Dieser Eintrag stammt von Lukas Kühle (1993*) aus Hamburg
Erfahrungen mit der RAF

Name: Heiner M.

Wie alt warst du 1970 und wo wohntest du?
14 Jahre, ich habe in Hamburg gewohnt.

Hast du damals schon Zeitung gelesen?
Ja, manchmal habe ich mir „Die Zeit“ gekauft, meine Eltern lasen „Die Welt“, die las ich auch gelegentlich.

Also bekamst du von der RAF viel mit?
Ja, aber nicht nur durch die Medien, es war ein Thema, das durchaus präsent war. Man merkte beispielsweise, dass an vielen Orten Polizisten mit Maschinengewehren anfingen durch die Straße zu laufen und die Polizei wurde auf einen Schlag aufgerüstet. Man konnte sich dem Thema RAF eigentlich nicht entziehen.

Wurde auch Ähnliches im Ausland über die RAF berichtet?
Ich hörte viel Radio in dieser Zeit, manchmal auch ausländische Radiosender, aber es wurde nicht sonderlich viel von diesen Sendern über die RAF berichtet.

Wie berichteten die Zeitungen über die RAF?
Die meisten Zeitungen berichteten neutraler als die „Welt“, die ich, wie gesagt, öfter las, oder beispielsweise die „Bild“. Aber das Gesamtbild über die RAF war grundsätzlich negativ, was konnte man auch anderes schreiben über eine Organisation, die in einem Land Terror verbreitete? Es wurde sich sehr wenig damit beschäftigt, warum die RAF ihre Aktionen durchführte. Es gab auch keine Auseinandersetzung mit den Briefen der RAF, die ja eigentlich über die Medien veröffentlicht wurden. Es herrschte ein Krieg zwischen der RAF und den Springer Medien.

Andreas Baader wurde in den Medien, ob „Bild“ oder „Tagesschau“, meistens als der „Kaufhaus-Brandstifter“ bezeichnet, aber der eigentliche politische Gedanke, den die RAF verfolgte, wurde weder nachvollzogen, noch behandelt. Man muss aber auch bedenken, dass wir heute darüber derart aufgeklärt sind, da es viel mehr Talkshows im Fernsehen gibt oder auch das Internet viel Informationsmöglichkeiten bietet.

Tendierte die linke Szene deiner Beobachtung nach zur Hochzeit der RAF stärker zu Gewalt als zu Beginn der Studentenproteste ?
Die Studentenproteste waren zuerst friedlich und ohne Gewalt. Doch die Erschießung Benno Ohnesorgs löste den Beginn der RAF aus und stellte somit den Anfang der Gewalt dar.
In extremem Gegensatz dazu war die weltweite Hippie-Bewegung Thema in der Presse. Der Springer Verlag warf die Hippies und die RAF jedoch in einem Topf.

Inwieweit stieg der Druck auf die Regierung durch die RAF?
Riesig, eine Bedrohung der bürgerlichen Freiheitsrechte wurde ausgelöst und die Regierung sah sich einer vollkommen neuen Situation gegenüber. Man fing an mit dem Abhören von Bürgern, die Polizei wurde aufgerüstet und die Gesetze wurden um Einiges verschärft. So wurde zum Beispiel ein Gesetz gegen die Beteiligung an einer terroristischen Vereinigung verabschiedet.

Vermehrten sich Studentenproteste als Reaktion auf die RAF?
Ja, aber eigentlich eher vor allem durch die erweiterten Befugnisse der Polizei. Es gab auch viele Protestler, die wahrscheinlich mit der RAF sympathisierten. Es gab jedoch auch politische Gruppen an den Universitäten, die sich untereinander bekriegten.

Bekam die RAF auch Zuspruch von Leuten aus deinem Umkreis oder gab es nur Ablehnung?
Eigentlich bekam sie nur Ablehnung bei den Engagierten der politischen Linken. Zum Beispiel hatte ich einen Freund, der der Hausbesetzer-Szene angehörte, aber die RAF überschritt für ihn und für alle immer eine Grenze.

Wie standest du persönlich zur RAF? Hatte sie etwas Gerechtes an sich?
Nein, auf jeden Fall nicht! Mir war klar, dass das System nicht das Beste war, aber man musste aufgrund der Art und Weise gar nicht darüber diskutieren, dass all das außerhalb dessen stand, was man tolerierte.

Wurde vielleicht auch etwas in der Bevölkerung ausgelöst, eine Antipathie dem Staat bzw. den USA gegenüber?
Bei dem Mann von der Straße sicherlich nicht, aber in entsprechenden Kreisen der Sympathisanten wahrscheinlich schon. Der Staat entwickelte sich eben immer mehr zum Überwachungsstaat, man benutzte die RAF als Rechtfertigung für die Überwachung der Bürger, dies kam bei vielen nicht gut an. Nebenbei kam vieles über die USA zum Vorschein. Die Bevölkerung bekam immer mehr Informationen über die Kriegsführung der USA im fernen Osten, aber die RAF löste diese Antipathie gegen diese Art der Kriegsführung nicht direkt aus.

Wie standen deine Eltern zu den Vorkommnissen rund um die RAF?
Sehr ablehnend, sie konnten es nicht nachvollziehen. Ihrer Meinung nach machten sie das Klima kaputt, diese Heile Welt der 1960er.

Bekam man noch etwas von der dritten RAF Generation mit?
Nicht so genau, wie bei den ersten beiden, man bekam keine Namen oder nennbare Aktionen mit.

Hast du selbst bei Protestaktionen, unabhängig von der RAF, mitgewirkt?
Nein, das war nicht meine Generation, ich habe eher bei Antiatomkraft- Demonstrationen mitgemacht.

„Nach Faschismus und Krieg hat die RAF etwas Neues in die Gesellschaft gebracht: das Moment des Bruchs mit dem System und das historische Aufblitzen von entschiedener Feindschaft gegen Verhältnisse, in denen Menschen strukturell unterworfen und ausgebeutet werden und die eine Gesellschaft hervorgebracht haben, in der sich die Menschen selbst gegeneinander stellen.“
Dies ist ein Zitat aus der Auflösungserklärung der RAF von 1998, glaubst du, dass diese Zeit die Meinung der Bevölkerung dem Staat gegenüber verändert hat?
International hat sich sicherlich nichts verändert, aber in Deutschland bestimmt. Der Staat wurde erst durch die Reaktion auf die RAF zu dem, was die RAF an ihm kritisierte. Und dies bewirkte eine Veränderung in der Denkweise der Bevölkerung dem Staat gegenüber und vor allem eine Sensibilität gegenüber öffentlichen Maßnahmen.