Dieser Eintrag stammt von Benjamin Ruge

Glück im Unglück

Aus dem Gespräch mit meiner Oma K. Körner und meiner Mutter S. Ruge über einen besonders aufregenden Sommerurlaub 1973. 

"Wie jeden Sommer nahm mein Mann seinen 3 Wochen langen Haupturlaub. Er war Dreher bei Bloom unten in Hamburg-Bergedorf und hatte dadurch wenig Urlaub. Anstatt sich ein Käfer zu kaufen wie viele andere, hatten wir uns ein kleines Segelboot gekauft. Wie jeden Sommer verbrachten wir unseren hart verdienten Urlaub an der Ostsee. Dieses Mal jedoch wollten wir mit unseren Bekannten, die auch ein Boot besaßen, von Fehmarn aus, nach Dänemark Segeln.
Am Abend der Abreise saßen alle gut gelaunt an Deck und redeten miteinander über den Kurs am folgenden Tag und tranken Bier. Durch diese heitere Stimmung vergaß mein Mann den Wetterbericht abzuhören. Am nächsten Morgen fuhren wir auch sofort los. Es war bestes Segelwetter und die Sonne schien. Wir fuhren alle zusammen, wie in einer Kolonne.

Doch nach ca. zwei Stunden wurde das Wetter rapide schlechter. Es wurde regnerisch, diesig und der Wind nahm sturmartig zu. Die anderen Boote waren schon lange nicht mehr zu sehen und der Sturm wurde immer schlimmer. Ohne in Frage kommende Hilfe und vom Kurs
abgekommen, hatten wir keine Orientierung mehr.

Dann ein kleiner Lichtblick. Wenige Metern voraus war eine Boje und auf diesen Tonnen war eine Nummer, welche man auf einer Seekarte suchen konnte und dadurch wusste wo man sich gerade befand. Dort angekommen, suchte mein Mann diese Nummer auf seiner Seekarte.

Auf einmal stand das blanke Entsetzen in seinen Augen, warum ich auch ich fragte was los sei und wo wir uns befänden. Er antwortete, dass wir in dem DDR Gebiet wären.
Als wäre das nicht schon genug, sah er rechts und links vom Schiff, in ein paar hundert Metern Abstand, zwei DDR Küstenwachboote. "Schnell wenden!", schrie er. "Wenn die uns erwischen, können wir den Rest des Urlaubes im Knast verbringen!" Ich hatte fürchterliche Angst, da ich vor dem Mauerbau aus Dresden nach Hamburg gekommen war und die mich, aufgrund meiner damaligen Flucht, bestimmt gleich in der DDR behalten hätten. Ich war so panisch, dass mich mein Mann sogleich nach unten in die Kajüte schickte. Später erzählte er mir, dass sie uns verfolgt hätten, doch als wir über die Grenze waren, konnten und durften sie uns nicht mehr verfolgen.

Doch gerettet waren wir immer noch nicht. Wir wussten zwar, wo wir waren, aber nun fuhren wir in die Richtung des Sturms, der uns alle Segel zerfetzte. 
Aber schließlich, unter Motor, liefen wir am nächsten Morgen wieder in Fehmarn ein. Es war die schlimmste Nacht meines Lebens! Ich habe wirklich gedacht, dass wir sinken.
Natürlich war der Urlaub vorbei, ich will gar nicht wissen, was gewesen wäre, wenn sie mich gekriegt hätten, aber wir hatten Glück im Unglück.
Noch am selben Abend fuhren wir nach Hause.

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