Dieser Eintrag stammt von Ann Kathrin Ziegler(*1991)

Ergebnisse eines Interviews mit Herrn X (*1928)

Meine Zeit bei der Flak

Im Januar 1944 kam ich zur Flakabwehr in eine Batterie westlich von Kiel. Unsere Batterie besaß 8 Kanonen. Damals war ich 16 Jahre alt und kam frisch aus der Schule. In der Batterie wohnten wir mit 8 Mann in einem Bunker und lebten das „normale“ Soldatenleben. Zu essen gab es morgens Kommissbrot, eine Art Brot, das aus allen möglichen Getreidesorten besteht, mit Margarine und Marmelade. Mittags bekamen wir in unserer Essensbaracke etwas Warmes zu essen und abends gab es wieder Kommissbrot mit Margarine und „Gummiwurst“, diese Wurst war eine ganze Fleischwurst und wir nannten sie so, weil sie so wie Gummi schwankte, wenn man sie an einem Ende anfasste und schwenkte. Damit die Wurst genießbar war drehten wir ein Bügeleisen um und brieten sie ziegler2.jpg (242429 Byte) darauf. Wir hatten eine grüne Alltagsuniform und eine blaue Ausgehuniform. Und wenn wir dann abends ausgehen durften und um die Ecke gebogen waren, machten wir erst einmal unsere Hakenkreuz Armbinde ab, damit wir wie „richtige“ Marinesoldaten aussahen. Trotz des „Soldatenlebens“ wurden wir nicht an der Waffe ausgebildet, sondern nur an den Geräten, für die wir zuständig waren. Ich saß an einer Art Computer und war dafür zuständig, auf die Sekunde genau aufzuschreiben, wann der Schuss der Granate losgegangen war. So konnten wir berechnen, ob unserer Batterie an dem Abschuss beteiligt war.

Tagsüber hatten wir 4 Stunden Unterricht bei einem Lehrer, der mit seinem Fahrrad jeden Tag zur Batterie heraus fuhr. Nur, wenn wir nachts 20- 25-mal aus den Betten geworfen worden sind, weil die Sirenen heulten, schliefen wir fast die ganze Zeit. Das störte unseren Lehrer allerdings wenig, der machte einfach weiter. Wir hatten auch keinen detaillierten Unterricht, uns wurde nur eine Art Allgemeinwissen vermittelt. Während meiner Zeit bei der Flak bekam ich zweimal das „Flakkampfabzeichen“, dies bekam die ganze Batterie für 8 Punkte. Man erhielt einen Punkt, wenn man an einem Abschuss beteiligt gewesen war und 2 Punkte wenn man den Abschuss alleine durchgeführt hatte. Bei der Flak erzählte mir auch jemand das erste Mal etwas Genaueres über Konzentrationslager, denn eine Schwedin, die mit an meinem Gerät arbeitete, wusste aus ihrer Heimat einiges darüber. Wir hatten zwar schon davon gehört, aber ich dachte, das sei etwas, wo die Verbrecher hinkommen. So wurde es mir auch erzählt. Während meiner Zeit bei der Flak wurde unser Haus in Kiel vollständig durch Bomben zerstört, Zum Glück befand sich zu diesem Zeitpunkt niemand im Haus. Als ich die Batterie verließ, bekam ich eine Art Zeugnis ausgehändigt, auf dem stand, dass ich das Abitur hatte und studieren konnte. Dieses Zeugnis wurde nach Hitlers Tod nicht mehr anerkannt und ich musste mein Abitur wiederholen,

Der Arbeitsdienst

Am 1. März 1945 wurde ich zum Reichsarbeitsdienstziegler3.jpg (194530 Byte) (RAD) nach Uelzen einberufen. Im Lager waren wir etwa 350 Mann, von denen die meisten aus Walsrode kamen. Während der diversen Luftangriffe auf Uelzen, vor allem in der Nacht, saßen wir in unseren Erdlöchern und warteten, dass die Angriffe vorbei gingen.. Doch dann wurde die Situation mit den amerikanischen Panzern und den Luftangriffen so brenzlig, dass man beschloss, das Lager zu verlassen.

Beim Arbeitsdienst hatten wir meistens mit Spaten gearbeitet, die nun auf unserer Flucht eine große Gefahr darstellten, weil sie, wenn sie von den Jagdbombern der Engländer angestrahlt wurden, blinkten und uns so verrieten. Auf unserer Flucht bekamen wir nun auf einmal eine Sturmwaffe in die Hand gedrückt. Auf der Flucht fingen dann die ersten Walsroder an zu desertieren und unsere Zugführer wurden in die Lager gerufen um aufzupassen, dass nicht noch mehr desertierten. Der Rest der Einheit marschierte weiter nach Lübeck, wo wir neu formiert werden sollten, so hieß es. 

Hitlers Tod

Als wir dann am 1. Mai das Ostufer des Ratzeburger Sees erreichtenziegler4.jpg (295244 Byte), waren wir nur noch etwa 100-120 Mann, der Rest war auf der Flucht desertiert. Während wir unser Geschirr im See abwuschen, sahen wir am Westufer schon die Amerikaner mit ihren Panzern anrücken. Als wir dann am 2. Mai die Nachricht erhielten, dass Hitler tot war, waren wir ratlos und der Gedanke, den ich schon eine ganze Weile hatte, dass wir den Krieg nicht mehr gewinnen würden, schien wahr zu werden. Ja und was nun?

 UNSER FÜHRER war nicht mehr da! Für mich war es ein Ende ins Nichts. Desertieren kam für mich eigentlich nicht in Frage. Mein Vater war Marineoffizier gewesen. Aber vor mir war nichts, keine Zukunft. Wenn ich dort geblieben wäre, hätten die Amerikaner mich eventuell gefangen genommen. Aber eine Zukunft hatte ich auch nicht, denn ich wollte eigentlich schon immer Marineoffizier werden. Ich schloss mich dann, trotz meiner Bedenken, dass mein Vater das Desertieren vielleicht nicht dulden würde und mich zu Hause rausschmeißen würde,
8 Walsrodern an und tat es doch. Ich marschierte in vier Tagen 185 km Richtung Süden, zu meiner neuen Heimat Gifhorn, wo die Schwester meiner Mutter wohnte und uns nach dem Ausbomben unseres Hauses aufnahm. 
Im Nachhinein waren alle froh, dass ich, nach einigen Strapazen, wieder zu Hause war. Wäre ich nicht geflohen, wäre ich in Kriegsgefangenschaft geraten.

Später erzählten mir meine Eltern, dass ich eine Einberufung als Kadett zur Marine nach Stralsund zum 30. April 1945 bekommen hätte und sie mir diese nach Uelzen nachgeschickt hätten, doch da kam sie nie an… Wäre sie angekommen, wäre ich mindestens 10 Jahre in amerikanischer Kriegsgefangenschaft gewesen.

Ich wurde dann nach einer angefangenen Apotheker-Lehre Exporteur und traf auf den Konferenzen einen Engländer, der bei der Englischen Luftwaffe gewesen war. Wir verstanden uns hervorragend und konnten im Nachhinein sogar darüber lachen, dass wir uns die ganze Zeit bekriegt hatten. So wurden später aus Feinden gute Freunde.