrationen gehört und wusste, dass die Grenzen bei Österreich und Ungarn durchlässig waren, dennoch war die Nachricht für sie völlig überraschend. Keiner wusste, was folgen würde und wie die Mitteilung genau gemeint war. Schon mit ihrem Schwiegervater hatte sie Jahre vorher über die Möglichkeit des Mauerfalls diskutiert, war sich jedoch sicher, dass kein Zusammenwachsen möglich sei, wohingegen er schon immer daran geglaubt hatte, das Ereignis aber nicht mehr miterleben konnte.

Am nächsten Tag in der Schule beschloss sie, mit einigen ihrer Lehrer-Kollegen zum Grenzübergang „Horst“, der nur zehn Minuten mit dem Auto entfernt lag, zu fahren. Doch sie waren nicht die einzigen. Es hatte sich schon eine lange Autoschlange aus der „DDR“ von überwiegend „Trabis“ durch Lauenburg gebildet, und der Verkehr kam zeitweise zum Erliegen. An der Straße von der Grenze nach Lauenburg herrschte eine fröhliche Stimmung. Man ging mit den DDR-Bürgern um, als würde man sich schon lange kennen. Es kam ihr vor wie ein Volksfest

Schon am nächsten Tag fuhr sie wieder hin, diesmal mit Sekt und Bechern im Gepäck, um mit den Neuankömmlingen anzustoßen. Es stellte sich heraus, dass die meisten DDR-Bürger nicht fliehen sondern nur schauen wollten, wie der „Westen“ ist. Der Stau hielt noch Tage an.

Durch ihren Mann hatte sie schon immer ein besonderes Verhältnis zur Grenze, denn er war 1959 im Alter von 23 Jahren mit seinen Eltern unter schwierigen Bedingungen aus der DDR geflüchtet. Die Familie musste ihren Hof aufgeben, der im Grenzbereich der DDR lag. Sie wurden von führenden SED-Mitgliedern gedrängt, den Hof abzugeben und in die LPG einzutreten.

Ursula lernte ihren heutigen Mann 1965 im „Westen“ kennen und heiratete ihn 3 Jahre später. Beide und Ursulas Schwiegervater (später auch Ursulas Kinder) unternahmen jeden 17. Juni, am Jahrestag des Volksaufstandes in der DDR, einen Ausflug mit Picknick auf die Weiden vor Lauenburg, von wo aus man Weiden vom ehemaligem Hof der Familie sowie einen Grenzturm der DDR sehen konnte. Sie konnten und wollten ihren Hof nicht vergessen.

Diese Ausflüge, die Vergangenheit ihres Mannes und die geografische Nähe zu dem Grenzübergang machten Ursula die Grenze, die Deutschland teilte, immer wieder bewusst. Auch wenn sie keinen Kontakt zu DDR-Bürgern hatte.
Erst in der Nacht vom 23. auf den 24. Dezember 1989 wurde es möglich, die Grenze auch als Westdeutsche zu passieren, wenn auch mit Passkontrolle. Ursula fuhr mit ein paar Freunden, ohne ihren Mann, denn der hatte immer noch Angst vor Verfolgung, in einem VW-Bus bei Boizenburg das erste Mal bei Nacht und bei Nieselregen über die Grenze und machte sich ein Bild von Ostdeutschland: Alles grau in grau! Sie standen zunächst im Stau, konnten sich davon aber befreien als sie einem Polizeiauto über die Dörfer folgten. In Boizenburg angekommen, begrüßten die DDR-Bürger die westlichen Gäste fröhlich und in einer Kirche konnten sie Tee und Kekse zu sich nehmen.

Ehemalige Freunde ihres Mannes erfuhren von seinem Wohnort, als sie sich das sogenannte Begrüßungsgeld bei der Sparkasse bzw. der Raiffeisenbank abholten, und sich dabei nach seinem Namen erkundigten. Ursulas Mann arbeitete im Landhandel der Raiffeisenbank. So bekam die Familie ab und zu Besuch aus dem Osten, bevor sie selbst über die Grenze konnten. Auch Renate, eine Jugendfreundin, erfuhr den Wohnort und besuchte das Paar. Sie lud Ursula und ihre Tochter zu sich zwischen Weihnachten und Neujahr ein, denn sie wusste schon, dass die Grenze dann auch für Westdeutsche in die DDR offen stand. Bei Renate aßen Ursula und Tochter gemeinsam Mittag und Renate zeigte ihnen dann den Hof der Familie Lindemann, den sie noch nicht kannten. Ursula fand den Hof ungepflegt vor. Es wohnte in dem Haus eine Familie mit Großvater sehr einfach für fast keine Miete. Ursula war sehr bewegt, da hier ihr Mann groß geworden war. Das Haus und die Hofgebäude hatte nach der Flucht die LPG (Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft) übernommen, die es nun auch verwaltete.

Am ersten Weihnachtstag fuhr auch ihr Mann mit seinem Cousin zum ersten mal über die Grenze, um den Hof zu besichtigen, der sich in den vielen Jahren sehr verändert hatte und verwahrlost aussah. Es war schockierend für ihn, doch er hatte es schon geahnt. Später stellte er Anträge, in denen er seinen Hof zurück forderte. Kein leichtes Unterfangen, denn sein Name war bei den Behörden schon geschwärzt, doch es endete mit einem Erfolg 1993, wenn auch schwer erkämpft. Die Hausbewohner ließen die Familie aber noch einige Jahre weiter dort wohnen. Sie renovierten den Hof und machten daraus eine Pferdepension. Dennoch konnten sie sich nie dazu entschließen, dorthin zu ziehen.