Dieser Eintrag stammt von Fabio Asmus (*1989)

Leben zu Zeiten der Hitlerjugend

Ergebnisse eines Interviews mit Herrn Dr. Bengelsdorf (*1930)

Ich habe Herrn Dr. Bengelsdorf gefragt, ob er überhaupt in der DJ oder der HJ gewesen ist. Und er erzählte mir, dass er sowohl in der DJ, als auch in der HJ insgesamt fünf Jahre gewesen wäre. Allerdings war er dort nicht freiwillig, wie er mir sagte.

Sowohl er als auch sein Vater waren gegen das Regime des Dritten Reiches. Sein Vater wurde aufgrund dieser Tatsache für ein ganzes Jahr inhaftiert. Trotz dieser Ereignisse vertrat Herr Dr. Bengelsdorf die Meinung seines Vaters. Seine Mutter, die Angst um ihn hatte und nicht wollte, dass ihm das Gleiche widerfuhr wie seinem Vater, hielt es für besser, ihn doch in die HJ zu schicken.

Weiter erzählte er mir, dass die HJ eine Gruppierung war, der eigentlich alle Jungen zwischen zehn und fünfzehn Jahren beitreten mussten. Es waren viele Jungen aus seiner Klasse in seinem Zug. Ein Zug war eine Gruppe von Jungen. Jeder Zug hatte seinen Zugführer. Sein Zugführer war ein Junge aus seiner Klasse. Sein Zug traf sich immer nach der Schule, um über gewisse Dinge zu sprechen und um ihren Aktivitäten nachzugehen. Herr Dr. Bengelsdorf zeigte mir alte Unterlagen der damaligen Zeit, auf denen vermerkt war, was welcher Zug - darunter auch seiner - zu tun hatte. Auf den Zetteln stand zum Beispiel montags singen, dienstags Geländeübungen und anderes. Ferner erzählte er mir, dass man mit seinem Zug zum Beispiel von Tür zu Tür gelaufen sei, um nach Hühner-, Rinder- oder anderen Knochen, die vom Essen übrig geblieben waren, zu fragen. Diese wurden zur Fettgewinnung oder zum Herstellen von Seife benötigt. 

Außerdem mussten sie auch alte und kaputte Schuhe sammeln, damit man aus dem wieder aufgearbeiteten Leder neue Schuhe herstellen konnte. Ich habe ihn gefragt, ob das alles gewesen sei, und er erwiderte mit einem Schmunzeln, dass sie auch viel Sport getrieben hätten. „Wir haben lange exerziert und marschiert, manchmal sogar mehrere Stunden. Es wurde auch geübt, wie man Adolf Hitler, also den Führer, zu grüßen hätte für den Fall dass man ihm mal persönlich begegnen sollte. Außer diesen formalen Dingen hat man sich darüber hinaus auch noch körperlich betätigt, man ist Laufen gegangen, hat geboxt oder Geländespiele im Wald veranstaltet, bei denen manchmal zwei Teams gebildet wurden, die im Spiel gegeneinander antraten. Oder man hat als eine große Gruppe das Tarnen in den Wäldern oder das lautlose Anschleichen trainiert.

Es gab bei allen Veranstaltungen und Übungen eine strenge Kleiderordnung. Diese besagte, dass alte Jungen aus der Hitlerjugend das Hakenkreuz gut sichtbar zu tragen hatten.“
Herr Dr. Bengelsdorf kramte in seinen Unterlagen auf dem Tisch und zeigte mir sowohl eine Binde, als auch Anstecknadeln und eine Kopfbedeckung mit dem Symbol des Hakenkreuzes. Diese hatte er aus seiner Zeit bei der DJ und HJ aufgehoben. Er setzte sich den Hut auf den Kopf und zog sich die Binde über den Arm, um mir zu demonstrieren, wie es damals ausgesehen hatte. Nachdem ich soviel von Herrn Dr. Bengelsdorf über die DJ und die HJ erfahren hatte, fragte ich ihn, in welchem Teil Deutschlands er zu Kriegszeiten gelebt hatte. Er antwortete, dass er damals in Barmbek, also in Hamburg, wohnte. Auf die Frage, ob man in seiner Gegend viel vom Kriegsgeschehen mitbekommen hätte, erzählte er mir, dass bei einem Bombenangriff 1943, als er dreizehn Jahre alt war, sein kompletter Wohnblock zerstört wurde. Glücklicherweise befanden er und seine Familie sich zur Zeit des Angriffs nicht dort. Alle Leute, die dort gewohnt hatten, hatten ihr gesamtes Hab und Gut verloren. So auch Herr Dr. Bengelsdorf und seine Familie. Doch diese war weniger schlimm betroffen, da er und sein älterer Bruder mit Tüchern vor dem Mund zum Schutz vor dem Rauch in den eingestürzten Keller stiegen, um gelagerte Lebensmittel und Konserven von dort zu holen. Sie setzten dabei ihr Leben aufs Spiel, weil es nicht nur unerträglich heiß war, sondern jederzeit die Gefahr bestand, dass sie von einem herunterstürzenden Balken erschlagen werden können. Nach dem Angriff wurde er von seinen Eltern zur Kinderlandverschickung gebracht.

Herr Dr. Bengelsdorf erklärte mir, dass diese eine Organisation war, die deutsche Kinder aus Industriegebieten in abgelegene Teile Deutschlands oder ins Ausland brachte, um sie vor Bombenangriffen zu schützen. Nachdem er mit dem Zug in ein solches Lager gebracht wurde, verbrachte er dort einige Monate, die nach seiner eigenen Aussage nicht sehr schön waren, weil er zum einen von seiner Familie getrennt war und zum anderen war der Lageraufseher ein alter Soldat, der die Kinder nicht wie solche, sondern wie Soldaten in der Ausbildung behandelte. Als er wieder zu Hause war, sollten die Kinder aus seiner Klasse und aus der näheren Umgebung, sowie auch er, nochmals zur Kinderlandverschickung, weil der Krieg sich seinem Ende näherte und abzusehen war, dass Deutschland verlieren würde. Aber Herr Dr. Bengelsdorf weigerte sich ein zweites Mal hinzufahren, weil er wusste, was dort auf ihn zukommen würde.
All diese Ereignisse werden Herrn Dr. Bengelsorf sowie viele andere Menschen ihr restliches Leben begleiten und verfolgen.