Dieser Eintrag stammt von Jasmin Timmann


Endspiel um die Fußballweltmeisterschaft 1966 in England

 Interview  mit Jürgen Timmann

Tor oder kein Tor ?

Familienereignis Fernsehen
Wir lebten mit 3 Generationen – Großeltern, Eltern und Kinder – unter äußerst beengten Verhältnissen zusammen unter einem Dach. Meine 5 Geschwister und ich hatten ein kleines Zimmer, wo wir alle schliefen. Schularbeiten wurden in der Küche gemacht. 
Unsere Familie hatte einen Fernseher, der in der Wohnstube der Eltern stand.
Wir Kinder sahen fast nie Fernsehen, sondern wir waren bei Wind und Wetter draußen an der frischen Luft und haben mit den Nachbarkindern gespielt. Damals war es noch völlig normal, dass die Kinder, die unterschiedlich alt waren, zusammen spielten. Fußball auf der Straße, Verstecken im Feld, Polizei und Räuber oder „Kippel-Kappel“ wurden gerne gespielt. Wir hatten genügend Platz zum Spielen und keiner beschwerte sich, wenn es ein bisschen lauter wurde. 
1966 gab es nur das öffentlich rechtliche Fernsehen (1. und 2. Programm), das sein Programm stundenweise sendete. Privatsender wie z.B. RTL, SAT oder PRO7 gab es nicht. 
Fernsehen war also ein Familienereignis, das von Jung und Alt zusammen gesehen bzw. erlebt wurde. Das Endspiel hieß Deutschland gegen den Favoriten England. Großvater, Mutter und Vater saßen nervös auf dem Sofa, meine 5 Geschwister und ich lagen auf dem Teppich vor dem Fernseher und verfolgten völlig angespannt das Endspiel.

Zigarren holen für den Nachbarn

In unserer Nachbarschaft hatte ein Schuster, der – wie ich glaube - durch eine alte Kriegsverletzung gehbehindert war, eine Werkstatt. Er klopfte wild ans Fenster seiner Werkstatt, als ich zu Fuß daran vorbeiging. Ich sollte ihm vom 100 Meter entfernten Tante-Emma-Laden Zigarren holen – 3 Stück für 60 Pfennig. Er gab mir das Geld und ich holte die Zigarren, die er genüsslich beim Fußball-Endspiel rauchen wollte. Manchmal bekam ich als Belohnung 5 Pfennig, dass ich gleich in leckeres Brausepulver investierte. Aldi und Penny-Märkte gab es noch nicht. Im Tante-Emma-Laden ging es immer sehr persönlich zu, jeder kannte jeden mit Namen. 

Die Fußball-Nationalmannschaft

1966 spielten in der Bundesliga keine ausländischen Spieler. Die guten, jungen deutschen Talente wurden also frühzeitig in ihren Bundesligamannschaften eingesetzt und konnten sich hervorragend entwickeln – fernab von jeglicher ausländischer Konkurrenz. 
Unser Idol in der deutschen Mannschaft hieß natürlich Uwe Seeler, der in Hamburg geboren wurde und Zeit seines Fußballerlebens ausschließlich für den Hamburger Sportverein – also für seinen Heimatverein - spielte. Wir identifizierten uns mit ihm, da er in jedem Spiel bis zum Umfallen rackerte und kämpfte und zusätzlich noch aus unserer Heimatstadt kam und spielte.

Das Endspiel Deutschland gegen England

Es war eine unglaublich spannende Partie und England führte bis zur letzten Minute der regulären Spielzeit 2:1. Dann stürmte unser Verteidiger Wolfgang Weber in den Strafraum der Engländer und erzielte praktisch Sekunden vor Schluss mit einer Energieleistung den Ausgleichstreffer zum 2:2. Tooooooor !! Toooor !! Alle sprangen hoch und schrien aus voller Kehle. Die deutschen Tugenden, der unbändige Kampf und die Bereitschaft sich nie aufzugeben, wurden belohnt und es kam zur Verlängerung. Dann stockte nicht nur den Zuschauern vor Ort im Wembleystadion der Atem, sondern auch uns allen in der warmen Stube. Der Engländer Hurst hatte den Ball gegen die Latte des deutschen Tores geschossen und der Ball sprang von der Torlinie hoch. Der deutsche Spieler Weber köpfte den Ball über das eigene Tor ins Aus. Alle englischen Spieler rissen die Arme zum Jubeln hoch – die deutschen Spieler gestikulierten dagegen, dass der Ball nicht die Torlinie überschritten hatte. Tor oder nicht Tor ?! Schiedsrichter Dienst aus der Schweiz wusste das auch nicht. 
An der Außenlinie winkte der russische Linienrichter mit seiner Fahne dem Schiedsrichter zu.
Der kann doch aus seiner Position nicht gesehen haben, ob der Ball hinter der Linie war oder nicht, schrien wir uns in der Stube an. Doch das Schicksal nahm seinen Lauf. Der Linienrichter informierte den Schiedsrichter, dass er den Ball im Tor gesehen habe. Der Schiedsrichter entschied auf Tor für England – 3:2. Wir waren richtig wütend über die Entscheidung des russischen Linienrichters. Wir fühlten uns verschaukelt und waren tief deprimiert. Hatte der Russe etwas gegen uns Deutsche ? Das Endspiel war sozusagen entschieden und England schoss zum Schluss noch das 4:2. England war im eigenen Land Fußballweltmeister geworden – aus unserer Sicht nur mit Hilfe eines parteiischen Linienrichters, der unparteiisch sein sollte. Wir waren uns einig, wir sind „beschissen“ und „betrogen“ worden !!!

Kinoprogramm, um die Niederlage zu verkraften

Tagelang hatten wir schlechte Laune, weil „wir“ das Endspiel verloren hatten. Im Dorf gab es eine Gaststätte, in deren Räumlichkeiten sonntags um 15.00h ein aktueller Kinofilm vorgeführt wurde.. Ich bekam von meiner Mutter 50 Pfennig Eintrittsgeld in die Hand gedrückt, damit ich mir „Ivanhoe der schwarze Ritter“ ansehen konnte. Somit war ich abgelenkt und die Laune stieg wieder an. Nächsten Sonntag wollte ich mir den „Schatz im Silbersee“ ansehen, wenn meine Mutter mir 50 Pfennig spendierte, was nicht immer möglich war. Die Freizeit- sowie die finanziellen Möglichkeiten waren in dieser Zeit äußerst begrenzt, Urlaubsreisen kannten wir nicht –vermissten sie aber auch nicht ! 

05.04.2004 - Jürgen Timmann – 11 Jahre alt im Jahre 1966

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