Dieser Eintrag stammt von Anna Ermisch (*1992)

Die Geschichte des neunjährigen Alexander Ermisch (*1932) während des Zweiten Weltkrieges

Die Dorfumsiedlung

Ich wohnte mit meiner Familie in einem Haus in dem Dorf Rosental, einer deutschen Kolonie in Kalmükia. Unsere Familie bestand aus meinem Vater Jakob, meiner Mutter Maria, meinen Geschwistern E-Katharina, Emilia, Frida, Amalia, Jakob, Ivan, Rosa und mir. Meine Eltern arbeiteten auf einem Kolchos und meine älteren Geschwister gingen zur Schule.
Am 22. Juni 1941 wurde der Krieg in Russland angefangen. Die Russen fürchteten einen Seitenwechsel der deutschstämmigen Familien, die in der Nähe von Kriegszonen lebten. Um sich davor zu schützen, ließen sie alle deutschstämmigen Familien nach Kasachstan oder Sibirien umsiedeln.

Am 11. September 1941 wurde in unserem Dorf vom Kriegskomitee ausgerufen, dass innerhalb von 24 Stunden das Dorf von allen dort lebenden deutschstämmigen Familien geräumt werden musste.
Alles Vieh war schon eine Woche zuvor von einigen jungen Leuten durch kriegsfreie Zonen getrieben worden; unter ihnen war auch meine ältere Schwester E-Katharina dabei. Nach dem Ausruf fingen alle damit an, sich für den Weg vorzubereiten. Es wurde sich für den herbeikommenden Winter mit warmen Sachen und mit Essen eingedeckt. Es wurde Brot gebacken und Schweine wurden geschlachtet, damit deren Fleisch für den Weg eingelegt werden konnte.

Am 12. September 1941 machten wir uns auf den Weg. Frauen mit neugeborenen Kindern wurden auf Pferdegespanne gesetzt und die übrigen Erwachsenen und Kinder mussten zu Fuß gehen. Wir wurden von Soldaten Richtung Westen geführt, die aufpassen mussten, dass niemand floh. Nach ungefähr einer Woche Fußweg fanden wir E-Katharina kraftlos am Wegrand liegen und nahmen sie auf einem Gespann mit. Es war ein sehr anstrengender Weg, doch alle Dörfer, durch die wir kamen, halfen uns mit Nahrung aus.

Als wir endlich am Bahnhof ankamen, von dem aus wir nach Baku gebracht werden sollten, sahen wir, dass dieser von Bomben zerstört war. Daraufhin mussten wir unseren Weg zum nächsten Bahnhof weiter zu Fuß fortsetzen. Dort wurden wir in kalte Waggons gesetzt und nach Baku gebracht.
In den Waggons war es dunkel, denn sie hatten keine Fenster, und die Türen waren verriegelt. Insgesamt haben wir ca. zwei Monate bis nach Baku gebraucht, weil wir nicht den direkten Weg per Bahn nach Baku nehmen konnten, sondern um die von Bomben zerstörten Gebiete herumfahren mussten.
In Baku wurden wir alle versorgt und auf ein Schiff geladen, das uns über das Kaspische Meer nach Krasnovodsk bringen sollte. Beim Verladen aufs Schiff herrschte große Panik. Die Planke, über die wir gingen, wackelte so hin und her, dass Leute ins Wasser fielen. Aber niemand half ihnen. Mein Vater hielt mich am Kragen fest, um zu verhindern, dass auch ich ins Wasser fiel.
Zuerst wurden alle Frauen mit Neugeborenen und kleinen Kinder in den Laderaum des Schiffes gebracht. Ich, die übrigen aus unserem Dorf und die Soldaten blieben auf dem Deck. Doch kurz nachdem wir abgelegt hatten, wurden die Frauen und kleinen Kinder aus dem Laderaum auf das Deck vertrieben. Die Soldaten wurden dann im Laderaum versteckt, weil deutsche Flugzeuge über uns zu kreisen begangen. Um nicht von Bomben getroffen zu werden, wurden alle Frauen gezwungen, deutsche kirchliche Lieder zu singen. Die Soldaten schrien immer wieder, sie sollten noch lauter singen. Die Flugzeuge zogen daraufhin ab, ohne auch nur eine Bombe auf uns geworfen zu haben. Ich war erleichtert und glücklich, denn ich dachte, dass ich hier sterben müsste.

Das Schiff brachte uns nach Krasnowodsk, wo wir am Wasser ein Lager aufschlugen. Es war dort sehr kalt und viele Menschen starben an Hunger und Erschöpfung, besonders ältere Menschen und Kinder. Hier starb auch meine Schwester Rosa. Nach drei Tagen brachen wir auf und wurden in Waggons verladen. Diese wurden eigentlich für den Transport von Vieh benutzt. In den Waggons waren an den Wänden Bretter angebracht, die als Pritschen dienten. Wir hatten glücklicherweise die Pritschen in der Mitte bekommen, sodass von oben und unten warme Atemluft kam. Es war Ende November und schon so kalt, dass die Kleidung der Leute an den Pritschen festfror. Viele starben an der Kälte, an Hunger und an Erschöpfung.
Jeden Tag kam ein Gespann zu uns, um die Toten abzuholen, und jedes Mal war es voll. Die Soldaten riefen: „Alle raus!“ und wir bekamen etwas zu essen und durften auf Toilette gehen. Nach 20 bis 30 Minuten riefen sie: „Alle rein!“.
An einem dieser Tage wurden auch meine Brüder Ivan und Jakob abgeholt.

An Weihnachten waren wir dann in Tantscha, einer Station in Kasachstan, in der Nähe von Petropavloks angekommen. Jeder von uns war sehr hungrig. Aber mein Vater aß heimlich das ganze Essen, das für unsere Familie bestimmt war, alleine auf.
Von Tantscha aus wurden wir in ein Dorf gebracht, wo jede Familie von einer anderen Familie aufgenommen wurde. Wir bekamen etwas zu essen und einen Schlafplatz. Ich lag im Bett neben meiner Schwester Amalia. Als ich am nächsten Morgen aufwachte, war sie tot. Mein Vater nahm sie hoch und trug sie nach draußen, wo er sie begrub. Das war aber nicht leicht, da die Erde schon gefroren war. Am Anfang unseres Weges hatte ich Angst vor dem, was passieren würde. Während des Weges war ich ständig hungrig und erschöpft und am Ende war ich schon so an alles gewöhnt, dass mich noch nicht einmal der Tod meiner Schwester erschütterte.

Nach zwei bis drei Tagen flohen wir nach Sibirien in das Gebiet um Omsk, wo ein Teil unserer Verwandtschaft lebte. Dort meldeten wir uns bei der Kommandantur. Meine Eltern fingen wieder an, im Kolchos zu arbeiten.

Am 27.Februar 1942 wurden alle deutschstämmigen Männer, die in dem Gebiet um Omsk lebten, in die Arbeitsarmee eingezogen. Mein Vater wurde nach Warkuta, einer Stadt am Polarkreis Russlands, zur Schachtarbeit befohlen. Im März wurden dann auch alle deutschstämmigen Frauen zur Arbeitsarmee eingezogen. Meine Mutter und meine Schwester Emilia wurden nach Sverdlowsk in eine Kriegswerkstatt beordert und meine Schwester E-Katharina wurde zur Schienenverlegung geschickt.
Da ich und meine Schwester Frida allein blieben, wurden wir in ein Waisenhaus in Scharapovka gebracht. Während unseres Aufenthalts dort waren meine Mutter und Emilia aus der Arbeitsarmee geflohen und nach Omsk zurückgekehrt. Um ihre Spur bei der Flucht zu vertuschen und um nicht von den Hunden gefunden zu werden, streuten sie Tabak hinter sich her.
Im August, nachdem sie in Scharapovka angekommen waren, holten sie uns nachts heimlich aus dem Waisenhaus. Wir gingen zu Verwandten in das Dorf Popowka. Als wir uns bei der Kommandantur meldeten, fragten sie, warum meine Mutter schon aus der Arbeitsarmee zurück war. Nachdem sich herausstellte, dass sie geflohen war, wurde sie zu zehnjähriger Haft in Omsk verurteilt. Emilia wurde zur Arbeitsarmee nach Warkuta geschickt, wo sie unseren Vater traf.

Frida war von einer Familie aufgenommen worden, wo sie als Hausmädchen arbeitete, und ich lebte auf der Straße bis zum Winter. Mein Essen klaute ich mir aus fremden Gärten und schlief in einer selbst gegrabenen Kuhle.
Als der Winter anbrach, nahm mich eine Bekannte meiner Eltern bei sich auf, bei der ich bis zum Frühling blieb. Länger konnte sie mich nicht ernähren, weil sie selbst nicht so viel zum Leben hatte. Also musste ich wieder auf der Straße leben.

Im Herbst 1943 berichteten mir Bekannte meiner Eltern, dass im Dorf Alexejevka eine Tante von mir lebte. Ich ging dorthin und traf dort meine Schwester Frida. Die Tante nahm mich unter der Bedingung auf, dass ich selbst für mein Essen arbeitete. Ich half ihr, die Pferde zu versorgen.

Ich blieb bei ihr bis zur Rückkehr meiner Mutter im Winter 1945.


Die Rehabilitationsbescheinigung von Alexander Ermisch