Dieser Eintrag stammt von Astrid Rautenberg

Erinnerungen an den zweiten Weltkrieg aus der Sicht der Landbevölkerung

Meine Großtante wohnt heute in Dithmarschen bei Marne. Sie stammt aus dem Kreis Rastenburg in Ostpreußen. Sie erzählte mir folgende Geschichte:

"Die Vorbereitungen auf den zweiten Weltkrieg haben sehr früh begonnen. Die einfache Bevölkerung hat es damals gar nicht bemerkt. In der kleinen Nachbarstadt stand eine kleine Fabrik, die Kochtöpfe herstellte. Mitte der 30er Jahre kaufte der Fabrikbesitzer ein in der Nähe leerstehendes Fabrikgebäude dazu. Dort wurden Stahlhelme und Kochgeschirre für Arbeitsdienst, Reichsluftschutzbund und Wehrmacht hergestellt.

Aus allgemeiner Geldnot der Landbevölkerung haben meine großen Geschwister außerhalb der Schulzeit in dieser Fabrik gearbeitet, um sich etwas Geld zu verdienen, da es Taschengeld in der heutigen Form nicht gab. Mein Vater war Nebenerwerbsbauer und musste mit seinen vier Pferden Hand- und Spanndienste auf der in der Nähe liegenden Domäne leisten. Als Lohn bekam er nur wenig Geld, dafür aber Schrot, Kartoffeln und Rüben für die Schweine- und Rindermast, Getreide für Enten, Hühner und Gänse, lebende Ferkel und Kälber zum Züchten. Außerdem durfte er sich für den Winter aus dem Privatwald der Domäne Holz zum Heizen schlagen.

Ende der 30er Jahre wurde mit dem Bau des Führerhauptquartiers der sogenannten "Wolfsschanze" begonnen. Hierzu wurde auch mein Vater dienstverpflichtet. Meine größeren Brüder wurden zum Reichsarbeitsdienst eingezogen und mussten in den Masuren Moorgebiete für die zukünftige landwirtschaftliche Nutzung trocken legen. Sie standen teilweise wochenlang bis zu den Knien im Wasser und zogen sich dabei Krankheiten zu, mit denen sie heute noch zu kämpfen haben. Ich hatte 10 Geschwister. 

Mit 14 Jahren wurden wir konfirmiert und aus der Schule entlassen. Wir galten von nun an als erwachsen. Wir hatten auch die Pflichten der Erwachsenen körperlich zu erfüllen. Wir Jüngeren mussten auf dem kleinen Bauernhof mithelfen und hatten kaum Freizeit. Badevergnügen im Sommer fanden meist nur Sonntag nachmittags in einem nahegelegenem Fluss mit den Nachbarskindern statt. Jedoch nur, wenn wir zuvor Haus und Hof aufgeräumt hatten.

Einer meiner 6 Onkels arbeitete auf einer kleinen Werft in Königsberg. Dort wurden Pinassen für die Kriegsmarine hergestellt. Mit zunehmender Kriegsdauer bekam er immer weniger Urlaub und musste immer mehr Überstunden leisten. Er kam als Volkssturmmann bei der Verteidigung der Festung Königsberg ums Leben. Der zweite hatte Schlosser gelernt und wurde nach Hamburg zum Kriegsschiffbau dienstverpflichtet. Bei einem Bombenangriff 1943 wurde der kleine Bunker durch einen Bombenvolltreffer total zerstört. Keiner der Insassen überlebte diesen Vorfall.

Mein dritter Onkel wurde im Afrika Feldzug schwer verwundet. Das Schicksal verschlug ihn auch nach Hamburg, wo er als Luftschutzwart eingesetzt wurde. Er verstarb Anfang der 50er an seinen Kriegsleiden. Wir waren nach den Anfangserfolgen der ersten Kriegsjahre von unserem Führer überzeugt. Alle Kinder waren stolz, im Jungvolk der HJ oder BDM mitmachen zu dürfen. Es wurden zünftige Ausfahrten, teilweise mit längerem Zeltlager, und Heimatabende organisiert. Meine Mutter hatte jedoch nicht das nötige Geld, um diesen Luxus finanzieren zu können. Trotzdem wurde von den Organisatoren immer ein Weg gefunden, damit auch wir ganz Armen mitfahren konnten.

Eines Tages kam der Ortsgruppenleiter mit der schrecklichen Nachricht, mein Vater müsste seine Pferde abgeben, da sie als Artilleriepferde im Krieg eingesetzt werden. Wir würden dafür Ersatz bekommen. Mein Vater weinte tagelang. Die Pferde, die wir als Ersatz bekamen, waren für die schwere Arbeit auf dem Bauernhof völlig ungeeignet. Aber die Proteste meines Vaters hatten keinen Erfolg. Auf der Domäne waren viele Kriegsgefangene zur Arbeit eingesetzt. Bei uns wurde ein maroder Holzschuppen wieder in Stand gesetzt und acht dieser Gefangenen dort einquartiert. Es waren sehr einfache Menschen, die auch vom Lande waren. Sie waren sehr fleißig und kamen sehr gut mit den anfallenden Arbeiten zurecht. Meine Mutter bekam von der Domäne Lebensmittel, um die acht Gefangenen teilweise mit zu versorgen.

Das Kriegsglück wendete sich, und aus allen Großfamilien der Nachbarschaft waren schon Kriegstote zu beklagen. Es wurde uns jedoch immer noch suggeriert, dass wir den Krieg gewinnen werden. Die Aufgaben auch der kleinen Kinder, mit Schrott-, Glas- und Papier- Sammlungen, wurden immer größer. Die Arbeitszeiten der Erwachsenen wurden immer länger und der Heimaturlaub der Soldaten immer kürzer. Ich sah meine großen Brüder, die inzwischen vom Arbeitsdienst in die Wehrmacht eingezogen worden waren, kaum noch. Meine Schwestern absolvierten ihr Pflichtjahr und bekamen nur außerhalb der Haupterntezeit Urlaub. Eine davon meldete sich als Blitzmädel. Sie wurde zur Luftverteidigung von Berlin eingesetzt und wurde durch einen Luftminentreffer in einem Luftschutzraum verschüttet. Sie und noch einige andere Überlebende wurden erst nach 96 Stunden ausgegraben. Seitdem ist sie geistig verwirrt.

Mein kleinster Bruder ist gleich der Wehrmacht beigetreten, um nicht zum Reichsarbeitsdienst gehen zu müssen. Er wurde Ladekanonier bei den 10,5 cm Geschützen. Eine schwere Aufgabe. Die Kartuschen wogen ca. 50 kg. Er erzählte mir von einem Nahangriff an der russischen Front, an der ein junger Soldat, der erst einige Tage lang dort war, sehr nervös reagierte. Er vergaß seine Handschuhe im Erdbunker. Bevor ihn die alten Hasen festhalten konnten, hatte er das etwa -40°C kalte Geschütz angefasst und ist daran hängen geblieben. Die Kameraden mussten ihn losreißen. Dadurch ist ein Großteil der Handflächenhaut dort hängen geblieben. Er wurde ins Hilfslazarett gebracht. Was aus ihm geworden ist, wusste mein Bruder jedoch nicht.

Meine Tante wurde Kriegerwitwe. Sie erzählte mir, dass sie zu Hause bei allem an ihren gefallenen Mann erinnert wurde. Daher verpflichtete sie sich in Hamburg zum Dienst. Sie bekam ein Zimmer am Rande der Walddörfer zugewiesen und wurde zur Verteilung von Lebensmitteln an die Ausgebombten eingeteilt. Bei einem Einsatz der Flakscheinwerfer bekam ein englischer Bomberpilot Angst und warf seine Brandbombenlast ab. Diese fielen in eine große Kuhherde, die zum Wiederkäuen am Boden lagen. Die Schreie der Tiere habe sie heute noch in den Ohren.

Die Wehrmacht zog sich immer weiter aus den besetzten Gebieten zurück. Es wurde die Ostgrenze Ostpreußens erreicht. Eines Tages kam der Ortsgruppenleiter und sagte unserer Familie, dass meine Eltern und wir zu Haus verbliebenen zwei Kinder unsere Heimat verlassen müssten und dass die Dorfgemeinschaft einen Treck nach Westen bildete. Wir kamen ca. 30 km weit, als hohe SS Offiziere den Treck nach wehrfähigen Männern untersuchten. Mein Vater wurde zum Volkssturm abkommandiert. Ich habe nie wieder etwas von ihm gehört.

Meine Mutter fuhr mit mir und meiner Schwester im Treck weiter in Richtung Westen. Die Landstraße führte uns durch einen Landstrich mit riesigen Feldern, kein Baum, kein Strauch. Einmal griff uns eine russische Jagdbomberstaffel an und bewarf uns mit kleinen Splitterbomben und beschoss uns lange Zeit mit ihren Bordkanonen. Es gab Tote und Verletzte. Das Schlimmste waren die teilweise sehr verstümmelten Pferde, die noch zuckten und vor Schmerz schrieen. Diese Bilder werde ich nie vergessen.

Wir erreichten den Hamburger Raum und trafen in Düneberg bei Geesthacht einen Onkel, der kurz vor Ende des Krieges mit seiner Familie bei Dynamit Nobel in Düneberg dienstverpflichtet war. Durch die Kriegswirren hatten wir seine Abreise aus Ostpreußen mit Pferden, Hausrat und Kleinvieh nicht mitbekommen. Die Wiedersehensfreude war groß. Er nahm uns in sein kleines Haus auf, wo wir mit neun Personen auf ca. 45 m Wohnfläche wohnten.

Ich lernte bald meinen Mann kennen, bekam drei Kinder und lebe heute als Witwe in Dithmarschen. Die Schrecken des Krieges und seine negativen Auswirkungen auf meine Gesundheit werde ich nie vergessen."

Die Episoden erzählte mir meine Großtante sehr bewegt und war den Tränen nahe. Sie wurde durch unser ausführliches Gespräch an viele Ereignisse erinnert, die sie selber schon verdrängt hatte. 

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