Dieser Eintrag stammt von Katrin Kahle

Leben mit der Grenze

Die Grenze in den Augen eines Kindes und eines Erwachsenen

Meine Mutter ist 1957 in Greifswald geboren. Das liegt in der ehemaligen DDR, östlich, unterhalb von Stralsund im heutigen Mecklenburg-Vorpommern.

Mit einem Jahr flüchtete sie mit ihren Eltern und der sechs Jahre älteren Schwester nach Lübeck. (Das war 1958, 13 Jahre nach Kriegsende.)

Zu dieser Zeit durfte man die DDR noch verlassen, um Urlaub zu machen. Also musste die Familie packen als wenn sie in den Urlaub fahren würde. Das heißt, jeder hatte einen Koffer, alles andere wurde zurückgelassen. Das waren ja nicht nur Möbeln und private Dinge, sondern die vier Wände, seine Freunde ließ man zurück und man opferte den Arbeitsplatz. Das schlimmste war aber wahrscheinlich, dass man sich nicht von seinen Freunden verabschieden konnte. Man konnte niemandem etwas anvertrauen, denn jeder hätte es der Stasi  sagen können, oder es hätte anders ans Licht kommen können, und das war zu riskant. Also ließen sie alles zurück und machten sich auf den Weg. Die Mutter (meine Oma) und die beiden Kinder fuhren zusammen über einen Grenzübergang und der Vater (mein Opa) über einen anderen. Meine Tante, die damals ja auch schon sieben Jahre alt war und auch noch in der DDR eingeschult wurde, wusste zu dem Zeitpunkt auch nicht, dass die ganze Familie gerade ihr Zuhause verließ, und zwar für immer. Die ganze Familie flüchtete also nach Lübeck, dort wohnten sie zunächst bei der Mutter von meiner Oma. Die lebte zu diesem Zeitpunkt schon in West-Deutschland; das war damals ein großes Glück, denn für den, der niemanden in West-Deutschland kannte, war die Flucht viel schwieriger, weil man keinen Anlaufspunkt hatte und keine Hilfe für einen neuen Start ins Leben.

Als meine Mutter sechs Jahre alt wurde, zog sie mit ihrer Familie nach Ratzeburg, nur sechs Kilometer von der Grenze entfernt. Dort hatte mein Opa Fuß gefasst und meine Mutter wurde eingeschult.

Schon in diesem Alter registrierte meine Mutter, dass die DDR ein Dauerthema war und alles, was damit in Verbindung stand. Dazu zählten Themen wie Reiseerleichterungen und Verwandtenbesuche. Die Kindheit meiner Mutter wurde dadurch geprägt, dass man sich immer bewusst war, dass es den Leuten „in der anderen Hälfte Deutschlands“ sehr viel schlechter ging. Sehr häufig schickte man Bekannten und Verwandten Versorgungspakete, da die Läden in der DDR nur sehr spärlich ausge-stattet waren. Also versuchten die West-Deutschen ihren Verwandten in Ost–Deutschland, so gut es ging, unter die Arme zu greifen. Zu dieser Zeit war die Flucht aus der DDR schon schier unmöglich geworden. Ausreisen durften nur noch Rentner, da diese, wenn sie in den Westen gingen, dem Staat der DDR nicht mehr auf der Tasche lagen.

Helfen konnte man seinen Verwandten allerdings nur mit Lebensmitteln und Kleidung. Den Rest mussten sich die Bewohner der DDR selbst „zusammenbunkern.“ In den Läden gab es meist nur wenige Sachen auf einmal. Das heißt, wenn man einen Zaun bauen wollte und es gab in einem Laden gerade Nägel, dann hat man sich Nägel gekauft. Dann gab es vielleicht vier Wochen später Bretter und sechs Wochen später Holzlasur. Wenn man Glück hatte, konnte man sich also innerhalb von drei Monaten einen Zaun bauen.

Ein völlig anderer Aspekt des Aufwachsens in Grenznähe war die Möglichkeit, die unberührte Natur ohne Tourismusrummel zu erleben und zur Freizeitgestaltung zu nutzen.

In der Nähe der Grenze gab es kaum Autoverkehr und Bevölkerungswachstum, da sich ohne Hinterland keinerlei größere Wirtschaftszweige ansiedelten. Daher war der Schock zunächst ziemlich groß, als nach der Grenzöffnung Ratzeburg, Lübeck und Umgebung von den zum Aldi strebenden Ostlern schier überrannt wurde. Die Freude der Wiedervereinigung war groß, aber die totale Veränderung der Lebensumstände war ein Wermutstropfen. Recht schnell wurden auch einige landschaftlich besonders attraktive Gegenden zum Naturschutzgebiet erklärt.

Im Rückblick ist meine Mutter, die jetzt in ihrer Lebensmitte steht, beeindruckt davon, wie wechselhaft und schnelllebig die Geschichte das Leben der Menschen beeinflusst und dass Dinge, die ein Schwerpunktthema in ihrer Jugend waren, bei der nächsten Generation schon nur noch höfliches Zuhören – ohne eigene Betroffenheit – hervorrufen.