Dieser Eintrag stammt von Hannah Ahrens(*1994) und
Janin Graumann(*1995)

  Nach der Ausbildung ging es in den Krieg
Ergebnisse eines Interviews mit Herrn Scholz (*1920)


Schulzeit und Kindheit:

Karl August Scholz wurde 1920 in Roststock geboren und wuchs in Schwerin auf. Er ging auf ein nationalsozialistisches Internat und wurde nach seiner Ausbildung als Soldat für den Russlandfeldzug eingezogen.

Aufgrund der Scheidung seiner Eltern kam Herr Scholz auf ein Internat mit nationalsozialistischem Hintergrund, was von da an für ihn sein zu Hause war. Die Eltern mussten hierfür extra Geld bezahlen. Die Lehrer waren zugleich ihre Erzieher und Elternersatz und haben die Kinder dadurch mit ihren nationalsozialistischen Gedanken geprägt. Die Lehrer kamen entweder in SA-Uniform oder in Zivil in den Unterricht.

Er beschrieb im Laufe des Gesprächs die Umstände in der Schule und wie ihnen damals das nationalsozialistische Gedankengut eingetrichtert wurde. So hing im Klassenraum zum Beispiel ein großes Plakat an der Front mit dem Aufdruck "Nicht wir, sondern Deutschland" oder es wurden am Anfang des Unterrichts biblische Sprüche aufgesagt. Zudem wurden Ausschnitte aus dem Buch "Mein Kampf" behandelt und Rassenkunde galt als Standartfach. Auch im Bereich der Musik wurden sie durch bestimmte Stücke, die im Unterricht behandelt wurden, manipuliert. Im Internat wurden die Juden schlecht gemacht, man sollte sie als Feinde und nicht als Freunde sehen. Herr Scholz wurde so zum 100%igen Nazi erzogen, konnte sich jedoch nie ganz mit dem Judenhass/Antisemitismus anfreunden, denn er selbst hatte zwei jüdische Freunde und sah nie etwas schlechtes in ihnen. Die Erziehung im Internat war sehr streng: So musste er zum Beispiel bereits um 9 Uhr im Bett sein, Unpünktlichkeit war nicht geduldet.

Alle in dem Internat angemeldeten Kinder und Jugendlichen kamen automatisch in die "Hitlerjugend" oder zum "Bund der Deutschen Mädels". Herr Scholz selbst hat nie einen Zweck in der Hitlerjugend gesehen. Dort mussten sie Sprüche zu Hitler aufsagen, den man regelrecht angebetet hat. Man trichterte ihnen ein, dass Hitler immer Recht hat, der Befehl war heilig und man durfte ihn nicht hinterfragen. Durch das Internat kam er später automatisch zu der SA und wurde Mitglied der NSDAP.
Nach dem Internat machte Herr Scholz eine Lehre. So erzählte er, dass jedes Mal, wenn der Führer sprach, die Arbeit niedergelegt wurde und sich alle um das Radio versammelt haben, um ihm zu lauschen. Herr Scholz gehörte zu einem der wenigen, der seine Lehre beenden konnte. Man brauchte ihn in dem Sinne noch nicht, da es noch keinen "Soldatenmangel" gab.


Kriegserlebnisse:

Im Jahre 1941 wurde Herr Scholz im Alter von 21 Jahren für den Russlandfeldzug eingezogen. Er war vom Anfang bis zum Ende des Feldzuges dabei.

Er war Infanterie Funker. Man war immer zu zweit, der eine trug das Gerät und der andere gab Funksprüche aus und nahm auch diese entgegen. Zur Weiterbildung hätte er eine Offiziersausbildung machen können, lehnte dies jedoch bewusst ab, da er die Vorahnung hatte, dass die Offiziere an der Front nur gelogen und betrogen hatten und das wollte er nicht. Niemand wusste über die genaue Lage Bescheid.

Während des ganzen Krieges war die Zivilbevölkerung eng mit den Soldaten verbunden und half ihnen stets.
Zu Zeiten des zweiten Weltkriegs wurde die sogenannte "Wunderwaffe" erfunden. Es war ein neues Maschinengewehr, welches in einer Minute viele und schnelle Schüsse abgeben konnte. Doch genau diese "Wunderwaffe" wurde ihm auch zum Verhängnis, denn bei einem Angriff wurden ihm beide Knie durchschossen.

Er lag von 16 Uhr nachmittags bis zum nächsten Morgen 10 Uhr alleine mit seinen schlimmen Schmerzen da, erst dann konnte ihm geholfen werden. Er kam zur Genesung in ein provisorisch eingerichtetes Notfallzentrum, wo er die Diagnose bekam, dass beide Beine verloren seien und dass diese abgenommen werden müssen. Dann kamen jedoch die russischen Soldaten und sie mussten fliehen. So kam er in ein Lazarett, wo er nun die Diagnose bekam, dass nur ein Bein verloren sei und dass das andere noch zu retten ist. Durch großes Glück kam er nach Deutschland zur Genesung und dort sagte man ihm, dass er beide Beine behalten kann und dies therapierbar sei.
Nach seiner Genesung kam er wieder zurück in den Krieg an die Front. Dort hielten sie Stellung und hatten einige schlimme Angriffe zu überstehen.

Der erste Tote durch den Krieg, den Herr Scholz gesehen hatte, war ein Mann aus seiner Truppe, der auf eine Mine getreten war. Er selbst hielt ihn in den letzten Momenten seines Lebens in den Armen und erzählte uns, dass in einer solchen Situation die Menschen auf die Urinstinkte zurückgreifen und nach ihrer Mutter rufen. Diese Schreie bekommt er bis heute nicht aus dem Kopf.
Er musste während des Krieges viele Kameraden im Stich lassen. Es waren oft Verletzte oder Eingekesselte, denen man nicht mehr helfen konnte.

Er hat durch seine Funkbefehle sehr viele Russen in den Tod geführt, so zum Beispiel, als die Russen versuchten, sich wie Eisschollen zu tarnen, um unentdeckt über das Wasser zu kommen. Er gab den Befehl zum Angriff gegen die Russen, in dem viele das Leben lassen mussten. Doch irgendwann konnten sie die Stellung nicht mehr halten und es hieß nur noch "lauft, die Russen kommen!".

Ende März 1944 war er mit seiner Truppe in Ostpreußen. Am 28./29. machten sie sich für den Rückzug ins Reich bereit. Sie kamen zurück ins Reich, wo sie zu einer Neuaufstellung in Neuruppin gerufen wurden. Von dort aus gingen er und seine Truppe nach Schwerin. Er bezeichnet es auch als einen "wilden Marsch". Während dieses Marsches waren sie nur zu dritt. Sie gingen in drei Tagen nach Schwerin, was eine Strecke von 50 km war. Es war ein ständiger Kampf mit sich selbst. Tagsüber kämpfte man und nachts marschierte die Truppe. Man lernte beinahe, beim Marschieren zu schlafen.
 
Während des Krieges musste er nie groß Hunger leiden, denn man wurde von außerhalb immer gut versorgt. Nur wenn die Truppen eingekesselt waren, konnte es dazu kommen, dass sie über einige Tage nichts zu essen hatten.

Trotz der schweren Zeiten und der ständigen Angst, hat er nie den Glauben an Gott verloren. Er berichtet, dass es auch Zeiten gab, wo er nur noch nach Hause wollte, wofür er stets gebetet hat. Jedoch hat er nie den Lebensmut verloren. Zudem hatte er das große Glück, nie ein Kriegsgefangener zu sein.


Sein schlimmstes seelisches Erlebnis war im Januar 1945, als sie auf dem Weg nach Danzig waren. Dort fanden sie eine umgekippte Kutsche vor und Frauen mit sehr kleinen Kindern, die durch den hohen Schnee wanderten. Bei ihnen war noch ein altes Ehepaar. Er und seine weiteren fünf Kameraden begleiteten die Truppe und suchten mit ihnen ein Nachtquartier auf. Sie fanden ein schon verlassenes Dorf. In den Häusern standen zum Teil noch warme Mahlzeiten auf den Tischen, was darauf deuten ließ, dass die Bewohner des Dorfes noch nicht lange weg sein konnten. Wahrscheinlich hatten sie jedoch zu große Angst vor einem nächtlichen Überfall durch die Russen. Am Abend versprach Herr Scholz dem alten Ehepaar noch, sie rechtzeitig morgens zu wecken, damit sie weitermarschieren konnten. In der Nacht bekam er jedoch den Befehl, das alte Ehepaar am Morgen nicht zu wecken. Sie seien nur eine Belastung für die Gruppe und man würde nicht schnell genug vorwärts kommen. Dass er dieses Versprechen gebrochen hat, verzeiht er sich bis heute nicht und er kann auch heute noch nicht wirklich offen darüber reden.