Dieser Eintrag stammt von Winnie Lüdemann (*1992)

Ergebnisse eines Interviews mit Edeltraut Horn (*1924)

Vom Reichsarbeitsdienst zur Flakhelferin

Die Zeit beim Reichsarbeitsdienst

Edeltraut Horn, geborene Löwe, lebte als Kind mit ihren Eltern und ihrem Bruder Gerhard im Erzgebirge. Sie berichtet davon, wie sie zum Reichsarbeitsdienst in Mecklenburg kam und danach zur Flakhelferin nach Niedersachsen abkommandiert wurde.

Ihr sehnlichster Wunsch erfüllte sich am 5.April 1943, als sie zum Reichsarbeitsdienst (RAD) kam und auch ihr zweiter Wunsch erfüllt wurde, denn Edeltraut wollte weit weg. Ihr neues Zuhause ist nun das RAD-Lager 1/31 in Neustadt-Glewe in Mecklenburg. Der Reichsarbeitsdienst war in männlich und weiblich getrennt. Für Frau Horn begann eine herrliche Zeit. Sie sagt, es sei ihre schönste Zeit gewesen. Für ihre Mutter war das alles jedoch keine schöne Zeit, denn ihr Mann war eingezogen, ihr Sohn Gerhard war bei der Luftwaffe und auch ihre Tochter Edeltraut war nicht mehr zu Hause. Sie blieb alleine im Erzgebirge zurück.

Während der Zeit im Reichsarbeitsdienst musste Frau Horn tagsüber bei Bauern arbeiten. Weil sie die Landarbeit schon von zu Hause kannte, bereitete ihr dies auch keine großen Probleme. Ihr gefiel die Arbeit sogar, und mit den beiden Bauernfamilien, für die sie arbeitete, verstand sie sich sehr gut. Frau Horn meint, dass die Mädchen, die aus der Stadt kamen, größere Schwierigkeiten mit der Landarbeit hatten als sie. Die Mädchen mussten bei allem helfen, was anfiel. Sie mussten melken, ernten, Ställe ausmisten, Tiere füttern,….Etwas zu essen hat jedes Mädchen in ihrer Familie bekommen, aber übernachtet haben sie gemeinsam in Baracken. Zehn bis13 Mädchen haben sich immer einen Schlafraum geteilt. Unter den Mädchen herrschte eine einzigartige Kameradschaft (Gemeinschaft). Besonders gefallen an der Gemeinschaft haben ihr die gemeinsamen Unternehmungen. Sie haben gemeinsam Sport getrieben, gesungen, und noch ein paar andere Aktivitäten unternommen. Es gab für fast alles eine Leiterin oder Führerin (z. B. Gruppenleiterin, Lagerführerin). Alles ist so wunderschön gewesen, und Edeltraut führte ein sorgloses und glückliches Leben.

Mehrere Male hat Edeltraut sich mit anderen Mädchen nachts zum nahe gelegenen See geschlichen, und sie haben dort gebadet. Einmal ist der Bademeister gekommen, weil er sie durch den Lärm, den sie veranstaltet haben, entdeckt hatte. Er hat sie natürlich richtig zusammen geschrien. Er hat auch damit gedroht, alles der Lagerführerin zu melden. Nur leider konnten die Mädchen nicht einfach so aus dem Wasser kommen, sie trugen nämlich keine Badekleidung. Sie sind immer nackt baden gewesen. Das merkte auch der Bademeister schließlich, aber Konsequenzen gab es schlussendlich nicht für die Badebande. Im Gegenteil, die Lagerführerin wäre gerne einmal mitgekommen. Das hatte sie sich sogar einmal zum Geburtstag von den Mädchen gewünscht, berichtet Frau Horn. Sie konnten ihr das aber zum Glück ausreden. Denn wenn das heraus gekommen wäre, hätte sie ihre Stelle als Lagerführerin verloren. Ihre Lagerführerin vergötterte sie und die andern Mädchen.

Am 28.10.1943 war der schwärzeste Tag für die Familie, denn Edeltrauts Bruder Gerhard kommt an diesem Tag bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. Sie selbst erfährt das aber erst am 26.11.1943. Für sie war es das erste große Leid in ihrem so sorglosen Leben.

Abkommandiert zur Flakhelferin

Ende des Jahres 1943/ Anfang 1944 wurden viele Mädchen vom Reichsarbeitsdienst zur Flak abkommandiert, unter ihnen auch Edeltraut. Sie kam von Mecklenburg (Neustadt-Glewe) nach Niedersachsen. Bei der Grundausbildung wurden die Mädchen genauso geschliffen wie die Männer. Darauf wurde überhaupt keine Rücksicht genommen, dass sie Mädchen waren. Auch hier kamen sie in Baracken unter. Es waren 12 - 15 Mädchen in einem Zimmer. Die Etagenbetten, in denen sie schlafen mussten, kannten sie ja schon vom Reichsarbeitsdienst. Das war also nichts Neues für die Mädchen. Ihr Essen mussten sie sich in einer Küche selber zubereiten. Mit fast 20 Jahren gehörte Edeltraut zu den älteren unter ihnen. Ihre Aufgabe als Flakhelferin war, dass sie nachts und teilweise auch tagsüber an den Scheinwerfern stehen und damit den Himmel nach Flugzeugen ableuchten musste. Sie wusste zwar ganz genau, wo an den Scheinwerfern sich jede einzelne Schraube befand, aber was passiert, wenn in der Nacht einmal ein Flugzeug abgeschossen wird, hatte ihr in der Grundausbildung niemand erklärt. Die Männer, die dann tatsächlich an der Flak standen und auf die Flugzeuge geschossen haben, waren durch eine Art Hecke und einen Zaum von den Scheinwerfern getrennt. Man konnte sich aber durch diese Hecke mit denen, die auf der anderen Seite standen, unterhalten.

Edeltraut stellte sich immer wieder dieselbe Frage: Was würde wohl passieren, wenn sie mit dem Scheinwerfer ganz gerade an den Himmel leuchten würden und sie tatsächlich ein Flugzeug entdeckten, das dann auch getroffen werden würde. Ihre größte Angst war hier, dass dann alle Teile auf sie herunter fallen würden. Viele Mädchen mussten nachts auch weinen, weil sie große Angst hatten. Diese Angst stieg, als sie davon mitbekommen hatten, dass ein Mädchen im Nachbarlager ermordet worden sein soll. Jede Nacht war ziemlich lauter Alarm zu vernehmen, aber direkt in ihrem Lager wurde nie ein Flugzeug getroffen. Außer mit dem Scheinwerfer zu leuchten, mussten die Mädchen zusätzlich abwechselnd Wache halten: eine Stunde drinnen und eine Stunde draußen. Schlafen konnte man so gut wie gar nicht

Einmal während eines Sommertages legte sich Frau Horn neben den Scheinwerfer ins Gras und genoss das schöne Sommerwetter, aber nur für eine kurze Zeit. Sie fragte sich, wann das ganze endlich wieder aufhören würde. Der Lärm und all das Leid.

Am 20.2.1945 wird Edeltraut zur Scheinwerferführerin ernannt. Denn immer mehr Männer wurden abgezogen, als die Lage an der Front immer brenzliger wurde. Endgültigen Abschied von der Flak konnte Frau Horn am 05.4.1945 nehmen. Denn ihre Stellung wurde vom Volkssturm abgelöst. Erst wollte man die Führerinnen nicht entlassen, aber schließlich konnten sie zurück in ihr Lager nach Mecklenburg. Weil Edeltraut als Scheinwerferführerin die Stellung und alle Geräte übergeben musste, konnte sie als letzte die Stellung verlassen, das war ein sehr komisches Gefühl für sie.

Zum Schluss sagt Edeltraut, dass das früher eine komische und verrückte Zeit gewesen sei.

Man hat alles so hingenommen, wie es war, aber heute, wenn sie sich ihre Aufzeichnungen und Fotos anschaut, dann schaudert es sie immer noch wieder.

             

Frau Horn hat für ihren Vater ihre Erlebnisse in einem kleinen Tagebuch aufgeschrieben.