Dieser Eintag stammt von Malte Weinschenk

Mein Großonkel

Mein Großonkel Helmut wurde am 4. Mai 1929 in Harburg-Wilhelmsburg, - Wilhelmsburg gehört erst seit 1937 zu Hamburg - geboren. Bereits mit 5 Jahren wurde er eingeschult und wurde nach 8 Jahren Volksschule aus der 8. Klasse entlassen.

Nun wollte er sich seinen Kindertraum erfüllen und Lokomotivführer werden. Er war noch 13 Jahre alt und begann am 12. April 1943 eine Lehre als Lokjunghelfer bei der Deutschen Reichsbahn im Bahnbetriebswerk Hamburg-Harburg. Im ersten Lehrjahr wurde, mit weiteren 15 Lehrlingen, in der Lehrwerkstatt gearbeitet. Wie es zu der damaligen Zeit üblich war, musste er auch mit 10 Jahren zum DJ (Deutsches Jungvolk) und mit 14 Jahren zur HJ (Hitler-Jugend). Es war auch üblich, dass jeden Morgen, bevor die Arbeit in der Lehrwerkstatt begann, Fahnenappell war. Vor der Lehrwerkstatt war der Appellplatz. Die Lehrlinge mussten antreten und dann wurde die Hakenkreuzfahne gehisst. Zum Feierabend das gleiche, nur die Fahne wurde eingeholt.
Im zweiten Lehrjahr mussten die Lehrlinge dann an den Dampflokomotiven Reparaturen ausführen. Es war 1944 und die Arbeitskräfte waren sehr knapp. 1944 begann für ihn auch die Zeit der Wehrertüchtigung. Er musste ins Bann- und später ins Wehrertüchtigungslager. Dort wurde er am Karabiner 98k, am Maschinengewehr MG 42, an der Panzerfaust und zum Handgranatenwerfen ausgebildet. Es erfolgte auch bald die Musterung und am 6. April1945, er war noch 15 Jahre, kam der Stellungsbefehl, er sollte eingezogen werden.
Das Kriegsglück hatte sich gewendet und die Alliierten-Truppen standen kurz vor Hamburg. Hamburg sollte zur Festung erklärt und mit Mann und Maus verteidigt werden. Mein Großonkel und sein Freund, der auch eingezogen werden sollte, machten sich auf den Weg. Sie sollten sich in einem Lager zwischen Rissen und Wedel melden. Durch Fliegeralarm - es fuhr keine Strassen- und S-Bahn - kamen sie dort sehr spät an. Von der Strasse aus sah man das Lager. Es war ein ehemaliges Gefangenen-Lager mit sehr hohem Stacheldraht ringsum. Die Beiden sahen sich an, - es war schon reichlich spät - und fragten sich: „Wollen wir dort rein gehen?“ Die Beiden waren sich einig: Nein! Zufällig kam ein Bauer mit Pferd und Wagen vorbei und den fragten sie ob sie mit nach Wedel fahren dürften. Der Bauer war einverstanden und so kamen sie nach Wedel. Von dort konnten sie mit dem Zug nach Blankenese fahren und von dort ging es teils mit der S-Bahn, teils zu Fuß wieder nach Wilhelmsburg. 

Erst dort wurde ihnen klar was sie gemacht hatten. Sie waren desertiert. Was nun? Doch noch ins Lager? Die englischen Truppen waren schon in der Lüneburger Heide und Hamburg wurde langsam umzingelt. Nein, nun nicht mehr. Sie hofften auf ihr Glück. Sie waren beide im Wilhelmsburger-Männer-Ruder-Club, der ein Bootshaus an der Wilhelmsburger Doven Elbe hatte. Das war ziemlich abgelegen und dort versteckten sie sich am Tage. Und da es täglich chaotischer wurde, hofften sie, dass sie nicht gesucht wurden. Wenn es dunkel wurde, machten sie sich auf den Weg zum Wilhelmsburger Flakbunker. Das war ein 15 Stockwerke hoher schwarzer Betonklotz, auf dem eine Batterie, 4 Geschütze, 10,5 cm Zwillingsrohre standen. Die oberen 3 Etagen waren für das Militär, die anderen 12 Etagen standen der Bevölkerung, zum Schutz vor Fliegerangriffen, zur Verfügung. Dort, am Bunker, war auch der allgemeine Treff, denn es gab keine Nacht ohne Fliegeralarm. 

Eines Abends nun der große Schreck. Als sie zum Bunker kamen, war da eine ganze Kompanie junger Soldaten. Es waren die Soldaten, zu denen sie auch gehören sollten. Aber die Soldaten machte dort nur Pause und sie marschierten in der gleichen Nacht noch weiter in Richtung Harburg.

Nach dem Krieg hat mein Großonkel dann erfahren, dass es zwischen diesen und englischen Soldaten noch zu Kampfhandlungen gekommen war, bei dem es auf deutscher Seite Tote und Verwundete gegeben hatte.
Hamburg wurde dann zur offenen Stadt erklärt und am 5 Mai zogen englische Truppen ohne Kampfhandlungen in Hamburg ein. 
Meinem Großonkel und seinem Freund fielen ganze Felswände vom Herzen. Glück gehabt.