Dieser Eintrag stammt von Christina Lipka

Die Karl May-Welle

Interview mit Reinhold Haase

„Eines Tages im Jahre 1963 in Westberlin kam mein Freund Helmut zu mir an die Tür und sagte, dass er morgen, am Sonntag, den Film „Winnetou 1“ mit seinem Vater sehen werde und ich auch eingeladen sei. Helmuts Vater musste meine Mutter erst noch beruhigen, dass das ein Film für Jugendliche sei, weil meine Eltern mit dem Namen „Karl May“ nichts anzufangen wussten, besonders meine Mutter nicht. Er konnte sie dennoch dadurch überzeugen, dass erstens er auch mitkomme und dass zweitens alle Jungen heute diesen May-Film sahen. Nach einigem Ringen und mit meinem Versprechen, dadurch nicht etwa ein schießwütiges Kind zu werden, gab meine Mutter dann auch nach. 

Der Film war ab 12 Jahren. Ich war gerade erst 11 Jahre alt und hatte vorher nur Disney-Filme, Dick- und Doof-Filme und Märchenfilme im Kino gesehen. Fernsehen hatten wir nicht. Klar, dass mich der Film beeindruckte, dass ich den Rest meines Lebens nicht mehr davon ablassen konnte. Vor diesem Film hatte ich nie ein Wort von Karl May gehört. Meine Klassenkameraden hatten wohl schon öfters den Namen erwähnt, doch ich hatte vielleicht nur nicht hingehört, da ich zu jener Zeit ja immer noch auf Disney und Co fixiert war. 

Nach dem ersten May-Film wünschte ich mir auch sofort mein erstes eigenes Karl May-Buch, und zwar „Winnetou 1“, welches ich dann auch zu meinem Geburtstag bekam. Ich war so vernarrt in die Bücher, dass ich alle Bücher von Karl May auf einmal haben wollte. Ich wurde zu einer richtigen Leseratte.

Bekannte aus der DDR hörten da etwas neidvoll von den Aufführungen des "Schatzes im Silbersee" in der BRD. Ähnliche Nachrichten erreichten sie auch aus den anderen sozialistischen Ländern. Ihre Hoffnungen auf diese Filme erfüllten sich aber nicht. Als Ersatz bot man ihnen eine Reihe von DEFA-Indianerfilmen, die sicher nicht schlecht waren, ihre May-Träume konnten dadurch allerdings nicht ersetz werden.

Im Unterschied zu den Kritikern hatten seine Fans Mays Romane gelesen und kannten "ihren" Karl May. Seine Erzählungen lösten Sympathien für fremde Völker, für ungerecht behandelte und unterdrückte Menschen aus. Seine Helden versuchten, Konflikte stets friedlich und ohne Blutvergießen zu lösen. Das waren eigentlich die Ideale, die man uns auch in der Schule beizubringen versuchte. Wir konnten deshalb die Ablehnung von Kritikern nie begreifen.

Nach dem Lesen von etlichen Büchern und nun auch schon gesehenen Filmen, ist mir aufgefallen, dass die Filme sich oft sehr von den Büchern unterscheiden. Einige Szenen aus „Der Schatz im Silbersee“ z.B. sind einfach ganz anders, oder sogar erdacht, viele Personen fehlen und Schauplätze werden vollkommen anders dargestellt, als sie im Buch beschrieben werden. Trotzdem ist dieser Film Karl May pur: Ein romantisches Märchen, in dem die Guten belohnt und die Bösen bestraft werden. Die Helden sind zwar nicht so gekleidet, wie Karl May sie beschrieb, trotzdem kann man sich keine besseren Schauspieler als Lex Barker oder Pierre Brice vorstellen, die in diese Rollen schlüpfen konnten. Die Geschichte ist weit weniger brutal als sie im Buch beschrieben wird. Es kommt einem vor, als ob die Toten sich erheben würden, sobald die Szene vorbei ist, um danach weiter mitzuspielen. „Der Schatz im Silbersee“ ist naiv, aber nicht dumm. Die Musik, die jugoslawischen Landschaften – wie im Märchen. Und dazu technisch perfekt. 

Der erste May-Film, den das Fernsehen ausstrahlte, war „Old Shatterhand.“ Er sollte am 22.06.1969 von der ARD ins Programm genommen werden. Diese Ankündigung der ARD löste bei den deutschen Filmtheaterbesitzern eine Protestaktion von ungewohnter Schärfe aus. Die Karl May-Filme, so wurde argumentiert, liefen immer noch mit großem Erfolg in den Kinos. Die Fernsehausstrahlung wurde tatsächlich verschoben. Erst am 27.09.1970 wurde der Film endgültig ins Programm genommen. Er erreichte die heute unvorstellbare Zahl von 17,88 Millionen Zuschauern. Das entspricht einer Sehbeteiligung von 34%.

Die Karl May-Filme waren nicht nur die ersten Western in Deutschland, sondern sogar die ersten Western außerhalb der USA, also weltweit. Die Gesellschaft änderte sich durch diese Filme jedoch nicht großartig, da die Bücher von Karl May schon seit vielen Jahren gelesen wurden. Wenn sich also eventuell etwas in der Gesellschaft veränderte, dann war das durch die Schriften Mays, und das schon seit ca. 80 Jahren. Die Filme machten die Bücher nur visuell. Bei mir persönlich änderte sich jedoch eine ganze Menge. Ich sammelte nach „Winnetou 1“, den ich im Kino sah, Sammelbildchen von den Filmen, die man in Alben einkleben musste. Natürlich versäumte ich keinen Karl May-Film, sobald er in den Kinos lief. Viele Mädchen, die die Jugendzeitschrift Bravo lasen, sammelten hieraus die vielen Berichte und die Starschnitte der Stars. Ja, eine große Sammelleidenschaft hatte begonnen. Viele Zeitschriften, wie „Bild und Funk“, „die Bunte“, „Mickyvision“, „Micky Maus“, machten sich diese Tatsachen zu Nutze und veröffentlichten jahrelang Fortsetzungen mit Bildergeschichten aus den Filmen.

Und die Karl May-Nachfrage unter den jugendlichen wurde immer größer. Laut Umfrage las in den 60ern fast jeder deutsche Jugendliche, egal ob Mädchen oder Junge, mindestens 5 Bücher von Karl May. Des öfteren waren es jedoch 20 bis 30 Bücher, die man las.

Erst 20 Jahre später sollten die May-Filme auch in der DDR im Kino und auch im Fernsehen gezeigt werden. Doch dann lösten die Filme eine ungeheure May-Welle in der DDR aus. Als kurze Zeit später die ersten May-Bücher in die Buchläden kamen, gab es bei vielen Buchläden sozusagen ein „Boom“. Auch die Filme blieben lange Zeit ein großer Renner, mussten mehrfach wiederholt werden und siegten im DDR-Fernsehen stets beim "Film ihrer Wahl".
Eine Kindergärtnerin erzählte mir, wie beeindruckend die Winnetou-Filme auf die Kinder waren. Ein Abschiedsabend für ältere Kindergartenkinder musste verschoben werden, weil an diesem Abend ein Winnetou-Film lief......
Das Wichtigste aber ist und war damals für viele DDR-Bürger und May-Fans, dass die erneuerte Freundschaft zu May auch viele neue Freunde in Ost und West brachte.

Die „Karl May-Welle“ hatte jedoch auch politischen Hintergrund. Westernfilme aus den USA waren in den 60ern bereits am Verebben. Nach dem großen Westernfilm „How the West was won“ kamen jetzt nur noch selten weitere Western aus den USA in deutsche Kinos. Und durch den Vietnamkrieg änderte sich auch die ganze Konzeption dieser Filme in den USA. Viele US-Westernstars kamen nach Europa und versuchten, hier Anschluss zu finden. Clint Eastwood fand ihn in Italien, wo er zum Star der Italo-Western wurde. Und der Italo-Western verschweigt nicht, was in nur ganz wenigen amerikanischen Western ausgesprochen wird, nämlich dass der Bürgerkrieg den amerikanischen Pionier bis auf den Grund seiner Seele zerstört hat. Die nun gedrehten US-Western verfolgten nicht mehr den Optimismus der Integration wie sie es in den 50ern getan hatten, wo etwa die Beziehung zwischen den Generationen thematisiert wurde, sondern den Optimismus der Veränderung und der Solidarität der rassischen Minderheiten.

Manch einer lächelt über meine May-Begeisterung. Doch ich schäme mich des sympathischen Märchenerzählers aus Radebeul nicht. Und sind wir, die wir das 'Kind im Manne" ein wenig pflegen, mit unseren Träumen und Hingaben an Phantasien nicht glücklicher, als die Realisten, die sich an einer immer nüchterner und kälter werdenden Welt ohnehin nicht erwärmen können! Wie schreibt doch Heinrich Spoerl in seiner "Feuerzangenbowle":
"Wahr sind auch die Erinnerungen, die wir mit uns tragen, die Träume, die wir spinnen, und die Sehnsüchte, die uns treiben."

 

siehe auch Erläuterungen zu diesem Bericht