Dieser Eintrag stammt von Sannah Hinze

Demonstration gegen den Axel-Springer Verlag

Interview mit meinen Vater Jöns Hinze über die Demonstrationen während der 1968er Studentenbewegung in Hamburg. 

Wogegen habt ihr demonstriert?

Wir haben gegen die Axel Springer Presse demonstriert und wollten die Auslieferung der Zeitungen und Zeitschriften verhindern.
Eigentlich haben wir nicht nur gegen die Axel Springer Presse demonstriert, sondern auch für eine grundlegende Gesellschaftsveränderung. 
Die ganze Gesellschaft war nach dem Krieg sehr konservativ geblieben. 
Es galt damals das Motto „Unter den Talaren ist der Muff von tausend Jahren“. Die jungen Menschen wollten sich davon befreien. Und wir kämpften gegen die, nach unserer Empfindung, ungerechten Machtverhältnisse.
Wir wollten eine „gerechtere“ Welt erreichen. Der Axel Springer Verlag war nur ein Katalysator. Er symbolisierte das wogegen wir kämpften in der Öffentlichkeit. 

Ein damaliger Freund war auf einer der Demonstrationen in die Psychologische Fakultät der Universität eingedrungen. Sie besetzten das Gebäude und fanden Dokumente über eine Studie die an der Universität geführt wurde. Darin wurde geforscht wie die Bevölkerung durch Medien am Besten manipuliert werden konnte. Als die Besetzer aus dem Gebäude wieder raus wollten, durften sie das nur unter Leibesvisitationen, damit sie keine Dokumente über diese Studie mitführen konnten. Zwar konnten sie es in den Medien behaupten, hatten dafür aber keine Beweise. 
Dies war ein Erlebnis, welches mich damals besonders beeindruckt hat.

Wie war die Stimmung auf der Demonstration?
Es herrschte überall unter den Jugendliche kämpferische Aufbruchstimmung. Wir glaubten alle noch, dass wir die Welt ändern könnten und hatten ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl und Idealismus.

Wo habt ihr demonstriert?
Die Demonstration war rund um das Axel Springer Gebäude und den Großneumarkt in der Neustadt.

Was habt ihr gemacht?
Das Ziel der Demonstrationen war die Auslieferung der Zeitungen zu verhindern. Dafür besetzten wir die Straßen mit Sitzblockaden und versperrten den Autos, die die Zeitungen ausliefern sollten, den Weg. 

Wie hat die Polizei reagiert?
Die Polizei kam mit Hundertschaften und Wasserwerfern, um die Auslieferung der Zeitungen zu ermöglichen. 
Mir persönlich ist während der Demonstrationen nie etwas passiert. Ich musste nur schnell laufen. Die Hauseingänge der anliegenden Wohnhäuser wurden von den Bewohnern, aus Angst und damit wir uns nicht in die Häuser flüchten konnten, zugeschlossen, sodass wir von den Polizeieinheiten regelrecht durch die Straßen getrieben wurden. Wer sich nicht schnell genug in Sicherheit bringen konnte, hat einiges abbekommen. 

Während der Demonstrationen wurde auch ein Demonstrant getötet, was damals auch groß durch die Presse ging. Es gab ein Pressefoto auf dem man etwas durch die Luft fliegen sah, was zum Tode des Studenten geführt hat. Die Polizei behauptete es sei ein Kantholz gewesen, welches ein anderer Demonstrant von hinten geworfen haben soll. Das Foto wurde von Fachleuten untersucht und sie fanden heraus, dass es sich nicht um ein Kantholz sondern um eine schwere Polizeitaschenlampe handelte, die ein Polizist an einer Schnur durch die Luft schleuderte und zu dem Tod des Demonstranten geführt hatte. 

Trotz unseres ideellen Einsatzes für die „Gerechtigkeit“ muss ich sagen, dass sich bis heute viel bewegt, aber im Grunde nichts geändert hat.
Deswegen ist es für die Zukunft umso wichtiger sich für seine Ideale einzusetzen.

 

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