Dieser Eintrag stammt von Assimina Fotiou

  Nöte eines sehr jungen Kriegers 
(Heinz Schäffer, Jahrgang 1926)

Da lag ich nun, schweißgebadet in einem schneeweißbezogenen, amerikanischen Hospitalbett, genauer gesagt, in einem Bett des General Hospitals der Stadt Okmulge im Staate Oklahoma. Jede Nacht plagten mich schreckliche Alpträume, die diesen Zustand herbeiführten. Sofort danach überkam mich ein unbeschreibliches Glücksgefühl, dem so fernen europäischen Kriegsschauplatz mit heiler Haut entkommen zu sein. Ich konnte es gar nicht glauben, geborgen in einer sicheren Umgebung zu leben, mit komfortabler Unterbringung, guter und ausreichender Verpflegung und, was wir besonders zu schätzen wussten, mit menschenwürdiger Behandlung. Endlich sah ich wieder Licht am Ende eines langen, dunklen Tunnels. 

Was hatte ich als knabenhafter Soldat, der auf der Überfahrt von England nach Amerika das 18. Lebensjahr vollendete, an der Invasionsfront in Frankreich denn so Schreckliches erlebt? Der Führer hatte befohlen, den Jahrgang 1926, also meinen Geburtsjahrgang, vorzeitig zum Reichsarbeitsdienst einzuberufen, damit aus den Jungen durch gute und ausreichende Verpflegung, sowie durch sportliche Betätigung, kräftige Männer werden sollten. Weiter hatte der Führer angeordnet, den Jahrgang 1926 nicht an der Ostfront einzusetzen. Diese Beruhigungspillen wurden unseren Eltern und uns bei der Verabschiedung auf dem Sammelplatz verabreicht. Die Eltern waren um ihre 16 und 17 Jahre alten Kinder sehr besorgt, weil unser Marschziel Ostpreußen hieß. Unsere Barackenunterkünfte standen auf einer großen Wiese, weit und breit kein ziviles Haus zu sehen. 

Die Verpflegung war mehr als mäßig. Nicht selten hatten wir die Portionen für den Montag, die am Sonntag verteilt wurden, am gleichen Abend vor Hunger schon verspeist. Der Dienst war hart und anstrengend. Nach einem Monat sollten wir an die Atlantikküste verlegt werden, um dort Stellungen zu bauen. Doch es kam ein neuer Befehl, der unseren Einsatz in Rastenburg vorsah. Wir sollten mithelfen, den Flugplatz für das Führerhauptquartier zu bauen. Die Erdarbeiten waren körperlich sehr anstrengend; aber die gesamte Versorgung wurde erheblich besser, weil wir nun von der Luftwaffe betreut wurden. Ich wurde Quartiermeister-Gehilfe und war somit für die Verpflegung zuständig. Da ich Nichtraucher war, habe ich für meine Raucherkarte häufiger zusätzliche Lebensmittel aus dem Depot erhalten. 

Auf der Wegstrecke von Rastenburg und Lötzen zu unserm Lager musste ich an einer Reichsarbeitsdienstunterkunft für Mädchen vorbei, deren Küche darauf angewiesen war, von uns zusätzlich versorgt zu werden. Meine Reichsarbeitsdienstzeit nahm ein abruptes Ende; denn wir wurden bereits nach 3 Monaten ohne Übergang von der Wehrmacht übernommen. Nach kurzer Grundausbildung in Deutsch Krone, landete ich bei einem Grenadier-Ersatzbataillon in Frankreich. Es war eine süddeutsche Einheit, in der ich mir wie ein Ausländer vorkam. Nach der Ausbildung an den Waffen bekam unsere Division den militärischen Auftrag, die Hafenstadt Brest und Teile der Bretagne gegen feindliche Angriffe zu sichern. Wir hatten einen Verteidigungsring zu bauen, der aus Erdwällen und dem sog. Rommelspargel bestand. Rommelspargel nannte man die 4 bis 5 Meter langen Baumstämme, die auf alle freien Flächen eines Küstenstreifens in Abständen von 50 m etwa 1 bis 1,50 m tief in die Erde gegraben wurden, um den Lastenseglern keine Landemöglichkeit zu bieten. Eingeweihten ist bekannt, dass die Alliierten in der Nacht vom 5. zum 6. Juni 1944 auf die Bretagne einen heftigen Scheinangriff gestartet haben. Erst am nächsten Tag war die Normandie ihr Invasionsziel. Die schlappen 350 km dorthin sollten wir in sieben Nachtmärschen zurücklegen, also jede Nacht 50 km. Motorisiert waren wir nicht. Jede Kompanie hatte nur ein Pferdegespann. 

Als Melder der Kompanie hatte ich noch zusätzliche Strecken zu bewältigen. Um beweglicher zu sein, hatte ich mir in der dritten Nacht ein Fahrrad organisiert. Als der Kompaniechef mein Fahrrad entdeckte, drückte er mir sein Pferd in die Hand und schwang sich auf mein Fahrrad. Darüber war ich ganz schön sauer. Ich beschloss, mich auf sein Pferd zu setzen. Er hatte es mir nicht ausdrücklich verboten. Und reiten hatte ich in der Reiter-HJ gelernt. Nach einiger Zeit fuhr er in dunkler Nacht an seinem Pferd vorbei und schrie: "Was für ein Idiot sitzt denn auf meinem Pferd ?". Meine Antwort: "Grenadier Schäffer, Herr Oberleutnant!". "Steigen Sie sofort ab! Sind Sie wahnsinnig? Was erlauben Sie sich da". Ich tat, was er befahl. Doch weil ich sehr müde und wütend war, stieg ich nach einiger Zeit wieder auf. Mein Unteroffizier hatte meinen Anschiss mitbekommen, so dass er mir dringend riet, sofort abzusteigen, wenn ich nicht im Bau landen wollte. 

Mir ging es in dieser Nacht schon nicht so gut, ich hatte fürchterliche Halsschmerzen. Darum war ich wohl auch so mutig gewesen und war verbotenerweise auf das Pferd des Chefs gestiegen. Am nächsten Morgen habe ich den Sanitäter aufgesucht, der mich sofort dem Stabsarzt vorstellte. Er diagnostizierte einen Mandelabszess. So kam ich in einen Sanka, der mich in das nächste Feldlazarett brachte. Mein Zustand verschlechterte sich zusehends, so dass ich bereits am nächsten Tag in Vollnarkose operiert wurde. Ich wachte in einem Feldbett auf einer grünen Wiese auf und war froh, dass ich alles überstanden hatte. Nach 14 Tagen blieb es mir überlassen, wie und auf welchem Weg ich wieder zu meiner Einheit gelangte. Nach abenteuerlichen 8 Tagen hatte ich unseren Divisionsgefechtsstand erreicht. Es war ein größerer Bauernhof, auf dem militärisch noch alles recht geordnet zuging. So habe ich mir dort die Haare schneiden lassen. Abends wurde ich dann mit einem Verpflegungswagen zum Batallion befördert. Hier war die Stimmung bereits auf dem Nullpunkt, weil man um die großen Verluste an der Front wusste. Ich wurde unserem Küchenchef zugeteilt und musste bei der Zubereitung der Verpflegung für meine Kompanie helfen. Plötzlich kam ein fremder Offizier auf unser Gelände und sammelte Soldaten für einen Gegenstoß, weil die Amerikaner an einem Frontabschnitt durchgebrochen waren. Ich hörte das aufgeregte Gespräch aus einiger Entfernung und verkroch mich unbemerkt in ein Schützenloch. 

Als der Spuk vorbei war, sah ich mich vorsichtig aus meinem Loch um und entdeckte unseren Küchen-Unteroffizier, der ebenfalls vorsichtig die Lage zu sondieren versuchte. Wir sahen uns beide verdutzt an und beschlossen, mit dem noch vorhandenen Pferd und 3 Infanterie-Karren den rückwärtigen Gefechtsstand aufzusuchen. Auf dem Weg dorthin schlossen sich uns mehrere versprengte Soldaten an. Am Abend musste ich dann mit einem Kutscher und dem Küchen-Unteroffizier mit der Verpflegung an die Front. Es wurden wieder 3 Infanterie-Karren hintereinander gespannt, die von einem Pferd gezogen wurden. Ich saß auf dem letzten Karren, der bei dem schnellen Tempo ziemlich hin- und her hüpfte. Es war eine abenteuerliche Fahrt, ja eigentlich schon mehr ein echtes Himmelfahrtskommando. Die Granaten schlugen links und rechts neben uns ein. Ich zog meinen Kopf so gut es ging ein, aber verkriechen konnte man sich auf dem kleinen Karren nicht. 

Urplötzlich kam etwas mit einem fürchterlichen Heulen auf uns zu. Das Pferd brach instinktiv zur Seite aus und riss die Karren und uns mit in den Graben. Einige Meter vor uns war eine Granate eingeschlagen. Die gesamte Verpflegung lag ebenfalls im Graben, verletzt war Gott sei Dank niemand. Der Kutscher musste das Pferd beruhigen, damit wir alles schnell wieder einladen konnten. Anschließend ging die Fahrt in schnellem Trab weiter. Unverletzt erreichten wir den Frontabschnitt unserer Kompanie. Den grauenvollen Eindruck bei meiner Ankunft gegen 23.00 Uhr werde ich nie vergessen. Bei gespenstischer Dunkelheit musste ich mit anfassen, um schwerverwundete Kameraden in ein kleines Wohnhaus zu tragen. Einige schrieen vor Schmerz, andere wimmerten leise. Ein Unteroffizier aus unserer Kompanie hatte ein Bein verloren, ein anderer seinen Arm. Bei den Hilfsarbeiten und der notdürftigen Versorgung war ich völlig überfordert. Alle Kameraden fragten erstaunt: "Was willst Du denn hier? Du hättest dieser Hölle besser fernbleiben sollen." Unsere Kompanie war seit einer Woche an diesem Frontabschnitt und in dieser Zeit von 120 auf 28 Mann zusammengeschrumpft. Keiner wusste, wie viel davon gefallen, verwundet oder in Gefangenschaft geraten waren. 

Nach getaner Arbeit durfte ich mir in dem kleinen Wohnhaus einen Schlafplatz suchen. Trotz aller widrigen Umstände bin ich vor Müdigkeit sofort in einen Tiefschlaf gefallen. Den nächsten Morgen wurden wir sehr früh durch Granatbeschuss geweckt. Außerdem griffen Hubschrauber unsere Stellung an. Ich bekam den Auftrag, die Morgenverpflegung zu verteilen. Damit war ich noch gar nicht ganz fertig geworden, denn plötzlich hieß es: "Die Amerikaner greifen an, alles in die Stellungen!" Die schützenden Stellungen waren simple Erdlöcher hinter einem natürlichen Erdwall. Da sich im Vorfeld etwas Sichtbares bewegte, bekamen die MG-Schützen Feuererlaubnis. Es stellte sich schnell heraus, dass es herrenlose Kühe waren, auf die wir geschossen hatten. Der Beschuss auf unsere Stellungen wurde immer heftiger. Wir wagten kaum, unsere Köpfe aus den Erdlöchern zu stecken.

 Er dauerte fast zwei Stunden, dann hörten wir Panzergeräusche in der Ferne. Damit stand ein Frontalangriff kurz bevor. Der vorangegangene Dauerbeschuss hatte bereits zu einigen Verbindungslücken an der Front geführt. Einige Kameraden hatten Granatsplitter abbekommen, andere brannten und riefen nach dem Sanitäter. Die beiden Kameraden, die rechts neben mir lagen, liefen ebenfalls nach hinten und wollten fragen, ob wir uns absetzen durften. Somit war ich ohne Verbindung zu meinen Nebenleuten und total verunsichert. Am ganzen Vormittag habe ich nur einen Schuss in die Luft abgegeben. Ich kann somit mit gutem Gewissen behaupten, dass ich in diesem schrecklichen Krieg auf keinen Menschen geschossen habe. 

Als es etwas ruhiger wurde und ich den Kopf aus meinem Loch steckte, sah ich auf der Straße, die etwa 200m rechts von mir verlief, dass amerikanische Soldaten in Schützenreihe in unseren Frontabschnitt marschierten. Mir wurde schlagartig bewusst, dass ich mich absetzen musste. Ich robbte zur linken Seite den Erdwall entlang und traf nach ca. 100m den MG-Schützen Herbert Füllgraf, ein Pommer aus Rummelsburg, in seinem Zwei-Mann-Schützen-Loch. Er heulte vor Wut, weil seine MG Ladehemmungen hatte. Wir beschlossen beide, uns vorsichtig zurück zu bewegen. Er hatte auch noch einen Karabiner in seinem Erdloch, den er durchlud, bevor wir aus dem Loch stiegen. Wir hatten uns eben aufgerichtet, da standen, oh Schreck, auf der anderen Seite des Erdwalles uns drei Amerikaner mit Maschinenpistolen gegenüber. 

Was dann geschah, ging so blitzschnell, dass ich es nur gedanklich nachvollziehen kann. Ich muss in dieser Situation einen besonderen Schutzengel gehabt haben. Herbert Füllgraf muss sein Gewehr angelegt und geschossen haben, wie es uns eingedrillt worden war. Mit Sicherheit waren auch die Amerikaner zu Tode überrascht und haben sofort geschossen. Ich habe mich schnell auf den Boden geworfen und hörte Herbert Füllgraf nur einmal rufen:" Kameraden, helft mir !" Weiter habe ich nichts mitbekommen; ich hatte einen absoluten Blackout. Wie lange ich an der Stelle am Boden gelegen habe, weiß ich nicht. Als ich schließlich zu mir kam, es war noch bei Tageslicht, bin ich über den Wall gestiegen, weil ich an der anderen Seite mehr Sicht erhoffte. Dort sah ich auch einen Amerikaner liegen, auf den Herbert Füllgraf geschossen haben muss. Ich weiß nicht, ob sie beide tot waren. 

Nach dem Kriege ist es mir nicht gelungen, von ihm oder seinen Angehörigen ein Lebenszeichen zu bekommen. An dem Erdwall bin ich etwa 100m nach links gekrochen. Dort war an einem rechtwinklig verlaufenden Wall ein tiefer Graben, der mit starkem Gebüsch überwachsen war. In diesem Graben habe ich mich versteckt und wohl zwei Tage geschlafen. Es muss ein narkoseartiger Schlaf gewesen sein, denn ich habe von dem weiteren Kampfgeschehen rein gar nichts mitbekommen. Am dritten Morgen hörte ich Stimmengewirr. Ich versuchte vorsichtig zu schauen, wer oder was das sein könnte. Völlig verblüfft überraschte mich die Aufforderung: "Come on boy !" Vor mir standen zwei amerikanische Sanitäter, die wohl den rückwärtigen Kampfplatz nach Verwundeten und Toten absuchten. Damit war mein Kriegseinsatz an der Westfront des II. Weltkrieges endgültig beendet. Es begann mein Weg in die amerikanische Gefangenschaft. 

Über England bin ich nach Amerika gekommen, wo ich schweißgebadet in einem schneeweißbezogenen Hospitalbett lag.