Dieser Eintrag stammt von Johannes Lippka

Reisen in die ehemalige DDR

Fahrten zu Bekannten und Verwandten von West-Berlin nach oder durch die DDR (1967)

Interview mit Frau  Waldmann (Name geändert) geb. 1956

"Wie oft waren Sie in der DDR ?" 
Vielleicht 12 mal (einmal mit angemeldeter Übernachtung).

"Was haben Sie bei der Grenzüberschreitung empfunden?"
 Wir mussten durch das "Niemandsland" mit U-Bahn und S-Bahn. Dort gab es Selbstschussanlagen. 

"Wurden Sie kontrolliert?" 

Ja, ziemlich heftig! Man musste ein Einreisevisum beantragen und alles, was man mitnahm, notieren. Auf dem Passfoto musste ein Ohr frei sein und genauso musste man beim Kontrolleur aussehen. Ich war Teenager und wollte chic aussehen, doch sollte ich genau, wie auf dem Passfoto aussehen. Dann hatten wir die Taschen abzulegen, die kontrolliert wurden. Wir mussten unsere Jacken ausziehen und man wurde abgetastet. Ich habe mich wie der letzte Dreck (Verbrecher) gefühlt. Notizen in Büchern wurden strengstens kontrolliert. Ich hatte immer Angst, wegen nichts verhaftet zu werden.

"Und wie sind Sie in die DDR eingereist?" 
Mit der Bahn. Wenn man mit der U-Bahn durch die DDR-Bahnsteige fuhr, gab es dort keine Beleuchtung. Zwei oder drei Wachsoldaten standen mit ihren Gewehren auf dem Bahnsteig.

"Wie haben Sie die DDR erlebt, als Sie das erste Mal
zu Besuch waren ?"
Obwohl ich aus West-Berlin kam, war Ost-Berlin wie ein fremdes Land für mich. Die Menschen waren kalt und herzlos. Es kam mir alles dreckig und grau vor. Alle Geschäfte sahen gleich und schmucklos aus. Es gab keine Konkurrenz. In jedem Lebensmittelladen gab es das gleiche, in jedem Textilladen auch, wenn es überhaupt etwas gab. Farbe schien es überhaupt nicht in der DDR zu geben. Alles wirkte trostlos.

"Wie wirkten die Bewohner der DDR auf Sie?" 
Wenn wir an der Zollstation U-Bahnhof Friedrichstraße ankamen, mussten wir immer eine Taxe nehmen, um zu unseren Verwandten zu kommen. Der Taxi-Fahrer wurde erst "freundlich", nachdem wir ihm eine Packung Zigaretten schenkten. Trotzdem spürte ich Ärger von Seiten des Taxi-Fahrers, da wir es besser hatten und ihm etwas schenken konnten, das er sich nicht kaufen konnte. Mir war es unfassbar, dass die Leute es ertragen konnten. 

"Warum?"
Die Leute waren ohne Freude, mutlos und wegen der ewigen Einschränkungen, anspruchslos. Bei unseren Verwandten äußerte sich das in extremer Bescheidenheit, die ich im Laufe der Jahre als sehr angenehm empfand. Man wurde von den Ostlern an seiner Kleidung sofort als Westler erkannt. Die Mode schien mir 20 Jahre zurück. Die Menschen hatten keine Hoffnung auf Änderung oder Besserung.

"Wie haben ihre Eltern das empfunden?"
Mein Vater empfand es ähnlich wie ich. Er konnte nicht zu dem Begräbnis seiner Mutter. Er bekam einfach keine Genehmigung dazu vom DDR-Regime. Er war sehr traurig und empfand es als unmenschlich, dass er den letzten Weg nicht mit seiner Mutter gehen konnte.

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