Dieser Eintrag stammt von Fabrizio Rojas 

Die Sturmflut 1962 und ihre Folgen

Erlebnisse von  Kristel Mohr, Jahrgang 1935 und ihrem Schwager Günther Kröger, Jahrgang 1933

Kristel Mohr erzählt, wie sie die Sturmflut 1962 erlebt hat. Sie wohnte zu diesem Zeitpunkt mit ihrer Familie in Ochsenwerder:

Schon einige Tage vor der großen Sturmflut in Hamburg und Umgebung wurden Sturmwarnungen ausgesprochen und so kam es letztendlich soweit, dass die Bürger am 16. Februar 1962 dazu aufgefordert wurden, sich bereitzuhalten, um eventuell mit Hilfe von Sandsäcken bei der Sicherung der Deiche zu helfen.           

„Kurz nach Mitternacht war es auch schon so weit, mein Mann, mein Schwager Henning, mein Schwiegervater Max und die anderen Männer mussten eiligst die Häuser verlassen, um beim Sandsäcke tragen zu helfen. Den ersten Deichbruch gab es bei Moorfleet, wo riesige Wassermassen ins Land fließen konnten. Für die Bewohner von Ochsenwerder und den anderen Ortschaften die im weiteren Verlauf der Elbe lagen, war dies nicht ganz negativ, da durch den Deichbruch in Moorfleet die Kraft des Wassers etwas nachließ und somit nicht mehr so stark auf die Deiche drückte.

Mein Mann war zu dieser Zeit Brotfahrer in den Marschlanden, so dass ihm am nächsten Tag wegen der Überschwemmungen der direkte Weg nach Moorfleet versperrt war. Um die Arbeit des Tages zu schaffen, half ich meinem Mann bei seiner Tour. Wir mussten den Umweg über Bergedorf nehmen, um die nicht überschwemmten Teile Moorfleets beliefern zu können. Wir konnten sehen wie die Menschen in Moorfleet mit Hubschraubern und auch einigen Booten evakuiert und gerettet wurden, viele standen auf den Dächern ihrer Häuser und winkten.

Auf den Feldern sahen wir die toten Kühe und anderes Vieh, welches nicht mehr rechtzeitig gerettet werden konnte und deswegen ertrunken war. Durch diese Überschwemmung verloren viele Bürger in Moorfleet und auch im Rest von Hamburg ihre Existenz, sie standen ohne irgendwelchen Besitz da.

Für den Rückweg nach Ochsenwerder durften wir über den beschädigten Deich gehen, da wir auch auf dieser Strecke Menschen mit Brot zu versorgen hatten, ein Grund, weshalb uns gewährt wurde, den Deich zu betreten. Ungefähr die nächsten zwei Wochen musste mein Mann weiterhin mit dem Fahrrad über Bergedorf nach Moorfleet fahren, da ein kürzerer Weg noch nicht möglich war. Unser eigenes Haus, welches ein wenig weiter landeinwärts lag, wurde vom Wasser verschont, wir hatten keine Schäden zu beklagen wie einige andere Bürger Ochsenwerders.

Obwohl die Deiche in Ochsenwerder nicht gebrochen sind, wurden sie jedoch stark beschädigt, so das trotzdem Wasser aufs Land gelangte und viele deichnahe Häuser und Gebäude voll Wasser liefen und die Menschen gezwungen waren ihre Häuser zu verlassen. Es dauerte bis zu einer Woche, ehe das Wasser größtenteils versickert oder abgelaufen war. Als Folgen dieser schweren Sturmflut wurden auch nach der Flut viele Häuser abgerissen, da der Platz für die Deichbegradigungen benötigt wurde. Durch das viele Ausbaggern am Oortkaten entstand auch der Hohendeicher See (Oortkatensee)), da der Sand und die Erde zum Bau der neuen Deiche verwendet wurde. Dies sind meine Erinnerungen an die Sturmflut in Hamburg.“

Günther Kröger, der zu diesem Zeitpunkt mit seiner Familie in Finkenwerder wohnte, hat die Sturmflut 1962 von der anderen Elbseite erlebt:

„Bereits einige Tage vor der großen Flut in Hamburg und Umgebung fegten orkanartige Nord-West-Stürme über den Norden Deutschlands. Ich kam gegen 23:00 Uhr von meiner Orchesterprobe nach Hause, als schon kurze Zeit später Großalarm ausgelöst wurde.

Ungefähr zwischen 23:30 und 24 Uhr fing das Wasser an, über die Deiche zu laufen, denn im Gegensatz zu vielen anderen Orten in Hamburg brachen in Finkenwerder die Deiche nicht, sondern liefen nur über, da es durch die heftigen Stürme gar nicht richtig zur Ebbe kommen konnte, d.h. das Wasser nicht ablief und eine Flut auf die nächste folgte. Da das Wasser nun nur über die Deiche lief, konnte es nicht wieder ablaufen, so dass der Wasserstand hinterm Deich schnell anstieg. 1962 betrug die Deichhöhe in Finkenwerder 5,70 m (heute 8,50 m).

Eigentlich waren Überschwemmungen bei uns nichts ungewöhnliches, jedes Jahr war der Wasserstand oft 2-3 m höher als die Deichkrone, doch in diesem Jahr war er 6-7 m höher als der Deich, wodurch es vor allem im Bereich der alten Süderelbe zu starken Überschwemmungen kam. Später erfuhren wir, das insgesamt 12500 Hektar Land überschwemmt wurden, das war damals 1/6 des Stadtgebiets.

Unser Haus stand in einer Straße, die in einer Senke lag, wodurch das Wasser bei unserem Haus nur schlecht ablaufen konnte. Wir erfuhren noch einigermaßen rechtzeitig, was passieren würde und so konnten wir einige Dinge aus dem Keller und dem Erdgeschoss in die oberen Etagen retten. Mein Vater sagte, wir sollten als erstes die Briketts aus dem Keller auf den Dachboden bringen, damit wir wenigstens Heizstoff hatten. Unsere Hühner, die hinten im Garten ihren Stall hatten, mussten wir in Zigarettenkartons in der Speisekammer unterbringen, damit sie von dem Wasser verschont bleiben.

Es war schon eine lustige Angelegenheit, als die Hühner sich am frühen Morgen aus ihren Kartons befreien konnten und im ganzen Haus umherliefen, so dass es einige Zeit dauerte, sie wieder einzufangen. Meine Familie besaß zu der Zeit einen Tabakhandel, der aber ,Gott sei Dank, im 3. Stock untergebracht war, so dass die Tabakwaren und das weitere Zubehör nicht vom Wasser beschädigt werden konnten.

 Viele umliegende Häuser, die tiefer unter Wasser standen als unser Haus, wurden vom THW und der Feuerwehr mit Booten und Hubschraubern evakuiert. Im Keller unseres Hauses lagerten auch noch einige Fotogerätschaften und andere Dinge, die meinem Onkel, dem Besitzer eines Drogerie- und Fotoladens, gehörten. Auch diese Sachen konnten wir gemeinsam noch vor dem Wasser retten, indem wir sie zusammen in die oberen Stockwerke trugen.

Für die nächsten 3-4 Tage wohnte ich nun mit meinen Eltern, meinem Bruder, meiner Großmutter und meiner Tante im obersten Stockwerk unseres Hauses. Es gab keinen Strom mehr und so gab es für uns kaum noch Beschäftigungsmöglichkeiten, außer den Radiomeldungen zu folgen. Meine Großmutter war schon 80 Jahre alt und konnte das alles gar nicht richtig begreifen. Sie konnte lange nicht verstehen, was wirklich passiert war und glaubte oft, es wäre nichts los und man könne ja auch wieder raus in den Garten gehen.

Mein Onkel, der in der Stadt wohnte, kam am nächsten Tag mit einem Boot vorbei, um uns mit Lebensmitteln zu versorgen. Hierzu musste er über einen Brettersteg durch unser Wohnzimmerfenster ins Haus klettern, da unsere Haustür eine Etage tiefer war und somit unter Wasser stand.

Schon kurze Zeit nachdem das Wasser anfing über die Deiche in Finkenwerder zu laufen, schickte der Hamburger Innensenator Helmut Schmidt die Bundeswehr in unsere Gegend, damit die Deiche so gut wie möglich verstärkt werden konnten und den Leuten bei der Rettung ihres Viehs geholfen wurde. Für viele Tiere kam die Rettung jedoch zu spät, man sah vielerorts tote Schweine und Kühe umher schwimmen.

Die Bewohner wurden außerdem vom Ortsamt und von der Feuerwehr mit Decken und Trinkwasser versorgt, damit man die Tage nicht frieren musste und etwas zu trinken hatte. Nach ca. 4-5 Tagen war das Wasser fast wieder weg, der größte Teil in der Erde versickert. An unserem Haus waren keine nennenswerten Schäden entstanden, doch andere Bewohner waren wegen der Schäden an ihren Häusern sehr verärgert und beklagten sich bei der Stadt, das die Hamburger nicht rechtzeitig alarmiert worden sind. Das sind im Großen und Ganzen meine Erinnerungen an die Hamburger Sturmflut von 1962.“

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