Dieser Eintrag stammt von Tatjana Littig


Die Angst vor den Sowjets
Interview mit Wilhelm Werner, Jahrgang 1922 in Hamburg.

Zur Zeit der Kuba-Krise im Oktober 1962 war ich Angestellter einer Stahlfirma in Hamburg. Dort erfuhr ich, über Gespräche zwischen Kollegen, von der Krise. Wir waren alle sehr erschrocken und besorgt, denn wir hatten Angst vor einem weiteren Krieg, denn ich und ein Teil meiner Kollegen hatten den 2. Weltkrieg miterlebt.

Wir konnten in dieser Situation nur hilflos zusehen und hoffen, dass es nicht eskalierte und zum automatischen Einbeziehung Deutschlands in den Konflikt führen würde. Dies würde sich dann, unserer Meinung nach, mit dem Einmarsch der Sowjets bei uns äußern, und wäre auch gleichzeitig der Beginn eines weiteren Krieges, der Deutschland als Schauplatz missbrauchen würde. Die Gedanken daran, selber in das stalinistische System einbezogen zu werden, missfielen uns. Wir verbanden mit dieser Art von Politik einen autoritären Staat, ähnlich wie während der Nazizeit und ein unfreies Leben, dass wir nicht noch einmal erleben wollten, da wir unser „normales“ Leben, unsere Familie, unsere Gesundheit und unsere persönliche Freiheit in Gefahr sahen.

Schon anhand der DDR konnten wir erkennen, wozu der Kommunismus, oder besser gesagt der Stalinismus führte, weil man den Kommunismus an sich, noch teilweise hätte tolerieren können. Aber dort herrschte eine eingeschränkte, persönliche Freiheit, egal ob es jetzt den Beruf, das Studium, das Reisen, die Partei oder anderes betraf. Unter solchen Umständen wollten wir nicht leben, was dazu führte, dass manche Leute daran dachten auszuwandern, um sich vor den Sowjets in Sicherheit zu bringen. Ich muss ehrlich zugeben, dass ich auch daran gedacht hatte. Es entsprach aber eher ein Wunschdenken, da es mir persönlich sowohl finanziell, als auch praktisch nicht möglich war. Zur Beantwortung der Frage, wohin ich denn auswandern würde, kam ich damals nicht. Im nachhinein hätte ich England den anderen Ländern vorgezogen, weil die Sowjets zwar das europäische Festland, aber vermutlich nicht die britischen Inseln, hätten besetzen können. 

Natürlich jagte uns auch die Tatsache, dass zum ersten Mal Atomwaffen im Spiel waren Angst und Schrecken ein. Diese Atomwaffen waren uns aber nicht so gegenwärtig, da wir davon ausgingen, dass sie punktuell einzusetzen sind. Die Angst vor einem Einmarsch der Sowjets bereitete uns viel mehr Kummer und Sorgen als die Atomwaffen, was aber die Menschen trotzdem nicht daran hinderte Luftschutzkeller einzurichten und Nahrungsvorräte anzulegen. 

Als ganzes Land standen wir geschlossen hinter Kennedy, auch wenn sich dies nur in unserer Denkweise äußerte. Hätte die USA im Laufe des Konflikts Kuba angegriffen, hätte ich es damals für richtig gehalten, dass Kennedy seine Position eines freien Staates gegen die sowjetische Ideologie verteidigt. In dieser Aussage äußert sich ein Widerspruch, der darin liegt, dass man einerseits keinen Krieg will, aber andererseits in Frieden leben möchte, was manchmal, leider, einen Krieg voraussetzen kann.
Inzwischen würde ich sagen, dass kein 3. Weltkrieg begonnen werden muss. 

Kennedy war ein entschlossener Charakter, der sich damals nicht nur als Mensch, sondern auch als Vertreter eines mächtigen Staates, stark gefüllt hatte. Auch wenn er sich im äußersten Notfall für den Krieg entschieden hätte, war mir dieser Mann sympathisch. Er hatte ein vernünftiges Nationalbewusstsein und setzte sich für eine bürgerliche, freie Welt, im Einklang mit den christlichen Grundsätzen ein. 
Chruschtschow auf der anderen Seite bewies, durch seine Entschlüsse in diesem Konflikt, dass er einen möglichen Krieg abwenden und den Einsatz von Atomwaffen verhindern wollte. Sein kluges Verhalten war bemerkenswert. Trotzdem änderte es nichts an der Tatsache, dass er nicht aus dem politischen System eines unfreien Staates herauskam, welches Stalin aufgebaut hatte. Er war nicht im Stande dieses System zu ändern. Ich war damals der Meinung, dass die Diktaturen von Hitler und Stalin sich ähnelten, wobei zu bemerken ist, dass unter Stalin ein Teil der Bauernbevölkerung dem Hungertod preisgegeben wurden.

Nach der Beendigung der Krise verflog unsere Angst recht schnell. Ich war froh, dass die Gefahr überstanden war und ich in Ruhe und Frieden mit meiner Familie weiterleben konnte, wobei anzumerken ist, dass auch schon während des Konfliktes die Läden, die Fabriken, die Büros und die Schulen geöffnet und die Nahrung und Zeitung unverändert blieben.