Dieser Eintrag stammt von Martin Sellhorn

Die Hamburger Flut von 1962

Interview mit Inge Fechner

Ich wohnte Anfang der Sechziger Jahre mit meinem Mann und meiner Tochter in Harvestehude. In der Nacht vom 16. auf den 17. Februar war es sehr stürmisch. Aber mir kam es nicht so vor, ich hielt diesen Sturm für ganz normal. Deshalb gingen wir auch wie immer schlafen, ohne etwas von der bevorstehenden Katastrophe zu ahnen. Es wurde schließlich berichtet, dass dies ein ganz normaler Sturm sein sollte. Allerdings waren damals die Wetterberichte längst nicht so zuversichtlich wie heute. Um vier Uhr morgens klingelte dann jemand Sturm. Mein Mann ging daraufhin zur Tür und öffnete sie. Meine Tochter und ich wurden auch von dem nicht zu überhörbaren Klingeln wach. Vor der Tür stand ein Mitarbeiter meines Mannes, der am ganzen Leib zitterte und immer wieder rief: „Herr Fechner...helfen sie mir! Hilfe! Meine Familie ertrinkt... sie müssen mir helfen... helfen sie mir ..... meine Familie ertrinkt!“ Nachdem mein Mann ihn beruhigt hatte, erfuhren wir erst, was überhaupt los war.

Der Mann berichtete, dass in Hamburg eine schwere Sturmflut eingebrochen sei. An mehreren Stellen in Hamburg sollten die Deiche gebrochen sein. So sollten Willhelmsburg, Harburg und andere Stadtteile unter Wasser stehen. Der Mann, der selber in Willhelmsburg wohnte, erhoffte sich nun von meinem Mann Hilfe. Wir hatten damals schon ein Auto, was noch längst kein Standard war wie heute. Nun hoffte der Mitarbeiter, dass mein Mann ihm bei der Rettung seiner Frau und seiner Kinder, welche noch in ihrem Haus in Willhelmsburg waren, helfen würde. Mein Mann fuhr daraufhin mit ihm in unserem Käfer in Richtung Willhelmsburg.

Ich kümmerte mich erst einmal um meine Tochter, welche noch völlig von dem Geschrei des Mannes geschockt war. Danach machte ich das Radio an, wo schon ununterbrochen von der Flut berichtet wurde. Dort wurde bestätigt, was uns der Mann schon gesagt hatte, und zusätzlich erfuhr ich, dass das Wasser mittlerweile bis zum Rathausmarkt stehen sollte. Außerdem waren die Stadtteile Harburg und Willhelmsburg wirklich völlig überschwemmt. Gerade hier, wo die Menschen nach dem Krieg alles neu aufbauen mussten, war nun wieder vieles zerstört. Die Stadtteile waren typische Arbeiterviertel. Hier hatten die Menschen nicht so viel Geld und bauten sich nach dem Krieg nicht so stabile Häuser wie in anderen Stadtteilen. 



Freiwillige versuchen, gegen das Wasser vorzugehen

Später wurden im Radio Orte angegeben, welche als Anlaufstellen für die Opfer hergerichtet wurden. Im Fernsehen wurden die ersten Bilder aus den Überschwemmungsgebieten gezeigt. Man sah Hubschrauber, wie sie versuchten, die Menschen von den Dächern zu retten. Manche verloren allerdings auch den Halt und fielen ins Wasser. 
Helmut Schmidt, damaliger Hamburger Innensenator, 
reagierte sehr schnell und leitete die richtigen
Hilfsmaßnahmen ein. Die Zahl der Toten wurde ständig 
nach oben korrigiert. Was mich damals beeindruckte, 
waren die vielen Hamburger, die sofort in die überschwemmten Gebiete fuhren, um den Menschen dort zu helfen. Damals hatte Hamburg genügend Helfer, um die Bürger, welche noch in ihren überfluteten Häusern waren, so schnell wie möglich zu retten.



Helmut Schmidt


Am Nachmittag kam mein Mann wieder allein nach Hause. Er war total durchnässt und triefte am ganzen Körper. Er erzählte mir danach, was geschehen war: Die beiden Männer fuhren um vier Uhr von uns aus in Richtung Willhelmsburg. Dort angekommen, versuchten sie, das sein Haus zu erreichen. Zum Glück war dieses Haus in einer etwas höheren Region von Willhelmsburg gebaut worden. Das Haus stand so „nur“ ungefähr 50 cm unter Wasser. Sie fuhren ans Haus heran und suchten die Familie. Die Frau und die drei Kinder waren in den ersten Stock geflüchtet und wurden nun von meinem Mann und seinem Arbeitskollegen nach draußen gebracht. Die ganze Familie und mein Mann saßen nun in unserem kleinen Käfer. Unterwegs hatten sie auch andere Menschen gesehen, die Hab und Gut verloren hatten, und erfuhren so, wo eine Aufnahmestation für die Opfer eingerichtet wurde. Hier fuhr mein Mann die Familie dann auch hin. Vom Auffanglager aus fuhr er dann wieder zurück, da er auf dem Weg anderen versprochen hatte, sie abzuholen und zu den Auffanglagern zu fahren. Man konnte zwar nur Schritt fahren, da auch im Auto das Wasser war, und überall noch Menschen waren, die ebenfalls aus dem Überschwemmungsgebiet heraus mussten, doch trotzdem war das eine große Hilfe für die Opfer. 

Er traf beim Helfen auch andere Männer, die ihre Autos als Transportmittel zur Verfügung stellten. Viele halfen dort, „wo Not am Mann war“. Unterwegs soll er immer wieder fürchterliche Dinge gesehen haben, die sich dort abspielten, doch genauere Details wollte er mir ersparen, und ich wollte sie nach dem, was ich im Fernsehen gesehen hatte, auch gar nicht mehr wissen. Dann fuhr er irgendwann wieder zu uns nach Harvestehude zurück. Uns in Harvestehude erreichte die Flut zum Glück nicht. Nur um unser Auto mussten wir uns noch kümmern, damit es wieder so sauber wie früher wurde. Es war total nass und es brauchte einige Zeit, bis wir es wieder richtig sauber hatten. Aber das war ja nichts gegen die Verluste, die andere betroffene Menschen zu verkraften hatten.



Hintergrundtext:
Im Februar des Jahres 1962 wurde Norddeutschland von schweren Stürmen heimgesucht. Der Hochwasserpegel der Elbe stieg nach und nach an. Dann, von der Nacht des 16. auf den 17. Februar, brachen an mehreren Stellen von Hamburg die Deiche. Im Zentrum der Stadt wurden die Stadtteile Willhelmsburg und Harburg vom Wasser überschwemmt. An vielen Stellen, an denen die Elbe durch Hamburg floss, brachen in dieser Nacht die Deiche. 

Viele Menschen wurden in der Nacht von den Fluten überrascht. Vor allem die Älteren und die Kinder hatten wenig Chancen, den Fluten zu entkommen. Das Wasser stand an einigen Stellen über zwei Meter hoch. Die Wettervorhersagen hatten diese Flut nicht vorher gesehen, und so waren die Menschen den Fluten hilflos ausgeliefert. Wenn die Menschen konnten, flüchteten sie in die oberen Stockwerke ihrer Häuser. Erst gegen 24 Uhr wurde eine Überflutung Hamburgs nicht mehr ausgeschlossen. Kurz danach wurden schon die ersten Deichbrüche gemeldet. Die Hamburger Polizei fuhr daraufhin in die Krisengebiete, um die Menschen zu wecken. Sie zogen mit Blaulicht durch die Straßen und klingelten an den Haustüren, um die Bürger zu warnen. Zwei Mal wurden sogar Warnschüsse abgegeben, um die Bevölkerung zu wecken. 

Der erste Deichbruch in dieser Nacht wurde in Cuxhaven gemeldet. Es sollten noch über 50 Deichbrüche folgen. Doch in einigen Stadtteilen schaffte es die Polizei nicht mehr rechtzeitig, die Bevölkerung zu warnen.

Im Radio wurde nach 24 Uhr nichts mehr berichtet. Erst um 4.38 Uhr wurde im Rundfunk bekannt gegeben, dass die Gaswerke überflutet wurden. Erst jetzt wurde die Bevölkerung nach und nach über die schrecklichen Ereignisse in den anderen Stadtteilen informiert.

Am Morgen leitete die Hamburger Regierung die ersten Hilfsmaßnahmen ein, und kümmerte sich um die Errichtung von Auffanglagern für die Opfer. Hubschrauber versuchten, die Menschen von den Dächern zu holen und viele Freiwillige sowie staatliche Hilfsorganisationen rückten in die Krisengebiete vor, um den Menschen zu helfen und die Deiche nach und nach wieder zu schließen. Die Folgen der Flut waren noch Wochen später zu erkennen und in den überschwemmten Gebieten war lange kein normales Leben möglich, da viele Menschen obdachlos wurden und die Häuser oft aufwändig restauriert und renoviert werden mussten. 

Zahlen:
bei der Flut starben ca. 300 Hamburger
1500 Rinder, 2300 Schweine, 125 Pferde, 100 Schafe und 19300 Hühner.
873.43 Millionen D-Mark kosteten der gesamte Wiederaufbau und die Entschädigungen