Dieser Eintrag stammt von Anke Debacher

  Die Auflösung des Konzentrationslagers Neuengamme

Für das Geschichtsprojekt "Kollektives Gedächtnis" habe ich den ehemaligen KZ-Häftling Herrn Fritz Bringmann (1918 geboren) zum Thema "Auflösung des Konzentrationslagers Neuengamme" interviewt.

Er erzählte, dass er wegen Verteilung von Flugblättern gegen Hitler und somit als politischer Gegner ins Konzentrationslager kam. Vorher war aber noch der Prozess gegen ihn und seine Freunde. In dem Prozess erzählten sie von den schweren Misshandlungen die, die Gestapo (Geheime Staatspolizei) während ihrer kurzen Haft in einem Gefängnis mit ihnen vornahmen. Deswegen wurde er ins KZ eingeliefert. Nach 1 ½ Jahren Gefängnis kam Fritz Bringmann ins Konzentrationslager Sachsenhausen, wo er schwere Arbeit leisten musste, da das KZ noch im Bau war. Später musste er die SS-Leute bedienen und dann als Sanitäter arbeiten. Als Sanitäter bekam er von einem SS-Arzt die Möglichkeit, im Krankenhaus behandelt zu werden. Nach drei Jahren in Sachsenhausen wurde er 1939 nach Neuengamme verlegt, da das Konzentrationslager in der Nähe von Hamburg neu aufgebaut wurde.

Er machte, bevor er verhaftet wurde, eine Lehre als Handwerker und war somit für die Nazis zum Aufbau gut zu gebrauchen. Das hieß für ihn, dass er schon wieder so schwere Arbeit leisten musste. Er litt sehr darunter. Nach einiger Zeit wurden wieder Sanitäter gebraucht, und da Herr Bringmann schon in Sachsenhausen als Sanitäter "gearbeitet" hatte, wurde er auch in Neuengamme eingesetzt. Hier weigerte er sich anderen Häftlingen Benzin-Injektionen, die zum Tode führen sollten, zu geben. Da es Mord ist, sagte er. Dafür wurde er schwer misshandelt und der Arzt gab sie den Häftlingen selber. Nach der Reichspogromnacht kamen Tausende Juden in das Konzentrationslager Sachsenhausen, die teilweise auch verarztet werden mussten, doch die SS verbot den Ärzten und Sanitätern, ihnen zu helfen, was einige, so auch Fritz Bringmann aber doch taten. Sie wurden, wenn sie erwischt wurden, misshandelt, aber sie hatten anderen Menschen geholfen. Auch in Neuengamme wurden sowjetische Kriegsgefangene vergast. Andere Häftlinge mussten auf Rollwagen die Toten zum Krematorium bringen.

Herr Bringmann wurde dann nach einigen Jahren in das Außenlager Osnabrück verlegt. Am 11. April 1945 befreien sich die Häftlinge des KZ Buchenwald durch eine bewaffnete Aktion selbst. Und am 14. April 1945 wird daraufhin von dem Reichsführer der SS Himmler, dem Kommandanten der Konzentrationslager und SS-Obersturmbannführer Pauly in Neuengamme befohlen: "Die Übergabe kommt nicht in Frage. Das Lager ist sofort zu evakuieren. Kein Häftling darf lebendig in die Hände des Feindes fallen. "Und dann, am 18. April 1945, beginnt die SS- Lagerführung, das Konzentrationslager Neuengamme zu evakuieren. Die gesunden Häftlinge werden gezwungen zu Fuß nach Lübeck zu laufen, und die Kranken fuhren mit dem Zug. Viele die erschöpft waren, wurden von der SS einfach erschossen und am Straßenrand liegen gelassen.

Nachdem die Häftlinge in Lübeck angekommen waren, wurden sie am 20. April 1945 auf die vier Schiffe "Cap Arcona" , "Deutschland", "Athen" und "Thielbek" gebracht. Von diesen vier Schiffen war aber nur die "Athen" seetüchtig. Häftlinge aus den Konzentrationslagern Sachsenhausen und Danzig wurden befreit und entgingen so diesen schlimmen Vernichtungen. Die Häftlinge auf den Schiffen litten unter Hunger und Durst. Am 3. Mai 1945 wurden die Schiffe von den Briten beschossen. Die "Athen" mit 1998 Häftlingen antwortete mit Flakfeuer und hisste nach drei Treffern die weiße Flagge. Dann wurde auf die "Thielbek" mit 2800 Menschen, "Cap Arcona" mit rund 4600 Häftlingen an Bord und "Deutschland" geschossen, die alle drei Volltreffer erhielten. Einigen Häftlingen und SS-Bewachern war es gelungen, ins Wasser zu springen. Da das Wasser im Mai ziemlich kalt war, starben viele Menschen im Wasser. Aber auch auf dem Schiff wurden Viele von brennenden Balken oder anderen Dingen erschlagen. Nur ganz wenige haben es geschafft, das vier Kilometer entfernte Land zu erreichen.

Als die Schiffe gesunken waren und die Jagdbomber auch weg waren, kamen deutsche Minenboote, um überlebende Soldaten zu retten. Insgesamt überlebten dieses Unglück in der Lübecker Bucht nur 400 Häftlinge von vorher 8000 Menschen. Herr Bringmann sagte nach dem Krieg gegen einige der SS-Schergen aus den Konzentrationslagern, vor Gericht aus. Er sagte, dass diese Menschen nur durch die ihnen übertragende Macht über Leben und Tod der Häftlinge entscheiden konnten. Er überlebte diese 10 Jahre in Gefangenschaft nur, weil er seine Menschlichkeit bewahrte, sowie Solidarität erfuhr und auch selber ausübte. Nach dem Krieg kamen die ehemaligen Nazigrößen in die eigenen Konzentrationslager, auch nach Neuengamme.

Zur NS-Zwangsarbeiter-Entschädigung sagte er, dass es nach 55 Jahren reichlich spät sei und diese Generation nicht mehr so richtig etwas damit zu tun habe. Aber es sei ein neuerliches Verbrechen, wenn große Unternehmen ihre 55 Jahre alten Schulden nicht endlich begleichen wollen.1992 wurde Herr Fritz Bringmann von dem damaligen Hamburger Bürgermeister, Henning Voscherau für das Bundesverdienstkreuz vorgeschlagen. Doch die Bundesregierung weigerte sich, ihm dieses zu verleihen, da er ein bekennender Kommunist war und ist. Also bekam er vom Hamburger Senat die Medaille für "Treue Arbeit im Dienste des Volkes" in Silber verliehen. Am 26. Januar 2000 - sieben Jahre später - erhielt Fritz Bringmann im Hamburger Rathaus vom ersten Bürgermeister Runde, das längst fällige Bundesverdienstkreuz.