Dieser Eintrag stammt von Eileen Hanisch

Ein Jugendlicher in den 60er Jahren!
Volker Hanisch aus Bergedorf

Volker Hanisch lebte in den 60´er Jahren mit seinen Eltern in einer Mietwohnung mit Ofenheizung. Volker musste oft Holz sammeln und hacken. In der Küche war der Hauptofen und die anderen Zimmer wurden mit Rohren verbunden. So wurden damals die Wohnungen geheizt.  In der Wohnsiedlung lebten nur Arbeiter. Es war ein sogenanntes Ghetto. Zu dieser Zeit fing der Sozialwohnungsbau für Arbeiter an, die sich keine Wohnungen oder Häuser leisten konnten. Es war eine Zwei- Zimmerwohnung. Seine Familie hatte nicht viel Geld. Sein Vater war Dreher im Bergedorfer Eisenwerk und seine Mutter Krankenschwester. Zusätzlich trug seine Mutter auch noch regelmäßig Zeitung aus. Volker musste im Wohnzimmer in einem Wandklappbett schlafen. Wenn Feiern waren, musste er sich mit dem Gesicht zur Wand drehen und schlafen, während seine Eltern und deren Freunde sich amüsierten. Vor der Schule half Volker seiner Mutter manchmal beim Zeitungsaustragen. Er musste um fünf Uhr aufstehen, arbeiten und dann zur Schule. Doch er bekam kein Pfennig Geld dafür. 

Volker ging in eine katholische Hauptschule. In den Klassen waren ca. 20 Schüler. Die Schüler wurden mit dem Rohrstock, mit der Hand und mit der Faust geschlagen, wenn sie etwas machten,  was den Lehrern nicht gefiel. Mit 15 Jahren wurde Volker einmal solange ins Gesicht geschlagen, bis er Nasenbluten hatte. Hatten die Schüler nach Ansicht des Lehrers noch etwas schlimmeres gemacht, ging es ab zum Rektor. Dort mussten sie sich über einen Stuhl lehnen und wurden fünf mal mit dem Rohrstock auf das Gesäß geschlagen. Es gab einen Erdkundelehrer, erzählt er, der immer mit dem Schlüsselbund warf. Die Nonnen zogen den Schülern an den Koteletten, so dass sie sich aufrichten mussten, und die Nonnen gaben ihnen Backpfeifen. Als Strafe gab es auch noch die Gartenarbeit. Dort mussten sie hacken und Unkraut jäten usw. Jeden Mittwoch und Sonntag mussten sie in die Kirche. In der Schulzeit arbeitete Volker auch öfter mal als Messdiener bei Beerdigungen. Dort gab es meistens etwas zu Essen und fünf DM als Lohn.
Dies war immer eine schöne Abwechslung und man hatte schulfrei. 

In der Wohngegend, in der Volker wohnte, gab es sehr viele andere Jugendliche. Die Gegend war noch wie in der „Wildnis“, nicht so verbaut wie heutzutage. Dadurch, dass die meisten noch keinen Fernseher hatten, haben Volker und seine Freunde die meiste Zeit draußen verbracht. Dort waren sie entweder am Baggersee, haben gebadet, haben in Höhlen gespielt und Baumhäuser gebaut. Natürlich haben sie auch sehr viel Mist gebaut. Oftmals haben sie auch Lagerfeuer am See gemacht. Eines Tages kaufte sich Volker eine Lupe für zwei DM. Er ging damit  zum Deich und zündete mit der Lupe, die er als Brennglas benutzte, ein Grasbüschel an. Doch plötzlich stand der ganze Deich in Flammen, und die Feuerwehr kam. Doch Volker war längst schon über alle Berge.

Volker und seine Familie hatten zu dieser Zeit kein Telefon und auch keinen Fernseher. Dies gab es nur für reiche Leute, sagte er. Wenn es mal berühmte Sendungen wie das Ohnsorgtheater, EWG (Einer wird gewinnen) usw. gab, ging er zu seiner Nachbarin, die einen Schwarz-Weiß-Fernseher hatte. 

Als Volker 15 Jahre alt war,  hörte er die Beatles, die Rolling Stones und Elvis. Er hörte Schallplatten. Seine erste Schallplatte war „She loves you“ von den Beatles, er war sehr stolz auf sie und hörte sie "rauf und runter". Abends ging er in Dorfdiscos nach Wentorf, Vierlanden und nach Tespe. In den Discos wurde Musik gehört, viel getanzt und sich unterhalten. Volker ging oft ins Kino. Die Mittagsvorstellung kostete ca. 50 Pfennig. Vor dem Hauptfilm gab es jedes Mal die "Fox tönende Wochenschau". So wurden die Menschen unterrichtet, was so in der restlichen Welt geschah. Als die Aufklärungsfilme von Oswald Kolle anfingen, schmuggelte er sich ins Kino und schaute sie sich an. 

Mit 15 Jahren war Volker fertig mit der Schule und ging in die Lehre zum Isolierer ( Wärme, Kälte und Schaltschutz). Er verdiente ca. 150 DM pro Monat , doch das Geld musste er seiner Mutter abgeben, da sie nicht so viel Geld hatten.

In dieser Zeit war die Mode sehr farbenfroh. Es gab viele schrille Farben, und die Hosen hatten einen großen Schlag. Alles war sehr gemustert und geblümt. Dann gab es eine sehr "angesagte"  Hose, die Veddel-Hose hieß. Die war aus schwarzem Jeansstoff , der Schlag ging bis über die Schuhe, und es war eigentlich eine Arbeitshose. Die musste damals jeder haben, und sie hat ca. 50 DM gekostet. Früher trugen auch alle Lackschuhe, sogar die Männer. 

Vor dem Mauerbau:
Volker hatte viele Verwandte in der DDR, sein Opa , seine Tante, sein Onkel usw. Er und seine Eltern waren die einzigen die in West-Deutschland lebten. Deswegen fuhren sie sehr oft mit dem Zug in die DDR. Sie wurden sehr stark kontrolliert, sie durften nicht einmal Zeitungen mit nehmen. Weil die Menschen aus der DDR keine Informationen über West-Deutschland lesen durften. Der Mann seiner Cousine war Polizist in der DDR. Als Volker und seine Eltern zu Besuch waren, war es ihm untersagt, zu Hause zu sein. Die Tante musste die Besucher anmelden und ein Einreisevisum beantragen. Sie musste zur Polizei und Essensmarken besorgen. Damit seine Tante Butter und Lebensmittel besorgen konnte, um ihren Besuch zu ernähren. 
Damals liefen russische Soldaten mit MP`s herum und patrouillierten in Neubrandenburg. Die russische Besatzungsmacht hatte dort viel zu sagen. Volker und sein Cousin sind eines Tages ins Kino gegangen und haben einen Film geguckt. Es war ein Zeichentrickfilm „ Rotkäppchen und der Wolf“. Als der Wolf Rotkäppchen im Film bedrohte hatte, sprangen 2 FDJ (Freie Deutsche Jugend) Kinder in den Film und halfen Rotkäppchen und verdroschen den Wolf. Dann sagten die Kinder, dass die FDJ sozial engagiert ist und den armen Kindern hilft. Sie trugen eine blaue Uniform und ein gelbes Halstuch. Die Kinder in der FDJ wurden militärisch ausgebildet. Die Kinder aus der FDJ waren 14 Jahre und aufwärts. Wenn diese Kinder die FDJ verweigerten, konnten sie nicht studieren. Man musste teilweise bis 30 Jahre in dieser Organisation bleiben. Volkers Cousin und Cousine waren auch in der FDJ. Volker besuchte auch oft seinen Opa. 

Nach dem Mauerbau:
Nach dem Mauerbau durften Volker und seine Eltern nicht mehr in die DDR reisen. Man durfte nur noch von West-Deutschland nach West-Berlin. Als sein Opa verstarb, durften sie nicht mal zu seiner Beerdigung. Dies war sehr schlimm für ihn. Wenn man in West-Berlin wohnte und arbeitete, hatte man einen Sonderstatus und war vom Wehrdienst befreit. Volker zog deshalb nach Berlin. Um nach West-Berlin zu kommen, musste man über die B5 fahren, und man wurde sehr stark kontrolliert. Man durfte, während man durch die DDR fuhr, nicht anhalten. Nur an den sogenannten Intershops. Dies waren Anlaufstellen für West-Deutsche. Dort konnte man essen, trinken, tanken und zollfrei einkaufen. Wenn man in den Westen zurück wollte musste man auch durch eine Grenze mit starker Kontrolle. 

Der schwarze Kanal war ein Hetz-Kanal in der DDR. Da war ein Mann, der über die West-Deutschen Schmuddelgeschichten erzählte. Wie schlecht man es dort hat und wie viele Verbrechen es dort gibt. Obwohl dieser Mann selbst in West- Deutschland lebte. Den guckte sich Volker häufig an.

 

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