Dieser Eintrag stammt von  Merle Aguilar – (*1993) Hamburg

Leben mit der Mauer
Ergebnisse eines Interviews mit
Christiane Z.
aus Hamburg-Allermöhe 03.09.2011

1. Was für einen Einfluss hatte der Mauerbau auf dich und deine Familie?

Wir lebten damals in Lüneburg. Bevor die Mauer gebaut wurde, hatten wir viel Besuch von meinen Verwandten (mütterliche Seite) aus Boizenburg und Hagenow (heute Mecklenburg-Vorpommern).
Wir nannten das Gebiet damals Ostzone. Schon vor dem Mauerbau war es für meine Verwandten schwierig uns zu besuchen. Nach dem Mauerbau ging es auch nicht mal mehr über Berlin, dass sie zu uns kommen konnten. Dies habe ich nicht verstanden und ich war sehr traurig und meine Mutter ebenfalls, denn sie konnte nun ihre Schwester und Mutter nicht mehr sehen.

2. Hattet ihr gar keinen Kontakt mehr zu euren Verwandten?
Doch, wir konnten uns Briefe schreiben. Wir durften jedoch nicht telefonieren. Viele Menschen, sowohl Ost als auch West, hatten auch gar kein Telefon. Die Briefe wurden von der DDR- Seite oft kontrolliert und auch geöffnet, dies konnte man den Briefen später ansehen. Aus diesem Grund schrieb meine Tante nur Persönliches und nichts über die politische Situation in diesem Land.
Weihnachten hatten wir verabredet, dass wir Punkt
20 Uhr am Heiligabend Kerzen ins Fenster stellten. Meine Verwandten drüben taten das auch. So dachten wir aneinander. Viele zerrissene Familien machten es damals so.
Außerdem schickte meine Mutter auch sogenannte „Carepakete“ und die durften nicht schwerer als 7,5 kg sein, inklusive Verpackungsmaterial.

3. Was habt ihr in diese „ Carepakete“ hinein getan?
Ein paar Päckchen Kaffee, Luxuseife, gute Schokolade und Waschmittel (Persil). Wir verschickten keine Grundnahrungsmittel, denn in der DDR wurde nicht gehungert. Wir verschickten Dinge, die die „ Lebensqualität“ erhöhten, auch Südfrüchte wie Orangen und Zitronen.

4. Habt ihr nicht auch mal Zeitungen verschickt?
In den Carepaketen durften keine Zeitungen als Verpackungsmaterial verwendet werden. Manchmal kamen diese Pakete auch gar nicht an. Ich sehe meine Mutter noch oft Pakete packen und sich darüber beschweren, dass sie genau 7,5 kg einpacken musste, kein Gramm mehr, inklusive Verpackungsmaterial.

5. Wann hast du das erste Mal deine Verwandten wiedergesehen oder sogar besucht?
Es gab die Regelung, dass Rentner aus der DDR zu Besuch kommen konnten. So war es möglich, dass meine Tante (Frührentnerin auf Grund eines Arbeitsunfalles) und meine Oma zu uns zu Besuch kommen konnten. Viele Rentner nutzen diese Gelegenheit zur Flucht aus der DDR und blieben im Westen, so auch meine Tante eines Tages. Sie lebte dann 1 Jahr lang bei uns und ich musste mit ihr mein Zimmer teilen, ca. 10 qm, was ich nicht sehr mochte, denn ich war 13 Jahre alt. Das war das erste Mal.
Eine andere Möglichkeit bot dann später der „kleine Grenzverkehr“. Meine Eltern haben, wie ich mich erinnere, immer viele Anträge ausfüllen müssen und an der Grenze Geld bezahlt. Wir sind dann öfter im Jahr für einen ganzen Tag per Auto rübergefahren. Die Dinge, die auch im Carepaket geschickt werden durften, konnten mitgenommen werden, aber es gab auch Dinge, die verboten waren, z. B. Zeitungen, Comics (westliches Propagandamaterial). Auch technische Geräte, z.B. Taschenrechner, etc. waren verboten. Meiner Mutter ließ sich nichts verbieten und schmuggelte viele Sachen direkt an ihrem Körper in die DDR, denn Leibesvisitationen gab es nicht mehr an der Grenze, nur manchmal in Verdachtsfällen. Wir schwitzten trotzdem Blut und Wasser.

6. Und die Grenzkontrollen?
Das war so eine Sache, die Grenze zu passieren, in unserem Falle Lauenburg/Horst.
Nachdem uns der westdeutsche Zoll durch gewunken hatte, fuhren wir eine Straße im Niemandsland entlang – keinesfalls schneller als 30 km/h. Ab und an stand da nämlich ein NVA-Soldat mit Gewehr auf der Strecke, der schießen durfte, wenn ihm was verdächtig vorkam. Dann mussten wir an einem Schild halten – und zwar g e n a u dort – keinen cm davor oder dahinter! Der Papierkram wurde erledigt und der Kofferraum wurde geöffnet und alle Sachen kontrolliert. Dann durften wir fahren.
Wir fuhren zuerst durch ein Gebiet, das auf ca. 2 km Länge mit einem Hundezwinger (ein hohler Zaun mit Hunden drin) an der Straße versehen war. Dann kamen wir nach Boizenburg. Danach war freies Land bis Hagenow.
Auf dem Rückweg mussten wir bis spätestens um 24:00 Uhr wieder an der Grenze sein. Dieses Mal mussten wir alle aussteigen und der Wagen wurde untersucht.

7. Wie wurde das gemacht?
Ein Spiegel wurde unter dem Wagen entlang gerollt, im Tank wurde mit einem Draht herumgestochert, die hintere Sitzbank ausgeklinkt und hochgehoben, Handschuhfach durchwühlt, Lenkradhohlräume freigelegt und der Motor- und Kofferraum untersucht.

8. Warum tat man das?
Die Grenzer wollten sichergehen, dass man den Wagen nicht umgebaut hatte, um Menschen im Auto zu verstecken und so zur Flucht aus der DDR zu verhelfen.


9. Nun möchte ich auf andere Erinnerungen der 60er Jahre zu sprechen kommen.
Wie bekamst du die Studentenrevolte mit?

Ich bin in einer bürgerlich konservativen Familie aufgewachsen. Ich war damals 12-13 Jahre alt, Lüneburg war noch ein verschlafenes Nest und es tat sich nicht viel, doch wir hatten einen Fernseher und so kann ich mich noch gut an die Bilder in der Tagesschau erinnern und die besorgten Gesichter meiner Eltern. Meine Eltern verfolgten dies mit großem Interesse, was sich in den Großstädten zutrug.


10. Was hatten deine Eltern für eine Meinung?
Sie waren nicht für die Ziele der Studenten, sondern lehnten die sozialistischen Parolen ab. Aber ich erinnere noch, wie schockiert sie waren darüber, dass Rudi Dutschke (Studentenführer)
niedergeschossen und der Student Benno Ohnesorg erschossen wurde. Dies ging ihnen zu weit, denn das vertrug sich nicht mit ihren Ansichten von einem Rechtsstaat.

11. Welchen Eindruck machten die Nachrichten auf dich?
Ich weiß, dass ich entsetzt war wegen denr vielen Menschen auf der Straße und der Gewalt. Das Vorgehen der Polizei verurteile ich aus heutiger Sicht. Ich hatte Angst und ich versprach damals meiner Mutter, ich würde niemals an einer Demonstration teilnehmen. Dieses Versprechen habe ich nicht halten können!


12. Welchen Einfluss hatte die Musik auf dich?
Mein Bruder war 5 Jahr älter als ich und hörte immer schon die Beatles, die fand ich auch ganz toll. Als mein Bruder sein erstes Tonband bekam, konnte er die Lieder sogar aufnehmen. Es gab regelmäßig Krach, weil er die Musik so laut auf drehte.

13. Gab es damals schon Discos und wenn ja, ab wie viel Jahren?
Ja, mein Bruder ging in eine kleine Disco in Lüneburg. Ende der 60er Anfang der 70er fing auch ich damit an. Discos waren ab 16 Jahren, aber viele sind schon früher hingegangen. Die Musikstile waren auch von Disco zu Disco unterschiedlich. Manche mochten lieber Pop, damals gehörten die Beatles dazu, und andere mochten lieber Rockgruppen so wie Black Sabbath, Nazareth, Cream und Pink Floyd. Viele waren von Woodstock mit Joe Cocker und Jimmy Hendrix begeistert.
Zu diesem Zeitpunkt kamen auch Haschisch und andere Drogen in Mode.

14. Welchen Tanzstil habt ihr gehabt?
Üblich war für die Elterngeneration der Gesellschaftstanz und zum ersten Mal bewegte man sich individuell auf der Tanzfläche auch ohne Partner, sowohl Mädchen als auch Jungen.
In Discos war der Gesellschaftstanz out.
Es gab auch viele private Partys, in Partykellern.
Bei langsamen Liedern wurde dann der „Engtanz“ getanzt. Da ja meist Bekannte die Musik auflegten, ging man dann zu denen hin, wenn man eng tanzen wollte und sagte z.B.: „Los leg mal „Nights in White Satin“ auf“. Es wurden richtige Schallplatten aufgelegt, CDs, Sticks und MP3-Player gab´s ja noch nicht. Oder wir nahmen auf Tonband eine „Partystrippe“ auf mit unserer Lieblingsmusik.

15. Hatte die Musik Einfluss auf die Mode?
Ende der 60er trugen alle Jungs lange Haare und viele trugen Parker und Jeans. Anfang der 70er kamen dann die Miniröcke auf und, dass man besonders dünn sein musste. Dies beeinflusste uns Mädchen sehr.

16. Wie reagierten die Eltern darauf?
Es entstand eine Jugendkultur. In vielen Familien gab es große Spannungen und Auseinandersetzungen, was die Kleidung, Freizeit und berufliche Perspektiven betraf.


17. Wie habt ihr euren Urlaub verbracht?
Mein Vater war sehr reiselustig. Da wir einen VW Bus hatten, hat mein Vater ihn zu einem Camping Bus umgebaut. Er, mein Bruder und ich sind bis nach Venedig und wieder zurück gefahren. Da war ich 8 Jahre alt. Später haben wir öfter Campingurlaube an der Ostsee oder Nordsee gemacht, mit der ganzen Familie, und auch einmal in Berchtesgaden, in Bayern. Die Urlaube fand ich immer sehr schön. So hatten wir auch mal Zeit für einander. Dies fand alles Ende der 60er statt. Doch wir fuhren nie länger als 14 Tage, denn meine Eltern hatten einen Großhandel.
Ich erinnere mich, dass auch sehr viele Familien zu Hause blieben und nicht wegfuhren, denn ich konnte meinen Geburtstag in den Sommerferien immer feiern, weil genug Kinder da waren.