Dieser Eintrag stammt von Marvin Burmeister

Kindheit und Jugend

Ergebnisse eines Interviews mit Ilse Stein (*1931)


Ich hatte eine behütete Kindheit. Das Leben war bescheiden, da man ja nicht viel hatte, denn in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts herrschte eine große Arbeitslosigkeit. Doch trotz alledem war es eine fröhliche und glückliche Kindheit. Ich hatte viele Spielfreunde und mit ihnen gab es viel Gemeinsamkeiten und einen festen Zusammenhalt.
Als dann 1939 der Krieg begann, hat man das als achtjähriges Kind noch nicht als etwas so Schlimmes wahrgenommen. Es gehörte ganz einfach zum Leben. Als es dann die ersten Fliegerangriffe gab, entwickelte sich dann aber eine große Angst vor der Gefahr, die damit verbunden war. Aber etwas Positives hatten diese Fliegeralarme für mich. Vorher, wenn ich Schlafengehen sollte, habe ich meine Kleidung und Wäsche einfach so kunterbunt liegengelassen. Bedingt durch die Angst und den Wunsch, so schnell wie möglich angezogen zu sein, wenn die Alarmsirenen heulten, was ja Gefahr bedeutete, wurde ich ein superordentliches Kind. Ich legte mein Zeug jetzt sehr sorgsam über die Stuhllehne und brauchte dann nur noch in alles hineinzuschlüpfen. Im Handumdrehen war man angezogen, um dann in den Luftschutzkeller zu gehen, um Schutz vor den Gefahren einer Bombardierung zu finden.

In den ersten Kriegsjahren war man noch stolz, wenn das Rundfunkprogramm unterbrochen wurde und man eine Sondermeldung über einen erfolgten Sieg über einen unserer Feinde hörte. Anschließend wurde dann noch ein Lied über den Erfolg gesendet, z. B. "Denn wir fahren gegen Engeland". Aber solche Erfolgsmeldungen wurden mit dem Fortschreiten des Krieges immer seltener.

Vor Beginn des Krieges wurden, z.B. wenn Adolf Hitlers Geburtstag war oder zu anderen nationalen Feiertagen des Regimes, aus Fenstern und Balkons die Hakenkreuzfahne herausgehängt Doch bei uns in der Straße und auch in den Höfen der Hinterhäuser, ich wohnte in Rothenburgsort, hingen nur ganz wenige Fahnen. Das war, wie man heute sagen würde, ein roter Stadtteil, hier war man nicht so extrem nationalsozialistisch eingestellt. In Rothenburgsort war Hitler nur einmal. Er hatte in der dortigen Hanseatenhalle seine Rede geschwungen und ist danach nie wieder gekommen, weil ihm an den Straßenrändern nicht genug Leute zugejubelt hatten. Doch wir Kinder haben immer fröhlich gerufen: "Die Nazis kommen, die Nazis kommen." Die marschierten dann in ihren senfbraunen Uniformen mit dem Hakenkreuz auf ihrer Armbinde durch die Straßen. Sie kamen mit Musik und haben gesungen. Das machte uns Spaß und wir sind dann nebenher mitgelaufen. Wir versuchten dann, mit ihrem Paradeschritt mitzuhalten.

Im Jahre 1943 wurden wir dann bei den entsetzlichen Fliegerangriffen auch ausgebombt und verloren alles. Ich habe diese schlimme Katastrophe Gott sei Dank nicht miterleben müssen. Ich war zu der Zeit im KLV-Lager in Kirchenlamitz bei Hof. (Kinderlandverschickung) Meine Eltern haben das Inferno überlebt und kamen dann zu mir. In dem Ort bekamen sie dann ein Zimmer zugewiesen und konnten sich erst einmal erholen und wieder zu sich kommen, Kraft schöpfen, denn das Leben ging ja weiter. Wenn ich heute an die Zeit zurückdenke, so haben sie nie viel über das erlebte Grauen und den erlittenen Verlust der Wohnung und allen Eigentums gesprochen. Es war Krieg, es war passiert, man musste sich damit abfinden. Es gehörte im Krieg einfach zum Leben, man musste das Beste daraus machen, Klagen brachte auch keinen weiter.
 
Der Firma, bei der mein Vater beschäftigt war, gehörten zwei Mietswohnhäuser. Der Chef ließ die Wäschetrockenböden zu Wohnungen für seine Mitarbeiter ausbauen. So hatten wir das Glück, wenigstens schnell wieder eine eigene Wohnung zu haben. Wir bekamen als Ausgebombte auch Bezugscheine für Möbel, Wäsche und Bekleidung, so dass wir uns das Nötigste wieder anschaffen konnten. So lief das Leben, zwar mit den Einschränkungen, die der Krieg uns brachte, für uns wieder normal weiter. Man hatte seine Ängste, aber es gab auch Freuden, man verstand, aus vielem das Beste zu machen. Aber unendlich groß war die Erleichterung, als der Krieg endlich zu Ende war.

Es kam dann noch einmal eine schwere Zeit. In der ersten Nachkriegszeit wurden die Nahrungsmittel immer knapper, der Hunger war groß. Wir sind dann z. B. zum Kartoffel-Nachhacken auf die Felder gegangen. Wenn der Bauer sein Korn mähte, wurde es zur damaligen Zeit noch in Garben gebunden und die Garben dann zum Trocknen in Hocken aufgestellt. Wir Kinder sind dann in die Hocken gekrabbelt und haben die Ähren innen abgeschnitten. Für die aus den Ähren geernteten Körner konnten wir dann beim Bäcker Brot bekommen. 

Als dann 1948 die Währungsreform kam, gab es mit einem Mal wieder jede Menge Waren. Wir konnten wieder etwas kaufen, die Zeit des Hungerns war vorbei. Jeder fing mit DM 40.-- an und hatte die Möglichkeit, sein Leben neu zu gestalten.


Was wusste ich von den Juden? Lehnte man sich in der Familie gegen das Regime auf?

Wir hatten in unserem Stadtteil ein größeres Bekleidungsgeschäft, in dem wir auch immer eingekauft haben. Wir haben uns nie Gedanken darüber gemacht, ob die Besitzer vielleicht Juden waren. Eines Tages, im Jahr 1938, machte das Geschäft plötzlich einen großen Ausverkauf. Wir sind auch hingegangen und es gab für die ganze Familie neue Bekleidung, weil sie so günstig verkauft wurde. Einige Tage später waren die großen Schaufensterscheiben eingeschlagen worden und das Geschäft war geschlossen. Die Schaufenster wurden dann mit Brettern vernagelt. Da haben wir dann erst erfahren, dass das Geschäft Juden gehörte. 

Später, 1940 und 1941, trugen plötzlich Nachbarn von der anderen Straßenseite und andere Menschen auf ihrer Kleidung einen gelben Stern. Das bedeutete, dass sie Juden waren. Ich hatte irgendwie Angst und konnte nicht begreifen, dass diese Leute nun auf einmal "böse Menschen" waren. Sie hatten uns doch nie etwas getan, wir haben immer freundlich „Guten Tag“ zu ihnen gesagt. Jetzt traute man sich das nicht mehr, man durfte es auch nicht. Es war ein wenig furchteinflößend. Ich spürte aber auch, dass es nicht gut war, die Eltern zu befragen. Sie hätten mir nicht geantwortet, es war ein Tabuthema, über dass man nicht sprach. Eines Tages waren die Leute dann aus dem Straßenbild verschwunden. Es wurde in meiner Gegenwart kaum über Politik gesprochen. Zu der Zeit gab es Kinder, die ihre Eltern angezeigt haben, wenn sie schlecht über das Hitlerregime gesprochen hatten. Die Eltern wurden dann tatsächlich abgeholt und kamen ins Gefängnis. 

Nach dem Krieg habe ich manches Mal darüber nachgedacht, dass meine Mutter zu der Zeit doch sehr viel Glück gehabt hatte. Sie hatte ein sehr loses Mundwerk, das heißt, dass sie sich häufig sehr heftig und unüberlegt über die Zeit und die Umstände geäußert hat. Es war damals Pflicht, zum BDM (Bund Deutscher Mädchen) zu gehören. Ich hatte oft keine Lust, zu den Treffen zu gehen. Dann kamen die Mädchen, die unsere BDM-Führerinnen waren, und fragten nach, warum ich nicht gekommen war. Ich hasste es, von den Mädchen, die nur ein oder zwei Jahre älter waren als ich, kommandiert zu werden und tun zu müssen, was sie befahlen. Meine Mutter sagte dann z.B. zu ihnen, sie sollen verschwinden, wenn ihre Tochter keine Lust habe an dem BDM-Zirkus teilzunehmen, brauche ich auch nicht hinzugehen. Sie sollten doch ohne mich auskommen und sich allein amüsieren. Sie schreckte nicht davor zurück, auch noch abfällige Bemerkungen über das Regime zu machen. Wenn die Mädchen fies gewesen wären, hätten sie Mutter anzeigen können, so dass sie dann von der Polizei abgeholt worden wäre.

Anfang 1945, war ich in dem Alter, in dem ich mein Pflichtjahr hätte ableisten müssen. Wir waren zu einer Dienststelle in Bergedorf vorgeladen worden, damit man mich irgendwohin vermitteln konnte. Ich höre heute noch, wie meine Mutter sich damals äußerte: "Nein, das kommt für meine Tochter überhaupt nicht in Frage. Ich lasse nicht zu, dass sie bei anderen Familien oder vielleicht sogar noch auf einem Bauernhof arbeiten soll. Um fremden Kindern z.B. den "Arsch" abzuwischen, dafür ist sie mir zu schade. In ein paar Wochen ist sowieso alles vorbei, dann können sie hier einpacken und der Krieg ist gewesen“. Als Kind habe ich nie viel darüber nachgedacht, doch im Nachhinein habe ich mich manchmal gefragt: "Mutter, war dir eigentlich damals klar, was du dir da mit solchen Bemerkungen herausgenommen hast? Was hätte dir passieren können? Du hast sehr viel Glück gehabt."

 

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