Diesen Bericht erhielten wir per e-mail von Bernd Babisch, geb. 1939

 
Ich bin der Schwager von Herrn Karl Hesse, der einen Bericht über seine Erlebnisse als Kindersoldat geschrieben hat.
Ich habe als 5 1/2jähriger miterlebt, was diesen Kindersoldaten an der
Front geschah, als das kleine Hunsrückdorf (Geburtsort meiner Mutter) am
17.03.45 von US-Soldaten besetzt wurde. Ich versuche seit Jahren den Namen
"meines" Soldaten zu ermitteln. Er war zwar nicht erst 16 Jahre sondern
ca. 22 Jahre alt, aber der Unterschied ist unbedeutend.
Ich habe seit wenigen Tagen mit Hilfe meines kundigen Sohnes eine Homepage eingerichtet. Wenn Sie wollen schauen sie mal rein:
http://members.fortunecity.com/bbabisch/
Bernd Babisch

Kinderspiele unter Tieffliegergefahr.

Aus dem Sommer, Herbst und Winter 1944/45 sind mir viele Dinge in Erinnerung geblieben, die meinem Sohn in diesem Alter zum Glück erspart geblieben sind.
Im November 1944 bin ich 5 Jahre alt geworden. Mein Vater war Berufsfeuerwehrmann in Kiel. Er hat uns nach der Geburt meines Bruders im März 1942 in den Geburtsort meiner Mutter im Hunsrück, in die freiwillige Evakuierung, geschickt. Er wusste schon damals, was den Städten in
Deutschland bevorstand!

Es war so friedlich in diesem abgelegenen Hunsrückdorf! Und doch war da die große Angst vor den Jabos (Jagdbomber, meist mit Doppelrumpf), die mir die Mutter immer wieder vergegenwärtigte - um mich zum richtigen Verhalten anzuhalten und mich damit zu schützen (soweit es ging)!

Ich erinnere mich, wie ich im Spätsommer 1944 staunend ein kleines Flugzeug riesige SS Runen in den blauen Himmel schreiben sah. Meist jedoch sah ich an solch sonnigen Tagen die alliierten Bomber nach Osten fliegen. Noch vor dem Mittag kamen die ersten angeschossen, lange Rauchfahnen hinter sich herziehen, zurück. Sie versuchten über französisches, belgisches oder Luxemburger Gebiet in Sicherheit zu kommen. Ich beobachtete die Jabos, wenn sie die Bahnhöfe in Neubrücken oder vor allem, in Türkismühle angriffen. Auf dieser Strecke wurden militärische Transporte - auch V-Waffen - an die Westfront gebracht. Da sich die Eisenbahnstrecke in Türkismühle nach Süden (Richtung Saarbrücken) und Norden (Richtung Trier) gabelte, waren diese beiden Bahnhöfe immer, wenn die Jabos die großen Raketen auf den Eisenbahnwagen ausmachten, schwersten Angriffen ausgesetzt. Zum Glück lagen zwischen der Bahnstrecke entlang der Nahe und unserem Tal ein Bergrücken. Aber das Dröhnen der Detonationen und das Geknatter der Maschinenwaffen, das Gejaule der Motoren der Jabos, die nach dem Angriff aufstiegen und dann zu einem neuen Angriff wieder hinabstießen, kann ich noch heute - fast 60 Jahre später - deutlich in meiner Erinnerung "hören".

Und immer durfte ich nur unter den Bäumen spielen. Wir wussten genau, dass die Jabos, wenn sie tief kamen, auf alles schossen was sich bewegte, nicht nur auf Militärfahrzeuge auf den Straßen! Eine zeitlang kamen sie jeden Abend in der Abenddämmerung. Sie waren plötzlich da und feuerten in die Häuser. Die Erwachsenen nannten sie "Känelrutscher" (Känel = Dialekt für
Dachrinne), weil sie so tief über die Dächer der Häuser flogen.

Je näher die Front kam, um so häufiger flogen die Jabos. Ich erinnere mich an einen regnerischen, düsteren Tag Anfang März 1945, als Mutter mit mir ins östliche Nachbardorf ging, um Lebensmittel einzukaufen. Wir gingen abseits der Straße durch nasse Wiesen und Äcker, weil die Straße ständig von Jabos abgeflogen wurde. In den letzten 3 oder 4 Tagen vor dem 17.3.1945 ließ die Verwaltung ausläuten, dass die Geschäfte bis in den späten Abend offen gehalten werden, damit die Bevölkerung in der Dunkelheit gefahrlos Lebensmittel - soweit noch vorhanden (!) - einkaufen konnte.

Am 13.09.1944 wurden Mutter und ich, gegen 11.30 Uhr, scheinbar von einem dieser tief fliegenden Jabos am Fuße des Rotenberges überrascht. Zum Glück gaben uns Hecken Deckung und er Berg von einer Seite. Das bedeutete aber nicht unbedingt Sicherheit! Eine Schulkameradin meiner Mutter, starb in einer solchen Hecke, weil die Piloten sie dorthin flüchten sahen. Sie haben ununterbrochen in ihr Versteck geschossen. Warum? - Vielleicht hatten sonst nichts anderes zu beschießen?! - Das Flugzeug heulte und jaulte mehrfach direkt über uns hinweg, so dass ich schon dachte es würde gegen den Berg prallen.

Mein Herz raste! - Die Angst machte mich ganz starr! 

Dann bemerkten wir, dass das Flugzeug entlang der Straße nach Sötern flog. Ich hörte Mutter sagen: "Die armen Menschen auf der Straße!" - Als der Jabo für einen Augenblick in einer Lücke der Hecke sichtbar wurde, bemerkte Mutter, dass die Kanzel leer war! - Ich wusste sofort, was das bedeutete. Ich zog den Kopf in den Nacken ein und versuchte genau auszumachen, wo das Flugzeug war, damit ich wegrennen konnte, wenn es auf unseren Standort herabstürzen sollte. Es stürzte nördlich des Dorfes in die Wiesen. Später durfte ich bei tief hängenden Wolken mit meinem Vater, der zu Besuch gekommen war, zur Absturzstelle. Ich durfte auf dem Pilotensitz Platz nehmen. Obwohl Vater mir verbot, unter den Sitz zu schauen, tat ich es dennoch: Dort hatte sich ein dicker Blutkuchen vom Blut des Piloten gebildet. Das Blut war nach hinten und dort in dem Schlitz eines Flaksplittertreffers im Boden der Thunderbolt gelaufen. - Ich habe seit damals bei Besuchen im Dorf oft an den Piloten denken müssen.

Vor gut 2 Jahren (Sommer 2001) erfuhr ich von einem Heimatforscher aus jener Gegend, dass der Pilot überlebt und inzwischen die Absturzstelle besucht hat. Ich habe daraufhin ein längeres Telefonat mit ihm in den USA geführt. Bei einer Hüfgelenkoperation wenige Jahre zuvor, hatten die Ärzte auf dem Röntgenbild plötzlich das Maschinengewehrgeschoss entdeckt, das bei dem Angriff auf einen Flugplatz bei Frankfurt a.M. von links die Hydraulik der Maschine beschädigt hatte und in seinem Oberschenkel unerkannt bis zum Operationstermin überdauert hat. "Es stört mich nicht", sagte er mir am Telefon, "also kann es da als Andenken bleiben, bis ich sterbe."

Da ich bei Nachforschungen über die Besetzung unseres Dorfes am 17.3.45 erfahren hatte, dass es offenbar Befehle, mindestens aber Absprachen, bei den alliierten Fliegern gegeben hat, dass man zur Verhinderung der Feldbestellung im Frühjahr 1945 jede Person - auch Zivilisten - beschießen sollte (oder wollte), haben die Heimatforscher im Saarland den Piloten dieses Jabos, als er sie wieder einmal besuchte, mit dieser Erkenntnissen konfrontiert. Er hat nach einigem Zögern und Abwiegeln erklärt: "Es sei Auftrag der Air Force gewesen, auf alles zu schießen was sich bewegte, damit die Menschen (der Feind !) erkennen sollte, dass sie (er) bei hellem Tageslicht in ihren (seinen) Häusern bzw. in Deckung zu bleiben hatten." - Vehement verwahrte er sich gegen den Vorwurf, Kinder und Frauen haben zu den Zielobjekten gehört. Mir ist jedoch aus Augenzeugenberichten, privaten und in den Medien das Gegenteil bekannt.

Damit kein Missverständnis entsteht: Mein Bericht soll den Krieg anklagen - nicht die Piloten! 

Darum möchte ich am Schluss - sozusagen als Gegengewicht - das Konzentrationslager Hinzert (südlich von Trier) mit all seinen Grausamkeiten erwähnen! Auch habe ich beobachtet wie zwei alliierte Flieger nahe des Dorfes am Fallschirm niedergingen. Den einen hat man schwer verprügelt. Er wurde danach von einem deutschen Soldaten auf Heimaturlaub in Schutz
genommen. Später kam es zu einer Verurteilung des Rädelsführers der Prügelorgie durch ein alliiertes Militärgericht. Dem anderen Flieger wollte ein Nachbar vor unserem Haus, nur 5 Meter von mir entfernt, mit einem Holzscheit zu Leibe rücken. Ich hatte furchtbare Angst um meine Mutter, weil sie sich vor den rothaarigen, sommersprossigen Soldaten - Feind (!) - gestellt hatte, um ihn zu schützen. Ich weiß inzwischen, dass man ihn später unten im Dorf doch verprügelt hat! Er ist 1946 - also nach  Kriegsende - bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen.

Die Veränderung der Menschen durch Angst und Hass im und nach dem Krieg habe ich als Kind erlebt und als Erwachsener begriffen! Ich kann darum nicht verstehen, dass es heute schon wieder oder besser - immer noch - Menschen gibt, die einen Krieg gegen irgendwen befürworten.

Wann begreift man endlich, was der Krieg aus Menschen macht und Menschen antut?

 

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