Dieser Eintrag stammt von Christoph Adametz (*1988)


Aufgewachsen in Poznan (Polen), während des
Zweiten Weltkrieges

Ergebnisse eines Interviews mit Frau S. (*1936)

Zu Beginn des 2. Weltkrieges im Jahr 1939 war ich 3 Jahre alt und meine Zwillingsbrüder 2 Monate. Mein Vater hat deutsche Schulen beendet und konnte somit perfekt deutsch, was uns während des Krieges geholfen hat. Vor dem Krieg führten wir ein erfülltes Leben. Wir hatten Geld, ein Haus und ein Dienstmädchen (Frania). 

Kriegsausbruch
Als die Polen erfahren hatten, dass der Krieg ausbricht, teilte uns die Regierung durch das Radio mit, dass Familien nach Warschau (Warzawa) flüchten sollen. So taten es dann auch meine Eltern. Sie packten unser Hab und Gut, wie Schmuck, Besteck und Wäsche ein und flüchteten mit uns mit dem Zug Richtung Warzawa. Jedoch ging die Reise nicht weiter als bis nach Kutno, weil die Deutschen, Züge, Gleise und Bahnhöfe bereits bombardierten. Es flogen immer mehr Bomber über uns, deren Geräusch sehr laut und angsteinflössend war. Dieses Geräusch habe ich bis heute noch im Kopf. Natürlich verloren wir unser Gepäck mit all unseren Sachen, als wir auf die Felder, Bauernhöfe oder wo man sich nur verstecken konnte, flohen. 

Die Flucht nach Poznan zurück 
Da man nicht mehr weiter nach Warzawa konnte, fuhren wir mit Kutschen, wenn uns ein Bauer mitnahm oder gingen zu Fuß nach Poznan zurück. Bei einem Flugzeugangriff fehlten plötzlich ein Zwillingsbruder und unser Dienstmädchen Frania. Die Suche nach ihnen dauerte ziemlich lange, da Frania aus Erschöpfung auf einem Kartoffelfeld eingeschlafen war. Ein anderes Mal fiel ihr der Junge aus den Armen auf die Straße, als sie in der Kutsche eingenickt war. Als meine Eltern dies merkten, fuhren wir angsterfüllt wieder zurück. Doch zum Glück fanden wir das Kind lebend wieder. Ich ging mit meinem Vater an der Hand und litt sehr darunter, dass wir kein Wasser und Brot hatten. Die Armut und der Kampf ums Überleben hatten für uns begonnen. Eines Tages, wir waren bereits völlig ausgehungert, fingen uns die Deutschen in einem Bus auf und brachten uns ins Gefängnis in Ostrowo. Den fürchterlichen Schall von den Türen habe ich noch heute in den Ohren. Dadurch, dass mein Vater sich mit den Deutschen verständigen konnte, wurden wir entlassen. 

Einquartierung der Deutschen in Poznan
Als wir dann endlich in Poznan ankamen, wurden die Polen aus ihren Wohnungen vertrieben, oder man quartierte die Deutschen oder Volksdeutschen in ihre Wohnungen ein. Bei uns quartierten sie eine Charlotte in ein Zimmer und eine volksdeutsche Frau mit zwei Kindern. Mit diesen Kindern spielte ich, bis ihre Mutter dies nicht mehr erlaubte und immer „zurück Zimmer“ und „sprechen deutsch“ zu ihnen sagte. Mein Vater bekam einen Job als Dolmetscher, somit mussten wir nicht unsere Wohnung verlassen und durften zu sechs in zwei Zimmern wohnen. Die Küche und das Bad mit lediglich eiskaltem Wasser mussten wir zu zehnt teilen. Wenn die Deutsche in der Küche oder im Bad war, mussten wir diesen Raum verlassen. Außerdem musste mein Vater die Tätigkeiten des Hausmeisters von unserm Mehrfamilienhaus übernehmen. Wenn man sich mit Straßenbahnen fortbewegen wollte, war der erste Wagon immer für Deutsche und der zweite, meist überfüllt, für Polen. Überall standen Dinge auf deutsch und alles war nur für Deutsche, wie Sauna, Schwimmbäder, Kinos, Parks, Spielplätze und Karussells. Auf den Straßen waren viele SS-Soldaten und HJ Jungen, die die polnischen Kinder beleidigten, schlugen und traten. Eines Tages bin ich mit gekauften Waren für Coupons, von denen man nur eine sehr geringe Menge bekam, wie Rübenmarmelade, Rote Bete Marmelade, Margarine und fettarme Milch, nach Hause gegangen. Ich hatte einen selbst gestrickten Mantel an, weil wir Polen keinen kaufen konnten. Die HJ Jungen schubsten und schlugen mich in den Dreck auf die Straße mit meinen Einkäufen, die alle kaputt gingen. Verweint und beängstigt lief ich nach Hause. In dieser Zeit aßen meine Eltern trockenes Brot mit Zwiebeln, und wir aßen eingetauchtes Brot in Milch und mit Zucker überstreut. Zum Mittag aßen wir Kartoffeln mit Soße aus Essig und Zwiebeln oder Kürbis mit Wasser. 

Angsterfüllte Nächte
Am schlimmsten waren die Nächte zwischen 22 und 5 Uhr, in denen die Deutschen die Wohnungen stürmten und die Polen in die Lager schickten. Als erstes wollten die Deutschen die gebildeten Polen wegschicken. Ich schlief halb angezogen mit meinem Vater in einem kleinen Bett, denn wir wussten, die Deutschen könnten auch zu uns in die Wohnung mit ihren Maschinengewehren stürmen und uns in ein Lager schicken. Die ganz besonders gefährlichen Nächte verbrachte mein Vater in einem kleinen Häuschen, um uns zu retten, falls sie bei uns rein kamen; denn dann würden sie uns nichts tun, weil sie als erstes die gebildeten Leute wollten. Unter unseren Betten und überall waren bereits unsere Sachen gepackt. 

Ist unsere sichere Zeit in der Wohnung zu Ende?
Die Wohnung wurde immer dreckiger und das Ungeziefer vermehrte sich. Wir versuchten mit Essig zu putzen, weil es natürlich keine Putzwaren gab, doch das half trotzdem nichts gegen die Tiere. Eines Tages brachten Soldaten eine deutsche Familie zu uns ins Haus und wollten uns rausschmeißen. Doch da mein Vater als Dolmetscher arbeitete, hatten wir eine Plakette an die Tür bekommen, dass sie uns nicht rausschmeißen durften. Leute die man rausschmiss, brachte man vorerst in Baracken und die Gebildeten gleich ins KZ. 

Ein Familienmitglied kommt ins KZ
Sie fingen meinen Onkel auf, der ein Pfarrer war und brachten ihn ins KZ Fort 7 in Poznan. Dort sollte er auf Befehl der Deutschen auf Knien im Schnee die ganzen Tage beten. Vom kalten Beton in seiner Zelle erkrankte er. Ich weiß noch wie wir ihm seine mit Blut verdreckte Wäsche wuschen. Die Menschen in den KZ wurden in Kindergruppen, Frauengruppen und Männergruppen getrennt. Mein Onkel sagte uns, dass die Deutschen nicht einmal vor den Neu-Geborenen halt machten, sondern sie an den Beine nahmen und an der Wand totschlugen. Außerdem schickte man die Leute nackt zum Duschen in einen großen Raum, dabei ließ man nicht Wasser durch die Rohre, sondern Zyklon B aus Dosen in den Raum, womit die Menschen vergast wurden. Wenn jemand krank oder erschöpft auf der Pritsche lag, legten die Deutschen sie auf ein Laufband, das in einem brennenden Ofen endete. Dort verbrannten die Menschen bei lebendigem Leibe. Mein Onkel war sich bewusst, dass auch seine Zeit zu Ende gehen würde. 
So geschah es dann auch als er später ins KZ Auschwitz gebracht wurde wo er dann starb. 

Der harte Kriegsalltag geht weiter
Am Tag gingen oft die Sirenen los. Bereits nach drei Heultönen sah man über dem Kopf die Flugzeuge anfliegen, die bestimmte öffentliche Ziele, wie Krankenhäuser und Kirchen bombardierten. Während die Sirenen liefen, flohen alle von den Straßen, denn sonst wären sie erschossen worden. Diese Zeit war sehr schlimm, angsterfüllt und stressig. Klamotten trug ich von größeren Kindern. Damit wir irgendetwas zum Spielen hatten, machte der Tischler uns etwas. Meine Oma arbeitete im Garten für die Deutschen, und wenn sie gut gelaunt waren, gaben sie uns eine Tomate oder Möhre. Meine Mutter ging nicht für die Deutschen arbeiten und so verpetze die Volksdeutsche, die bei uns lebte, sie. Meine Mutter musste zur deutschen Arztkommission, um denen zu beweisen, dass sie herzkrank war. Mit der Zeit gab es immer mehr Luftangriffe. Einmal wollten sie wohl den Straßenbahn Bahnhof treffen und verfehlten ihn. Diese Bombe fiel einige Straßen von uns entfernt. Der Krater war riesig. Man baute viele Betonwasserbehälter, um Feuer zu löschen. Manchmal sah man dieses schreckliche Schauspiel, dass viele Orte und Häuser brannten, ganz besonders in den Nächten. Die Brände waren so gewaltig, dass man sie nicht beschreiben kann. Die Innstadt und Zitadelle brannte besonders stark, so dass 6 wochenlang dicke Rauchwolken aufstiegen. Die Wände waren 7 Meter dick und gingen so nicht so leicht zu Bruch. In Tagen, in denen die Bombardierungen den ganzen Tag dauerten, saßen wir hungrig, verängstigt und erschöpft im schrecklich kalten Keller. Zu essen gab es nur noch Suppe aus gekochtem Wasser mit Mehl. Man hörte gewaltigen Lärm von den Flugzeugen und das Geschrei von Menschen. Bei jedem erschüttern von den Bomben, stieg die Angst, dass auch hier gleich eine einschlagen könnte. 

Wird der Albtraum irgendwann enden?
Als wir wieder oben in der Wohnung lebten, zog Charlotte aus. Es zog ein deutscher Mann ein. Unsere Mutter befahl uns, sehr vorsichtig und nett zu ihm zu sein. Eines Tages, als er nach Hause kam, stürmten meine 6 jährigen Brüder zu ihm und rissen an seinem Hakenkreuz am Anzug. Er merkte, dass die Kinder gehört hatten, dass Deutschland am Kapitulieren war. Er wurde sehr wütend und war nahe dran, sie zu erschießen. Als meine Mutter weinend um Entschuldigung für das Verhalten der Kinder bat, hat er sich schließlich beruhigt. Die Deutschen wollten nicht aufgeben und sich zurückziehen. Doch wir bekamen Verstärkung von den Russen und drängten die Deutschen immer weiter zurück. Als der Krieg vorbei war, lagen Leichen von Soldaten und zivilen Menschen noch wochenlang auf der Straße. 

Die Wahrheit ist, dass der 2. Weltkrieg dazu diente, Rassen auszurotten.

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Dies ist das Dokument, das an der Tür hing und sie vor dem Rauswurf aus der Wohnung schützte.

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