Dieser Eintrag stammt von Jessica Beyermann (*1988)

Der Alltag im dritten Reich: 
Kampf um Liebe und Nahrung

Ergebnisse eines Interviews mit Frau Go. (*1933)

Als ich damals 1942 so um die 9 Jahre alt war, habe ich schon viel erlebt und war oft allein! Meine Mutter musste wegen des Krieges in der städtischen Munitionsfabrik arbeiten, und mein Vater war seit 1939 im Krieg als Flieger. Er war damals Kommunist und ich habe durch Hören und durch späteres Erzählen erfahren, dass sie geheime Treffen abhielten. Wir wurden oft kontrolliert. Riskant wurde es, als mein Vater auf dem Dachboden Säcke aufgehängt hatte, die teils mit Federn, teils geheimen Papieren gefüllt waren. Jedoch die Mehrheit war mit Federn gefüllt. Nun kamen die Polizisten und durchsuchten unseren Dachboden. Dort nahmen sie Stichproben aus den Säcken, fanden jedoch nichts.

Große Verantwortung schon mit neun Jahren
Ich lebte damals mit meiner Mutter in einer kleinen Zwei-Zimmerwohnung in Lossa. Dort schlief ich mit meiner Mutter in einem Zimmer. Zum Essenzubereiten hatten wir eine kleine Küche. Ein normaler Alltag sah so aus, dass ich um 7 Uhr von meiner Mutter geweckt wurde, die daraufhin zur Arbeit in die Munitionsfabrik ging. Nun musste ich mir allein Frühstück aus dem machen, was wir da hatten. Danach ging es ab zur Schule. Ich musste so ca. 10 Minuten einmal durchs Dorf.

Unser Lehrer war ein Nazi...
Die Schule war eine Volksschule, die neben einer Kirche und einem Friedhof lag. Um 8 Uhr fing die Schule an. Unser Lehrer war ein Nazi, und er ließ es uns auch spüren. Wenn er in den Raum kam, mussten alle Schüler aufstehen und ,,Heil Hitler“ sagen. Wer dies nicht tat, wurde bestraft. Wir hatten nur grundlegende Fächer wie Deutsch, Rechnen und Turnen. Um 13 Uhr war Schulschluss.

Aus wenig, viel machen
Danach musste ich beginnen, ein karges Mittagessen zu kochen. Oft mussten wir unser Essen auf dem Feld zusammenstehlen. Meine Tante hatte eine Landwirtschaft. Dort habe ich oftmals Kartoffeln geholt, die eigentlich fürs Vieh waren. Ich habe Ähren gesammelt, diese ausgedroschen und dann zu Mehl verarbeitet. Ich habe Zuckerrüben gestoppelt und zu Zuckerrübensirup verarbeitet. Aus diesen paar Zutaten habe ich mir dann Essen gekocht. Nach dem Mittag bin ich dann immer für das Kleinvieh, das heißt für unsere Kaninchen, Ziegen, Lämmer und Gänse Futter suchen gegangen.

Strenge Erziehung
Wenn ich dann mal statt der Futtersuche ins Kino gegangen bin oder einfach mal das getan habe, was ein Mädchen in meinem Alter gern macht und meine Mutter das rausgefunden hat, habe ich als Strafe mit dem Teppichklopfer Schläge bekommen. Einmal habe ich sogar Einmachgläser auf den Kopf geschlagen bekommen. Dies war so laut, dass die Nachbarin von unten das mitbekommen hat und hoch gekommen ist, um meiner Mutter zu sagen, dass so etwas nicht geht und sie so etwas nie wieder sehen wolle. Denn mein Vater schrieb auch immer aus der Feldpost, dass sie mich nicht so viel schlagen solle.
 

Große Aufgaben für ein kleines Mädchen
Ein Nachmittag sah so aus, dass ich mit dem kleinen Handwagen in den Wald gegangen bin und Holz gesammelt habe. Dieses habe ich dann gehackt, da wir Holz zum Kochen brauchten. Ab und zu habe ich dann auch noch die Wäsche gewaschen. Wenn ich nun meine Arbeit erledigt hatte, habe ich meine Hausaufgaben gemacht, bei denen ich oft Probleme hatte. Da ich aber keine Hilfe hatte, musste ich mir selber helfen. Zwischen 16-17 Uhr, manchmal auch noch später, kam meine Mutter von der Arbeit nach Hause. Dann aßen wir zusammen Abendbrot mit dem, was wir hatten, denn wir mussten gut haushalten, da wir nur eine Lebensmittelkarte zur Verfügung hatten, mit der wir nur bedingt Lebensmittel bekamen. Um oftmals das karge Essen aufzubessern, haben wir im Sommer dem Bauern bei der Ernte geholfen und so unsere Lebensmittel erarbeitet. Süßigkeiten gab es natürlich nicht, also musste ich mir selber helfen. Wenn meine Mutter zum Beispiel zur Arbeit war, habe ich mir heimlich ein wenig Butter genommen und ein wenig Zucker, daraus habe ich mir dann Bonbons gebrannt und diese dann versteckt.

Englische Sender waren strengstens verboten ..., denn sie sagten die Wahrheit...
Abends haben wir nicht mehr viel getan, entweder Handarbeit oder meine Tante kam zu Besuch. Man hat sich unterhalten und dabei hat man schwarz Radio gehört, um Informationen über den Fortschritt des Krieges zu bekommen, denn das war eigentlich strengstens verboten!!! Ein Tag endete dann um 20 Uhr.

Abfahrt ohne Wiederkehr
Ein Tag verlief nicht normal, wenn mein Vater zum Beispiel auf Heimaturlaub kam. Sein Heimkommen hat er dann immer mit einer Karte angekündigt, die er dann mit der Feldpost schickte. Einmal kam er unverhofft, dass war an einem Nachmittag, und als ich ihn dann entdeckt hatte, bin ich fast vor Freude aus dem Fenster gefallen. Wenn mein Vater dann da war, ist er immer ein paar Wochen geblieben. Ich werde nie seinen letzten Heimaturlaub vergessen, denn nachdem ist er nie wiedergekommen. Wir haben dann erfahren, dass er im Krieg umgekommen ist.

Ich wusste Bescheid, wenn sie Tannenbäume warfen ...
Schattenseiten warfen natürlich auch die Angriffe, die wir ertragen mussten. Zum Winter hin, als der Krieg zu Ende ging, waren wir oft unter Beschuss von Tieffliegern, da in unserem Ort die Munitionsfabrik war. Städte wurden bombardiert, ,,Tannenbäume“ wurden gesetzt, der Himmel war oft hell erleuchtet. Es lag immer nur ein Brausen in der Luft, denn selbst am Tag kamen die Tiefflieger und haben bombenbeladene Züge beschossen. Eines Tages saß ich auf der Schaukel und schaute zum Himmel, plötzlich stießen die Tiefflieger herunter und beschossen uns mit Bordwaffen. Meine Mutter, die neugierig war, konnte sich vom Hof nur noch mit einem Sprung in den Hausflur retten. Ich bin inzwischen mit meinen Cousin in den Keller geflüchtet, denn aus den kleinen Flugzeugen wurden große. Diese haben in unseren Flur geschossen.

Skrupel gab es nicht ...
Am nächsten Tag waren wir neugierig und wollten gucken, was die Flieger angerichtet hatten. Wir sollten mit einem Eisenbahner mitkommen, was wir aber ablehnten, da dies zu riskant war. Also sind war dann allein an einem Hang am kleinen Fluss Lossa längsgegangen und plötzlich waren die Tiefflieger wieder da. Wir haben uns nur an den Hang gepresst, um nicht von den amerikanischen Tieffliegern gesehen zu werden. Dies wurden wir auch nicht! Nur der Eisenbahner hatte Pech. Er wurde gesehen und wurde vor unseren Augen erschossen. 

Hitlers Geburtstag
Ein besondere Tag für das Dorf war immer, wenn Hitler Geburtstag hatte, dann mussten wir das ganze Dorf mit Hakenkreuzfahnen schmücken. Die Kindergruppen waren, je nachdem ob Junge oder Mädchen, rot oder blau angezogen. Auf den Kleidungen waren weiße Punkte. Alle sangen Volkslieder.........

Ich bin froh, dass diese schlimme Zeit vorbei ist, denn die Angst und der Hunger haben tiefe Wunden hinterlassen.