Dieser Eintrag stammt von Saskia Schmitt

Die 60er Jahre - Freiheit und Aufbruch?

Interview mit Thomas Schmitt

Wie empfandest du die 60er?
Eine Zeit der Umwälzung. Politisch, persönlich, generell. Nichts blieb am Ende der 60er beim „Alten“. Anfang der 60er noch die alten Klischees, Ende der 60er alles zusammengebrochen. In jeder Beziehung. Und nicht immer gut. 

Was waren für dich die persönlichen drei Highlights?
Brandt, Pille, Beatles.

Warum waren das für dich die Highlights?
1. Brandt: glaubte Licht ins Nachkriegsdeutschland zu bringen. Aus meiner Sicht verrannt, isoliert in der eigenen Partei, zu recht abgesägt. 
2. Pille: sexuelle Revolution, Freizügigkeit, endete erst im Zeitalter des Aids. Aber auch Befreiung der Frau. 
3. Beatles: Synonym für die Entwicklung der Musik zwischen zwei Zeitaltern. 

Brandt kenne ich, Pille haben wir alle, aber was war an der Musik so besonders?
Der Rock 'n' Roll war da, schon in den 50ern , Jerry Lee Lewis, Little Richard etc. Dann kamen die 60er. Neue Bands (Beatles, Stones, Who), neue Sounds, neue Marketingformen. Randerscheinungen wie die Yardbirds (Jeff Beck) brachten einen Hit. Im Gegensatz zu den legendären Bands der 50er entwickelten sich die Gruppen der 60er weiter. Bleiben wir bei den Beatles: Anfang der 60er in Anzug und Krawatte und mit der Musik der 50er: Rock 'n' Roll (Twist and Shout, Roll over Beethoven etc.). Schon kurze Zeit später Entwicklung zu eigenen Kompositionen und Musikstilen. Im Laufe der 60er setzten sie (und nicht nur sie) sowohl in der Musik als auch in der Darstellung neue Meilensteine. Sie erschlossen uns, die Jugend, sowohl für die Musik als auch für das damit verbundene Lebensgefühl. Ohne sie wäre ein Brandt nie möglich gewesen, eine gesellschaftliche Entwicklung nicht geschehen. Sie vereinten und spalteten: „Beatles oder Stones“. Kreativität oder Hard Rock.

Die Entwicklung ging immer weiter, und fand spätestens in der LP „Seargent Pepper and the lonley hearts club band“ (bis heute unter Kritikern die beste Platte, die jemals produziert wurde) ihren unbestrittenen Höhepunkt. Doch dieser Höhepunkt war auch ihr Ende. Dies merkten auch die Beatles, im Gegensatz zu den Stones. Sie waren die Intellektuellen und merkten, dass sie an ihre Grenzen gestoßen waren. Die Trennung war nicht nur vorhersehbar, sondern auch folgerichtig. Die Beatles wären in den aufkommenden 70ern ein Fremdkörper gewesen. Es war wie in der Politik. Die 68er scheiterten letztendlich so gnadenlos, dass sie es, speziell in manchen Berufsgruppen, heut noch nicht gemerkt haben. Sie sind stehengeblieben oder haben sich zurückentwickelt. Bestes Beispiel: unser Kanzler (damaliger Juso). John, George & selbst der intellektuell eher zurückgebliebene Paul haben das begriffen und sich getrennt. Ihre Zeit war vorüber. Wie viel Yoko dazu beigetragen hat, sei es drum. Ihre Wege wurden zu verschieden. John: Love and Peace mit Yoko; George: auf nach Indien (wo sie auch alle mal waren ; Paul: ab in die Hitparade. Was blieb: eine Musik, die nie wieder erreicht wurde, Entwicklungen, die nie so geschehen wären, eine Band, die es so nie wieder geben wird (trotz Metallica, Cream, YES, Black Sabbath oder den Gunners etc.). Musikalisch vergleichbar vielleicht mit dem, was Roxy Music den 70ern oder Queen den 8oern + 9oern gegeben hat, aber nicht mit dem politischen Hintergrund.

Du hast lange Musik in Diskotheken aufgelegt, Musikrichtungen verfolgt und neue Gruppen „entdeckt“. Glaubst du, dass es nicht noch einmal eine Band wie die Beatles wieder geben wird?
Nein. Musik ist auch ein Spiegel der Zeit. Die 60er wird es auch nicht wieder geben, also auch nicht eine Gruppe wie die Beatles. Es war wie gesagt eine Zeit des Aufbruchs. Oder des Umbruchs, ganz wie man will. Zumindest eine Zeit der Veränderungen. Heute ist eine Zeit des Stillstandes bzw. des Rückschrittes. Wir hatten die sexuelle Revolution, wirkliche politische (nicht parteienmäßige) Wechsel, eine Umwälzung der Gesellschaft. Das gibt es heute nicht mehr. Wir machten Fehler (die 68er waren die größte Katastrophe), aber selbst die haben uns weiter gebracht.

Was bleibt dir aus der Erinnerung aus den 60ern?
2 Sachen: Freiheit und Aufbruch. Beides ist enttäuscht worden. Die Symbole sind weg. Kennedy ist ermordet worden von seinen eigenen Leuten, Brandt ging es genauso (zum Glück für ihn nur politisch), die persönliche Freiheit artete in Intoleranz gegen alle anderen aus, Pille endete in der Konsequenz in AIDS. Von der damaligen Aufbruchsstimmung ist schon lange nichts mehr übriggeblieben. Was heute passiert, ist nicht vergleichbar mit den 60ern, es ist einfach nur enttäuschend.