Dieser Eintrag stammt von Annalena Wiener 

Gisela Grottker geb. 1933

In der Nacht zum 28. Juli 1943 
gab es den bisher schwersten Angriff auf Hamburg

Damals war ich zehn Jahre alt und lebte mit meiner Mutter, meiner Oma und meinem Vater in Hammerbrook (Süderquaistraße).

Während wir im Bunker waren, wurde unser Haus von Brandbomben getroffen. Wir hatten das Glück, einige Sachen noch mitnehmen zu können. Mit den wenigen übriggebliebenen Sachen zogen wir zu unserer Tante in den Heidenkampsweg.

Doch schon in der Nacht zum 28. Juli wurde das Haus meiner Tante getroffen. Meine Mutter war aus Angst wie jeden Tag um 19 Uhr in den Bunker gegangen, während meine Oma, mein Vater und ich im Keller des Hauses waren.

Die halbe Stadt wurde in dieser Nacht zerstört. Die Häuser im Heidenkampsweg waren nur noch Ruinen und überall brannte es. Durch die Phosphorbrandbomben wurde ein Feuersturm in Orkanstärke entfacht.

Die Keller der Häuser waren miteinander verbunden, und so konnten wir an einem Eckhaus ins Freie gelangen. Draußen war es sehr heiß, das Atmen fiel uns schwer, da es durch die Riesenbrände kaum Sauerstoff gab. Wegen des Sturmes konnten wir uns kaum auf den Beinen halten. Es gelang uns mit vielen Anderen zu der Brücke beim Stoltenberg zu kommen. Da alles brannte, war die Brücke der einzige Zufluchtsort, der durch den Kanal auch noch recht kühl war. Dort verbrachten wir die Nacht.

Meine Mutter war währenddessen immer noch im Bunker, denn sie und die Anderen waren regelrecht eingeschlossen, weil die ganzen Menschen, die während des Angriffes in den Bunker wollten, vor der Tür verbrannten. Denn während des Angriffs konnte man sie nicht einlassen. Nach einiger Zeit wurde im Bunker der Sauerstoff knapp, da nur noch die sauerstoffarme Luft von draußen hereinkam.  Gegen Morgen kam dann der Rettungstrupp, der die Leichen von der Tür wegtransportierte. So konnten alle endlich den Bunker verlassen.

Als wir meine Mutter fanden, machten wir uns auf den Weg in Richtung Elbbrücken. Es hieß, dass von den Elbbrücken Kähne elbaufwärts fahren. Der Weg war gepflastert mit Leichen und um uns herum brannte immer noch alles. 

Wir fanden einen Kahn und zusammen mit den Anderen wurden wir nach Boizenburg gebracht. Dort wurden wir die Nacht über in einem HJ-Heim untergebracht. Am nächsten Morgen wurden wir in Viehwagen nach Westpreußen verfrachtet.

Unterwegs in Bromberg bekam meine Mutter einen Nervenzusammenbruch und begann laut Hitler zu beschimpfen. Wir bekamen große Angst, man könnte meine Mutter verhaften. Mein Vater holte schnell einen Arzt, der meiner Mutter dann eine Spritze gab. So war sie die Fahrt nach Zempelburg ruhig gestellt.

In Zempelburg wurden wir mit Kutschen abgeholt und in der Gegend auf Bauernhöfe verteilt. Wir wurden getrennt: meine Oma und meine Mutter zusammen und mein Vater und ich. Ursprünglich sollten meine Mutter und mein Vater zusammen, aber ich wollte bei meinem Vater bleiben, weil ich mich da am sichersten fühlte.

Auf den Bauernhöfen waren wir unerwünscht, denn die Bauern mussten uns Zimmer und Essen geben. Dafür mussten wir ihnen helfen.

Nach ca. 6 Wochen musste mein Vater zurück nach Hamburg, weil sein Beruf kriegswichtig war und er deswegen weiter arbeiten musste (er arbeitete in einer Lackfabrik). 

Meine Mutter wollte nicht in Westpreußen bleiben, weil sie Angst vor den Russen hatte. 
Deshalb fuhren meine Oma, meine Mutter und ich zu einer Tante, die in Bayern untergekommen war (in Schönsee).

Wir brauchten 2 Tage mit dem Zug, weil die Züge immer wieder durch Fliegerangriffe lahm gelegt wurden. Auch in Bayern wohnten wir auf einem Bauernhof. 

Im Oktober zogen wir von da aus nach Overwerder. Dort kamen wir in einem Wochenendhaus von Bekannten unter, die noch eine Wohnung  hatten. Es war die erste Unterkunft, in der nur meine Mutter, meine Oma und ich wohnten und in der wir nicht unerwünscht waren. Das Wochenendhaus war sehr klein und es gab weder Strom noch fließend Wasser. 

Oft gab es Hochwasser, dann war manchmal sogar das Wasser in der Wohnung. Wir Kinder mochten Hochwasser, denn dann wurden wir mit Booten von der Schule nach Hause gebracht.

Im Laufe des Jahres hatten wir Glück und bekamen eine "Ley-Bude" im Kistendorf in Fünfhausen. 
Das Dorf hieß Kistendorf, weil die Hütten aussahen wie Kisten und auch so klein waren.  Die Hütten waren aus Holz. Außer unserer Hütte gab es ca. noch 50 andere.  Die Hütten hatten zwei Räume: Einen Schlafraum und eine Küche. Es gab Strom, aber das Wasser mussten wir von einem Hydranten holen, der draußen stand. Wir hatten keine Duschen oder ähnliches, deswegen badeten wir in einem See gleich in der Nähe.

Wir hatten auch ein Grundstück von 250 Quadratmetern. Auf diesem Grundstück pflanzten wir Gemüse, z.B. Kartoffeln. Darüber waren wir sehr froh, denn es gab kaum Lebensmittel.

Mein Vater lebte weiter in Hamburg bei Bekannten und kam nur am Sonntag zu uns. 

In der Nähe gab es auch ein Russenlager. Wenn die Russen zu uns kamen um zu arbeiten, legten wir ihnen immer heimlich eine Schüssel mit Brot oder ähnlichem unter unsere Hütte. Als Gegenleistung bekamen wir öfters ein bisschen Holz.  Doch einmal beobachtete der Aufseher die Russen dabei, wie sie das Brot aus der Schüssel holten. Wir wurden verwarnt: Wenn wir nicht sofort aufhören würden den Russen Essen zu geben, würden wir angezeigt werden. Denn schließlich taten wir damit dem Staatsfeind etwas Gutes.

Zur Schule brauchten wir zu Fuß ca. eine Stunde. Im Winter, wenn die Gräben zugefroren waren, fuhren wir mit Schlittschuhen in die Schule.  Es gab immer noch Angriffe, deswegen musste immer einer der Älteren Radiowache halten.  Wenn es Alarm gab, sagte derjenige Bescheid. Bei 12 Minuten Alarm (d.h. die Flugzeuge sind noch 12 Minuten entfernt) durften wir nach Hause gehen.
Oft suchten wir dann in den selbstgebauten Bunkern der Bauern Schutz, weil der Nachhauseweg so lang war. Manchmal bei Tieffliegern sprangen wir auch in die Gräben.

Im Winter hatten wir nur einmal in der Woche Schule, denn die Schule wurde nicht geheizt. Wenn wir dann das eine Mal in die Schule gingen, um unsere Aufgaben abzuholen, brachte jeder ein Brikett oder ein Stück Holz mit.

Wir wohnten auch noch nach dem Krieg in Fünfhausen. Durch die große Wohnungsnot bekamen wir erst 1955 eine Wohnung in Farmsen.

Für mich war die Zeit in Overwerder und Fünfhausen recht lustig, denn ich fand es als als Kind schön Schulfrei zu haben oder statt zu duschen in den See zu springen.

 

Ergänzung von Frau Stein:

 Am 25.7.43, Beginn des bisher schwersten Angriffs auf Innenstadt, Hoheluft, Eimsbüttel, Altona und nordwestliche Vororte. Es sterben ca. 1500 Menschen.

In der Nacht vom 27.7 auf den 28.7.1943 begann die schwerste Prüfung, ab 23 Uhr 40 gab es erneut Fliegeralarm. Ab 1 Uhr werfen 739 britische Bomber ihre tödliche Fracht über Wandsbek, Eilbek, Hohenfelde, Borgfelde, Hamm, Horn, Hammerbrook und Rothenburgsort ab.
Rund 1000 t. Bomben treffen Hamm, Hammerbrook und Rothenburgsort, die am schwersten betroffen sind. Schon nach einer halben Stunde steht ein Großteil der Häuser in Flammen. Phosphor- und Flüssigkeitsbrandbomben setzen selbst große Wohnhäuser vom untersten Geschoss her schlagartig in Brand.
Das Feuer breitet sich rasend schnell aus, weil Spreng- und Minenbomben Dächer abdecken und Fenster und Türen aus ihren Verankerungen reißen. Der Feuersturm ist die Folge der Großbrände, die mit ihrer ungeheuren Lufterwärmung und beträchtlichem Sauerstoffverbrauch zu Luftbewegungen von bis zu 75 m pro Sekunde führen. Tausende sterben in ihren Luftschutzkellern. Straßen und Kanäle sind voller Leichen. Über dem Feuersturmgebiet steht am folgendem Tag eine etwa 7000 m hohe Qualmwolke. 
Hammerbrook westlich des Heidkampsweg wird zur toten Zone erklärt.
Bis zum 30. November finden Rettungsmannschaften 31 647 Tote.
Auch das Ausmaß der Sachschäden ist kaum vorstellbar. Neben einem Drittel aller Wohnhäuser sind 24 Krankenhäuser, 227 Schulen und 58 Kirchen entweder vollkommen zerstört oder schwer beschädigt.