Dieser Eintrag stammt von Daniel Thomsen

                                     KLV-Kinderlandverschickung

Die folgenden Angaben stammen von Susanne Thomsen, die im März 1943 mit ihrer Klasse und der Parallelklasse der Stettiner „Mozart–Oberschule“ nach Rügen in die KLV geschickt wurde, um den ständigen Bombenangriffen der Stettiner Innenstadt zu entkommen.

Wie fing alles an?
Es war im März 1943, ich war 12 1/2 als ich mit meiner Klasse und einer weiteren unseres Jahrgangs in eine der vom Staat finanzierten und von der Schule organisierten KLV geschickt wurden. Man wurde nicht gezwungen mitzukommen , aber da es zur Sicherheit vor den ständigen Bombenangriffen war, nutzte sie fast jeder. Es waren sechs Monate Aufenthalt geplant, aber daraus wurden zwei Jahre.

Wo wurden die Klassen hingeschickt und untergebracht?
Wir fuhren mit der Bahn von Stettin nach Sellin auf Rügen , wo wir in Hotels in der Nähe des Meeres untergebracht wurden .In jedem Zimmer schliefen mehrere Mädchen zusammen.

Inwiefern war der Krieg zu spüren?
Vom Krieg bekam man kaum etwas mit , außer aus den Nachrichten oder aus Erzählungen. Vor Bomben, war man ja eigentlich nirgendwo sicher und es war auch nicht sehr beruhigend, die Fliegergeräusche über sich zu hören, von denen man wusste, das sie einen Angriff auf die „alte“ Heimat starten würden, nämlich Stettin. Das war nicht so schön, denn meine Eltern waren noch in der Stadt. Ansonsten war alles sehr ruhig und alle fühlten sich sehr sicher . Es gab ja auch nichts, was man auf Rügen hätte bombardieren können .

Wie fand der Kontakt zwischen Kindern und Eltern statt?

Manchmal kamen die Eltern zu Besuch (wenn es möglich war) oder wir konnten sie sehen, wenn wir neue Sachen zum Anziehen brauchten .Wir wuchsen ständig aus den Sachen heraus , weil wir natürlich im Alter von ca. 13 Jahren mitten in der Wachstumsphase waren. Später bekam man durch die sogenannten „Überlebenskarten“ Bescheid ,ob die Eltern noch lebten .

Angst um die Eltern?
Ich persönlich hatte überhaupt keine Angst. Man wurde gut vom Heimweh oder sonstiger Trauer abgelenkt. Wir machten viel Sport und spielten oft am Strand. Abends machten wir öfters ein Lagerfeuer, redeten und sangen Lieder. Außerdem hatten wir früher als Kinder eine ganz andere Beziehung zu unseren Eltern, als die Kinder heute.


Wie war denn der Tagesablauf?

Morgens hatten immer zwei Mädchen die Aufgabe, die anderen mit Gesang zu wecken . Wir wuschen uns und dann wurde gefrühstückt! Es gab überhaupt verhältnismäßig viel zu essen. Danach wurden wir unterrichtet und nachmittags hatten wir meistens Sport. Jede Woche wurde ein anderes Mitglied der Hitlerjugend vorbeigeschickt, um uns die Gedanken der NSDAP weiterhin vermitteln zu können .

Wie sah das Ende der KLV aus?

Am Ende des Jahres 1944 und am Anfang des Jahres 1945 verschlechterte sich die Lage in der KLV ein wenig. Es gab nicht mehr so viel zu essen, denn Deutschland war völlig am Ende.

Wie sah die Heimkehr aus?
Einige Eltern holten ihre Kinder ab, so wie meine Eltern mich auf der Flucht aus Stettin abholten. Aber die meisten mussten sich wohl oder übel alleine mit den Lehrerinnen auf die Suche nach den Verwandten bzw. Eltern in der völlig zerstörten Stadt machen. Die Lehrerinnen mussten die Kinder bis zum Ende begleiten und sie opferten sich wirklich bis auf das letzte Hemd auf, obwohl es sehr gefährlich für sie war, denn die Russen hätten sich an ihnen vergriffen und sie vergewaltigt, wenn sie sie erwischt hätten.

Wann und wie bist du „Heim“- gekehrt?

An einem sehr, sehr kalten Tag am 15.März 1945 wurde ich von meinen besten Freundinnen getrennt und ich war so traurig, weil wir alle wussten, dass wir uns höchstwahrscheinlich nie wieder sehen würden. Meine Eltern holten mich während der Flucht aus Stettin ab .

Es war also im allgemeinen eine schöne Zeit, während einer schlimmen Zeit?
Eine bessere Zeit hätte man gar nicht haben können unter diesen Umständen. Wir hatten viel Spaß zusammen in diesen zwei Jahren und wir wurden zu den besten Freundinnen. Es war schön, dass wir in unserem Klassenverband zusammen dort waren, denn so war es für viele nicht ganz so schlimm von den Eltern getrennt zu sein. Ich hatte weder Angst noch Heimweh. Ich weiß nicht wieso, aber es war einfach so. Wir waren eben einfach nur fröhliche junge Mädchen.

Viele haben sich wiedergefunden und zwischen vielen der KLV–Bewohner besteht noch heute Kontakt. Beide Lehrerinnen sind noch am Leben und es gibt ab und zu Treffen der „KLV’er“.