Dieser Eintrag stammt von Katerina Todoroska


John F. Kennedy und die 60er Jahre

Ergebnisse eines Interviews mit Frau Lindemann (*1934)
Ich freute mich riesig, im Frühjahr 1962 in Lüneburg an der Pädagogischen Hochschule endlich mein Studium beginnen zu können. Ich hatte zwar kein Abitur, doch aufgrund meiner Fortbildungskurse habe ich dann eine Aufnahmeprüfung an der Pädagogischen Hochschule machen können. Nach bestandener Prüfung durfte ich dann Pädagogik studieren und somit "Volksschullehrerin" werden. 
Da ich vor meinem Studium einige Jahre das starre Büroleben erlebt hatte, fühlte ich mich frei und glücklich bei der studentischen Arbeit. Die Hochschule war damals verhältnismäßig klein, alles war übersichtlich, man fand sich schnell zurecht, und ich hatte bald Freunde gefunden. Wir trafen uns regelmäßig zum Diskutieren, Radio hören, ins Kino gehen usw.

Sehr viel diskutiert haben wir auch über John F. Kennedy
Er war wesentlich jünger als andere Präsidenten, die man beispielsweise aus den 50ern kannte, er hatte ein sehr jugendliches Auftreten. Er zog auch mit seiner Familie in das Weiße Haus, also mit seinen kleinen Kindern und seiner jungen und durchaus hübschen Frau, das war schon sehr beeindruckend. Gerade wir weiblichen Studenten fanden ihn wirklich toll und kamen teilweise richtig ins Schwärmen.

Nachdem Kennedy dann zum Präsidenten gewählt wurde, hörte man, dass in Amerika die Stimmen laut wurden, da Kennedy die Wahlen angeblich manipuliert hatte. Das verfolgten wir hier zwar aus der Ferne, jedoch beeindruckte uns das nicht sehr. Damals hatte man hier auch noch nicht diese Zweifel an den Politikern. Es wurde eher vieles nicht gesagt und stillgeschwiegen, was dann vielleicht auch nicht in Ordnung war.

Dennoch waren wir alle der Meinung, dass Kennedy seine Aufgabe sehr gut erledigte.
Kennedy war sehr weltoffen, er versuchte an verschiedenen Plätzen der Welt, wenn auch nicht immer so glücklich, vieles zu regeln. Auch sein allgemeines Engagement für Deutschland stieß auf Bewunderung. Er hat Deutschland unterstützt und man hatte so ein gewisses Vertrauen in ihn, dass er Deutschland nicht so einfach fallen lässt. 
Seinen Berlinbesuch 1963 habe ich auch im Radio und in den Zeitungen verfolgt, und wir fanden es gut, dass er auf der westlichen Seite war.
Auch die Kuba-Krise hat er gut gemeistert. Er hat sie zwar gewissermaßen selber heraufbeschworen, nachher war man jedoch der Meinung, dass er dieses komplizierte Problem wieder gut gelöst hatte.
Im allgemeinen war Kennedy meiner Meinung nach ein sehr guter Politiker. Er war recht forsch und das beeindruckte sehr. Er erledigte einiges etwas spontan und das war auch irgendwie das Interessante an seiner Politik.

Man hat zwar nicht alles verfolgt, was Kennedy getan hat, las aber immer wieder Zeitungsberichte über ihn und hörte auch viel Radio. Vielmehr interessierte man sich für die Person an sich. Man sah Kennedy eher in der Rolle eines Schwarms, wie wir es von Politikern nicht erwarten. 
Daher sah man auch nicht immer alles so kritisch wie man es im Nachhinein vielleicht sieht.


Am 22. November 1963 geschah dann etwas, mit dem keiner von uns jemals gerechnet hatte!

An dem besagten Tag kam eine Freundin zu mir gestürmt. Ihr Gesicht war voller Bestürzung. Ich wusste sofort, das etwas nicht in Ordnung war!
Dann sagte sie: 
Schalt das Radio an! Kennedy ist heute erschossen worden!

Ich war entsetzt! Das so etwas passieren kann, daran habe ich im Leben nicht gedacht.
Wir gingen dann erst einmal zu einer anderen Freundin und erzählten ihr die schreckliche und zugleich traurige Nachricht.
Wir waren alle so erstaunt und berührt, als wäre John F: Kennedy ein Verwandter oder ein Bekannter von uns gewesen. Abends saßen wir dann zu mehreren zusammen und diskutierten über Kennedys tragischen Tod. Die nächsten Tage kauften wir uns Zeitungen, wir hörten jeden Bericht im Radio und haben versucht, alles nachzuvollziehen, doch wir konnten es einfach nicht fassen. Die Welt hielt den Atem an, man glaubte, uns ist etwas genommen worden.

Alle Zeitungen berichteten ausführlich und mit Fotos über den Tod.. 
Auch Kennedys Beerdigung habe ich im Radio verfolgt. Ich war noch immer schockiert und zugleich sehr traurig. Doch das Leben ging ganz normal weiter. Die Presse berichtete zwar teilweise noch über das schlimme Ereignis und später über die Aufklärungsvermutungen. Aber auch andere Themen wurden wieder wichtig.

Eines war da jedoch noch, was jeden von uns beschäftigte.

Wer hatte überhaupt diese schreckliche Tat begangen? Wer hat es übers Herz gebracht, Kennedy in aller Öffentlichkeit zu töten??

Ob es nun Oswald war, ob er alleine oder in einer Gruppe gehandelt hat, das weiß man ja bis heute noch nicht. Ich war auch sehr schockiert, als ich erfahren habe, dass Oswald kurz nach seiner Festnahme von einem gewissen Jack Ruby ebenfalls erschossen wurde.
Ich kann auch nicht einschätzen, ob Oswald überhaupt etwas mit der ganzen Sache zu tun hatte, denn im Nachhinein kursierten viele Gerüchte über den Mörder Kennedys. 
Seltsam fand ich auch die Gerüchte, die besagten, die CIA und das FBI hätten etwas damit zu tun und würden viele Informationen geheim halten.
Es wurden uns so viele verschiedene Gerüchte vorgehalten, dass wir überhaupt nicht mehr wussten, was wir denn glauben sollten.

Letztendlich konnte keiner von uns einschätzen, wer Kennedy umgebracht hatte und vor allem, warum das alles geschehen musste und warum so viel geheim gehalten wurde und die Wahrheit nicht ans Licht gekommen ist.

In den 60er Jahren habe ich persönlich viele verschiedene Dinge erlebt, gute wie auch nicht so gute, doch der Tod Kennedys war für mich einer der schockierendsten Ereignisse des gesamten Jahrzehnts, wobei ich mit Traurigkeit feststellen muss, das ein Attentat auf einen Politiker heutzutage nichts ungewöhnliches mehr ist.

 

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