Dieser Eintrag stammt von Silke Steinert  * 1988

Veränderungen im privaten und beruflichen
Bereich durch den Fall der Berliner Mauer

Ergebnisse eines Interviews mit Natalie M. (* 1966)

In der Zeit vom 7.10. bis 9.November brannten in vielen Fenstern Kerzen und weiße Laken hingen aus den Fenstern. Jeden Montag fanden Gebete in der Gethsemane Kirche statt. Die Lage in der DDR ist sehr angespannt gewesen. Die Abteilungsleiter haben die Mitarbeiter gewarnt, am Feiertag, dem 7.Okdober, in die Innenstadt zu gehen. Natalie M. (23) hat dies erst am nächsten Tag auf der Arbeit mitbekommen. Viele Menschen kamen nicht zur Arbeit. Natalie hatte gerade erst ihr Studium beendet.

Am 8.Oktober 1989 ist Natalie abends gegen 22 Uhr angekommen an der Schönhauser Allee mit der letzten S-Bahn. Stadtauswärts strömten viele Menschen mit Kerzen in den Händen. Die andere Seite der Schönhauser Allee war mit Polizeikräften, Einsatzwagen und Hundestaffeln voll. Die Stimmung war unheimlich. Die Demonstration der Menschen verlief friedlich, doch die Ordnungskräfte fühlten sich bedroht.

In der Zeit ab Oktober 1989 ist es auf der Arbeit für Natalie M. sehr eigenartig gewesen. In der Planungsabteilung war auf einmal keine Arbeit mehr vorhanden. Die Neugier der Menschen war sehr groß, so dass sie jede Zeitung lasen, um die neuesten Informationen zu erfahren. Dieses ist in dieser Zeit ihre einzige Beschäftigung gewesen. Natalie arbeitete in einem Betrieb, der Heiztrassen baute. Die dafür benötigten Rohre und anderes Zubehör sind bis ins Detail geplant gewesen. Kein Mensch wusste zu dem Zeitpunkt, wie es weiter gehen würde. Somit ist nichts mehr für die weitere Produktion geplant worden. Selbst die Abteilungsleiter gaben keine Aufträge weiter.

Die Grenzöffnung ist am 9.November 1989 gewesen. Mit der Rede von Regierungssprecher Günter Schabowski begann die Wende, als er sagte: „Die Grenzen stehen offen! Und diese neuen Regelungen gelten ab sofort!“
In diesem Moment strömten tausende Menschen zu den Grenzübergängen. Dieser Strom war nicht mehr aufzuhalten.
Gorbatschow sagte am 6. Oktober:
“ Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben!“
Keiner der DDR-Bürger wollte den Augenblick der Freiheit verpassen. Am 11. November (Samstag) ging Natalie hinüber in die Güntzelstrasse in eine Filiale der Berliner Bank, um sich ihre 100 DM Begrüßungsgeld abzuholen. Bereits am Montag ist die Wende mit den Demos eingeleitet worden. Obwohl sie nicht mehr den Stempel in ihrem DDR-Ausweis benötigten, haben die meisten sich noch einen geben lassen, da ihnen die Veränderung noch nicht bewusst war.

In der Zeit der Wende wurde Natalie M. schwanger. Sie hat realisiert, dass der Kapitalismus weniger sozial war, als es im Osten üblich gewesen war. Aussagen wie: „Ein Kind ist Luxus und nur wer es sich leisten kann, sollte eins bekommen“ waren zu hören. In diesem Licht betrachtet, hat sie sie Zeit nicht besonders gut gefunden und die Zukunftsangst ist sehr verbreitet gewesen. Ab den 1. Juni 1990 konnte jeder Bürger sein Konto umstellen lassen für die Währungsumstellung zum 1. Juli.1990. In dieser Zeit ist Natalie hochschwanger gewesen und hat gedacht, dass sie, wie in der ehemaligen DDR, mit ihrem Schwangerenausweis sich in der Schlange ganz vorne anstellen dürfte. Die reguläre Wartezeit betrug mehr als drei Stunden. Bemerkungen wie "schwanger müsste man sein" und "tolles Timing" waren an der Tagesordnung.

Ihr Kind wurde im Juni geboren und in dem Krankenhaus hat es eine Woche lang das gleiche Mittagessen gegeben. Die Stimmung ließ auch zu wünschen übrig, da die Schwestern sich inkompetent verhalten haben. Die Atmosphäre hat einem Ausverkauf geähnelt. Für Mütter wie Natalie galt noch der Mutterurlaub nach der Regelung der DDR.

Als sie sich im Mai 1991 in einem Betrieb vorstellte, war dort alles umstrukturiert. Ihren Anspruch auf einen Arbeitsplatz, der nicht der Gleiche gewesen sein musste, wollte sie geltend machen. Der neue Abteilungsleiter hat weder ihren Namen gekannt, noch stand dieser auf der Mitarbeiterliste. Schließlich begann Natalie für zwei Jahre mit Kurzarbeit. Die Firma, in der sie arbeitete, ist Mitte der Neunziger Jahre insolvent gegangen nach einem kontinuierlichen Stellenabbau im privaten Bereich hat es anders ausgesehen, als im beruflichen.

Es folgte ein Konsumrausch, da die Menschen sich einiges kaufen konnten, was es in der DDR nicht gab. Besonders ein eigenes Auto hatte einen hohen Wert, weil die Wartezeit in der DDR bis zu zwölf Jahren betrug. Für Natalie waren selbst die Wegwerfwindeln ein Luxusgut.
Heute wohnt Natalie in derselben Wohnung, die ihr im September 1989 zugesprochen wurde. Der Umzugswagen, den sie für den Transport benötigte, ist erst vier Monate später gekommen. Per Telefon ist es nicht möglich gewesen, sich zu informieren, wann der Umzugswagen kommen würde, da Natalie erst zwei Jahre nach dem Einzug ihr erstes Telefon erhalten hat. Im Ostteil hat es keine Telefone gegeben. Ihr Telefon hatte einen Doppelanschluss, so dass sie nicht telefonieren konnte, wenn ihre Nachbarn am Hörer waren.

Anfang der Neunziger Jahre haben sich die Menschen geändert. Kurz nach der Wende haben noch einige von ihnen Mitleid gehabt, wenn man keine Arbeit hatte. Natalie hat sich geschämt für ihre Arbeitslosigkeit und hat mehrere Jahre benötigt, um ihre Situation akzeptieren zu können. Kurzfristig ist in ihr noch die Hoffnung auf Besserung der Umstände gekommen, doch diese ist mit der Zeit wieder erloschen.

In der DDR ist das Thema Arbeitslosigkeit weniger im Gespräch gewesen, da jeder Arbeit hatte. Das Gefühl „Nicht-gebraucht zu werden“ ist für die Studienabsolventin fast unerträglich. Natalie ist seit fast zwanzig Jahren arbeitslos, da ihr Studium nicht anerkannt wird und eine weitere Ausbildung bisher nicht finanziert wurde. Das Leben in der DDR fand sie insgesamt ruhiger und das soziale Umfeld war besser ausgeprägt.
Nicht nur ihr erging es so, sondern zahlreichen ehemaligen DDR-Bürgern ist nach der Wende die Perspektive geschwunden. Maßnahmen gegen diese Fehlentwicklung nach der Zeit des Mauerfalls hat es kaum gegeben. Natalie lebt noch heute in einer unsanierten Wohnung und ist noch nicht im Urlaub gewesen. Den einzigen Vorteil sieht sie heute in den niedrigen Mieten.

Im Fazit denkt Natalie, dass die Hoffnung auf Besserung mit der Wende nicht richtig eingetreten ist, wie man es sich gewünscht hatte. Sie denkt, dass die meisten Menschen reisen und ihre Arbeit behalten wollten. Aus dieser Euphorie heraus ist das Bild der Stadt geprägt gewesen. In Berlin, und besonders am Prenzlauer Berg, sehr dicht an der Mauer, ist der Westen praktisch immer präsent gewesen. Viel Neues konnte man entdecken und die Möglichkeiten schienen unendlich, wie beispielsweise die Stadtrundfahrten, Zoos und die vielen Warenhausketten. Alles wollte man kennenlernen. Daher ist die Stimmung am Anfang auch sehr positiv gewesen.

Die neugewonnene Reisefreiheit durch die Wende findet Natalie sehr gut. Sie kritisiert die schnelle Zusammenführung der beiden Länder in so einem kurzen Zeitraum. Außerdem bestehen immer noch Ungleichheiten im Bereich des Lohnes, Rente und Perspektiven. Ihrer Meinung nach hätte man sich mehr Zeit nehmen müssen für die Wiedervereinigung, denn dann würde es nicht so große Differenzen nach mittlerweile zwanzig Jahren geben