Dieser Eintrag stammt von Mona Althaus (*1987)

Jugend als Jüdin im Nationalsozialismus

Interview mit einer jüdischen Zeitzeugin Frau W. (1928)

Ich habe mich am 12.10.2004 mit einer jüdischen Deutschen (geb. 02.03.1928) getroffen und sie gefragt, wie sie die Zeit unter Hitler erlebt hat.

Machtergreifung Hitlers
„Als Hitler 1933 an die Macht kam, fing einiges an, sich für uns, primär aber für unsere Eltern zu verändern: „Harmlos“ angefangen, mussten wir uns in Listen eintragen lassen, wo jeder Jude sich zu registrieren hatte. Außerdem bekamen die jüdischen Frauen und Mädchen, Männer und Jungen einen zweiten Vornamen: Sarah bzw. Israel. Jeder bekam eine Kennkarte mit einem Foto, auf dem das linke Ohr zu sehen sein musste.
Die Kennkarte war pure Kontrolle und Schikane. Es wurde mit einem großen „J“, für Jude, versehen, woran jeder, überall dort, wo man die Kennkarte vorzeigen musste (Lebensmittelmärkte usw.) erkannte, mit wem man es zu tun hatte.

1934, als ich sechs Jahre alt war, wurde ich in einer Dorfschule im Regierungsbezirk Osnabrück, wie jedes andere Kind auch, eingeschult. Die beiden Lehrer, die uns unterrichteten, waren sehr freundlich und hilfsbereit. In den Pausen habe ich mit den anderen Kindern gespielt und am Unterricht habe ich gut teilgenommen.“

Nürnberger Gesetze
„Doch im Laufe der zweiten Klasse, im Jahre 1935, veränderte sich plötzlich alles. Die Nürnberger Gesetze, die am 15. September verabschiedet wurden, haben allen Nicht- Ariern das Bürgerrecht entzogen. Dies wirkte sich für mich besonders in der Schule aus. Ich durfte mich kaum mehr am Unterricht beteiligen. Unsere Lehrer haben mich ignoriert, auch wenn ich noch so sehr mit den Fingern schnippte. Ich weiß noch, dass wir einen Aufsatz über Steine schreiben sollten, und meiner war der beste von allen. Doch mein Aufsatz wurde nicht benotet, weil ich Jüdin war. Zwar hat es keiner explizit gesagt, aber alle wussten, dass dies der Grund war.

Meine Schwester Inge, die im Sommer eingeschult wurde, wurde ab September ebenso passiv im Unterricht behandelt wie ich. In den Pausen wurden wir, die einzigen Juden auf der Schule, zusammen mit Zigeunern in eine Abzäunung gesperrt. Die anderen Kinder haben uns mit Beleidigungen wie „Judenschwein“ (o.ä.) beschimpft, judenfeindliche Lieder gesungen und uns beworfen. Dies war sehr erniedrigend für uns. 

Keiner der Mitschüler oder Eltern haben meine Schwester oder mich beschützt oder uns Mut gemacht, noch in irgendeiner Form wenigstens ihr Mitgefühl gezeigt. Meine Freundinnen haben sich von mir abgewandt; ich vermute wegen des Einflusses der Eltern, was sehr schmerzlich war. Außer zu meiner Schwester hatte ich in der Schule nur noch zu einem einzigen Menschen Vertrauen, einem Lehrer. Doch durch die angespannte Lage in dieser Zeit, hat man sich wegen Repressalien gemieden. Er hatte Angst um seinen Arbeitsplatz und ich vor noch mehr Schikane.

Nach dem Unterricht wurden wir auf dem Nachhauseweg regelmäßig von Jungen überfallen. Sie sind hinter uns hergelaufen und haben uns laut schreiend mit Steinen beworfen und uns beschimpft.
In solchen Situationen habe ich meine kleine Schwester an die Hand genommen und bin mit ihr so schnell wie möglich nach Hause gerannt. Ich habe ihr in der Zeit so viel geholfen, wie ich nur konnte und habe immer versucht, für sie da zu sein, da sie als sechsjähriges Mädchen noch nicht verstand, was hier passierte und warum auf einmal alle etwas gegen uns hatten. Wir haben ja niemandem etwas Böses getan!“

Reichspogromnacht
„Wir wurden jahrelang gedemütigt, beschimpft und ausgeschlossen. Bis zum 10. November 1938, als wir schließlich von der Schule verwiesen wurden. Einen Tag zuvor fand die sog. „Reichskristallnacht“ statt, wo unzählige jüdische Geschäfte - hauptsächlich aber Synagogen- geplündert und angezündet, Juden auf offener Straße von der SS getötet oder ins KZ deportiert wurden. 
In dieser Nacht verschwanden mein Vater und seine beiden Brüder spurlos. Meine Mutter ist verzweifelt von Behörde zu Behörde gegangen, aber niemand wollte ihr Auskunft geben. Auch in den Nachbardörfern hat sie sich umgehört, bis sie zuletzt doch erfahren hat, was passiert war. Er war ins KZ Buchenwald gebracht worden! Wir waren alle schockiert und gleichzeitig sehr traurig und ängstlich. Am schlimmsten war die Ungewissheit darüber, was mit ihm passieren würde. Der Verbleib meiner beiden Onkel war immer noch ungeklärt.

Wir waren nur noch Frauen zu Hause, was unsere Situation noch schwieriger und unsicherer machte. Wir konnten z. B. nicht verstehen, warum Nachbarn, mit denen wir uns jahrelang gut verstanden haben, von einer Sekunde zur anderen nichts mehr mit uns zu tun haben wollten. Es gab nur noch eine Familie, die zu uns gehalten hat, doch meine Mutter wollte keinen Kontakt, um zu verhindern, dass ihnen etwas zustößt.

Schließlich kam mein Vater nach Hause. Nach sechs Wochen Zwangsarbeit wurde er mit der Auflage entlassen, nichts zu erzählen, was er im KZ erlebt hat.“

Flucht nach Holland
„Einige Tage nach der Reichspogromnacht fuhr ein Kindertransport nach Holland. Meine Mutter begleitete uns zum Transporter. Die Nachbarn fragten, was sie denn tue, sie antwortete: “Ich bringe meine Kinder in Sicherheit“. So wurden wir mit vielen anderen jüdischen Kindern nach Holland gebracht. Am Bahnhof in Holland hat uns eine Verwandte abgeholt. Wir hatten Angst, denn es war trotzdem eine Reise zu völlig fremden Menschen, die wir noch nie gesehen hatten, eine Reise ins Ungewisse, ohne Eltern, die einem Mut machten. Außerdem war es sehr schlimm für meine Schwester und mich, dass wir nicht zusammen wohnen konnten.
In der neuen Schule wurde ich liebevoll aufgenommen und es war ein Trost, dass ich meine Schwester dort jeden Tag sehen konnte. Alle haben sich gefreut, eine Jüdin unter sich zu haben. Ich habe schnell Freundinnen gefunden und viel Spaß am Lernen gehabt. 
Ich habe meine neue Freiheit genossen.

Meine Schwester Inge und ich hatten das Bedürfnis, nach Deutschland zurückzukehren, um uns von unserer Oma zu verabschieden. Wir waren zwar jung, aber keine Kinder mehr, denn diese schrecklichen Erfahrungen haben uns zu „kleinen Erwachsenen“ gemacht. Mit 10 und 7 Jahren, am 05.05.1939, haben wir unseren Entschluss in die Tat umgesetzt und sind alleine nach Deutschland gefahren.

Am Hamburger Hauptbahnhof haben wir unsere Eltern durch einen glücklichen Zufall wieder getroffen. Wir waren überglücklich und auch erleichtert“

Flucht aus Deutschland
„Meine Eltern hatten inzwischen den Entschluss gefasst, Deutschland zu verlassen. Um das nötige Geld für die Auswanderung zu kriegen, musste man sein Haus zu Spottpreisen an Arier verkaufen, was meine Eltern auch schweren Herzens taten. Obwohl die Grenzen für das jüdische Volk verschlossen waren, haben unsere Eltern mit Hilfe eines falschen Visums die Ausreiseerlaubnis nach Paraguay bekommen. Sie mussten allerdings für die Hin- und Rückfahrt bezahlen, weil sich in der Zeit viele Leute an der Not anderer eine goldene Nase verdienen wollten. Aber die Hauptsache war, dass wir auf dem Schiff „Monte Olivia“ waren und unsere Tickets in die Freiheit und zurück ins Leben hatten, nach Montevideo. Nach langer Zeit wurden wir auch wieder so behandelt, wie jeder andere Passagier der dritten Klasse auf dem Schiff. Es war ein schönes Gefühl.
In Buenos Aires, Argentinien, hatten wir keine Erlaubnis, von Bord zu gehen, und sollten somit elf Tage auf dem Schiff verbringen. Doch am neunten Tag „durften“ wir in ein Auffanglager. Unsere Freude währte nicht lange, denn wir wurden dort sechs lange Wochen eingesperrt, es war wie im Gefängnis. Wir konnten im Garten unsere Runden laufen, natürlich nur unter Aufsicht. Die hygienischen Verhältnisse waren nicht sehr gut, dafür aber das Essen. 
Die „Bewacher“ im Lager waren sehr nett und menschlich, was sehr ungewohnt war.
Uns wurde dann erklärt, dass man nur in Argentinien bleiben durfte, wenn man dort Familie hatte oder Geld bezahlte. Wir hatten weder Familie noch Geld und so mussten wir uns entscheiden, ob wir mit dem Schiff nach Bolivien oder Santiago gebracht werden wollten...“

Das neue Leben
„In Chile beeinflussten mich meine Erlebnisse aus dem Krieg sehr stark. Immer, wenn ich einen Polizisten sah, erstarrte ich vor Angst. Obwohl mir die schlimmsten Zeiten des Krieges erspart geblieben sind, wie der Judenstern, den man sichtbar tragen musste, oder als im September 1941 die ersten Vergasungen durchgeführt wurden.

Am 30. April 1945 hissten sowjetische Infanteristen ihre Flagge am Reichstag in Berlin. Damit war der Krieg beendet. Ich saß mit meiner Freundin im Kino, als ich diese wunderbare Neuigkeit erfuhr. Ich war euphorisch und wir liefen mit Freudentränen in den Augen nach Hause, zu unseren Eltern.“

Ich habe mich dafür entschlossen, eine jüdische Zeitzeugin zu befragen, weil ich es auch interessant finde, wie die jüdische Bevölkerung die Jugend in der Hitlerzeit erlebt und empfunden hat. 
„Meine“ Zeitzeugin hat auf mich einen sehr starken und trotz der schrecklichen Erfahrungen keinen verbitterten Eindruck gemacht. Sie war sehr nett und schien keinen Hass auf „die Deutschen“ zu haben.
Ich bewundere sie dafür, wie sie als kleines Kind schon so eigenständig war und ihre eigenen Entscheidungen getroffen hat.
Ich bin sehr froh, dass sie mir so viel Vertrauen entgegen gebracht hat und möchte mich dafür herzlichst bedanken...