Dieser Eintrag stammt von Mailin Burmester

Bombenangriff auf Hamburg

Meine Großmutter Anneliese Winkler, geborene Jalass ( geb. 5.5.1924) erzählte mir von der „Operation Gomorrha". Dies war der Deckname für die zehn Tage andauernden erbarmungslosen Luftangriffe auf Hamburg durch schwere britische Lancaster- und Halifax-Bomber im Sommer 1943 (speziell die Nacht des 29.7.1943).

Meine Großmutter lebte zusammen mit ihrer verwitweten Mutter in der Kantstraße in Eilbeck. Auch für leichtere Angriffe hatten die beiden ihren Stadtkoffer stets gepackt. Nach der Empfehlung des Polizeipräsidenten hatte der Inhalt des Koffers folgendermaßen auszusehen:


Die Bevölkerung wurde durch das Heulen der Sirenen gewarnt (teils vorgewarnt durch Radio). Da kleinere Angriffe schon zur Routine geworden waren, gerieten die Menschen nicht mehr so sehr in Panik. Meine Großmutter versteckte sich z.B . in ihrer Badewanne, da das Zimmer sehr geschützt lag. Manchmal lief sie auch zusammen mit ihrer Mutter in den Keller ihres Hauses, um sich zu schützen, und der Koffer war immer dabei. Mittlerweile merkten die beiden, dass die Lage immer ernster wurde. Wenn die Sirenen ertönten, waren die Flieger nur noch 5 Minuten entfernt. Jetzt hieß es laufen, um einen Luftschutzkeller aufzusuchen. Je ernster die Situation war, desto bedrückter war auch die Stimmung im Bunker... 

Aber Adolf Hitler spielte das Ausmaß der Zerstörung herunter. Obwohl es als Hochverrat galt, wenn man nur einen leisen Zweifel am Sieg der Nazis äußerte, diskutierte man offen darüber, wie lange Deutschland diese massive Zerstörung seiner Industriezentren noch aushalten könne.

Kurz nach Mitternacht brach am 29.7.1943 die Hölle aus. Wie bei einem Erdbeben zitterte der ganze Bunker und die Menschen, die in ihm Schutz suchten, gerieten in Panik, zumal wenige Minuten nach dem ersten Angriff die Beleuchtung ausfiel. Stunden vergingen in Finsternis (nur Notbeleuchtung), und als der langanhaltende Sirenenton der Entwarnung zu hören war, war man zunächst erleichtert.

Doch was für ein Anblick bot sich den Menschen, die den Bunker verließen. Ganz Hamburg wurde durch Rauch verfinstert. An diesem glühend heißen Sommertag war von der Sonne nichts zu sehen. Bei diesem schrecklichen Angriff auf Hamburg zerstörten Luftminen ganze Straßenzüge. Z.B. in dem dicht bewohnten Stadtteil Hammerbrook glühte der Asphalt, so dass Menschen auf ihm festklebten und verbrannten. Auch von den Häusern der Kantstraße / Eilbeck, in der meine Großmutter lebte, war nur ein einziges (nicht das ihre) stehen geblieben. Sie, ihre Mutter und Nachbarn gingen von dort zur Horner Rennbahn. Sie gingen mitten auf der Straße; links und rechts neben ihnen standen die Häuser in Flammen. Von einem Sammelpunkt auf der Homer Rennbahn wurde die Hamburger Bevölkerung, die ihr Hab und Gut (wie meine Großmutter und ihre Mutter) verloren hatte, z.B. nach Mecklenburg evakuiert. Meine Verwandtschaft kam zu einem Großgrundbesitzer, der leider nur wenig Verständnis für die Flüchtlinge hatte. Er empfand sie als Last. Zum Glück jedoch zeigten seine Tagelöhner großes Verständnis und nahmen sie bei sich für eine Woche auf. Dann fuhren die beiden Frauen, wie bereits lange zuvor geplant, in den Schwarzwald, Dort bekam meine Großmutter Nachricht von ihrem Arbeitgeber (Bank), der sie dringend zurück erwartete. Er wäre auch bereit gewesen, ihr einen Wohnraum zur Verfügung zu stellen. Sie zog es vor, zu einer Tante nach Eimsbüttel zu ziehen, die nicht ausgebombt war. Die gemeinsame Notlage schweißte die Menschen immer mehr zusammen. Wer die Möglichkeit hatte, jemanden aufzunehmen, schrieb es z.B. auf die Ruinen. Vieles sprach sich einfach rum... War die Versorgung zu Beginn des Krieges noch in Ordnung, wurde sie jedoch seit 1943 knapper. Lebensmittel wurden rationalisiert und es wurden Lebensmittelkarten ausgegeben.

Man bekam sie, wie auch die Bezugskarten für Kleidung und andere lebensnotwendige Dinge, in den Bezirksämtern. Außerdem blühte das Tauschgeschäft.

Mein Großvater Rüdiger Winkler (geb. 1.10.1925) besuchte ab Juli 1943 (also auch während Hamburgs Schreckensnacht) die Marine Nachrichtenschule in Waren﷓Müritz.
Von dort konnte er auf die Bahnstrecke sehen, auf der die Züge aus Richtung Hamburg kamen. Sie beförderten all die ausgebombten Menschen, die nach Mecklenburg etc. evakuiert wurden. "Ob deine Eltern wohl auch dabei sind?" wurde er von seinen Kameraden gefragt. Ein bis zwei Stunden später meldeten sich tatsächlich die Eltern in der Kaserne, um ihm die schreckliche Nachricht zu überbringen: in Hamburg ist alles kaputt. Unser Haus (in Horn) steht nicht mehr... auch die Eiche nicht, in der du als Kind so gerne gespielt hast." Die Eltern fuhren weiter nach Crivitz bei Schwerin.

Weiterhin unterhielt ich mich mit meinem Großvater Gustav Burmester (geb. 17.6.1927). Da sein Vater zur Hälfte mexikanischer Abstammung war, durfte er zwar keine höhere Schule besuchen und auch nicht in Organisationen wie der Hitler Jugend aufgenommen werden, musste aber mit 16 Jahren als Luftwaffenhelfer dienen. Mein Großvater war also Luftwaffenhelfer in Boberg geworden. Das Rohr der großen Kanone musste er nach einem Zeiger ausrichten, um Luftangriffe abzuwehren. Wenn Batterie-Flieger abgeschossen wurden, bekamen die Soldaten als Ehrung einen Ring ums Rohr. Engländer und Amerikaner warfen Stanniolstreifen ab. Diese projizierten eine Metallfläche auf Radarstreifen. Die Metallfläche nahmen die Deutschen als Flugzeug wahr und schossen auf sie. Am 29.7.1943 kam seine Mutter aus Horn zu ihm und sagte: "Du brauchst nicht nach Hause zu kommen, wir haben kein Zuhause mehr.“

Nach dem Angriff versorgte die Wehrmacht die Soldaten, das Rote Kreuz die übrige geschädigte Bevölkerung. „Feldküchen" sorgten für warmes Essen (Bezugsscheine, Lebensmittelkarten).

Auch mit seiner Schwester Carlotta Hofmeister, geb. Burmester (geb. 24.5.1930) unterhielt ich mich über die Zeit seit den Angriffen auf Hamburg. Bereits am Abend des 28.7.1943 hatte Carlotta's Mutter das Gefühl, dass etwas Schreckliches geschehen würde, sodass sie Hamburg verließ und ihr ehemaliges Kindermädchen Alma, das mit seinem Kind Maxi (geb. 1927) in einer Gartenkolonie in Glinde wohnte, besuchte. Am Tag des 29.7.1943, also nach dem schrecklichen Angriff auf Hamburg, wollte Carlotta's, Mutter zunächst ohne ihre Tochter nach Hamburg fahren, um nach dem rechten zu sehen. Die damals 13 jährige Carlotta wartete indessen angsterfüllt am Straßenrand und die Nachrichten, die ihre Mutter mitbrachte, waren unvorstellbar: Auch zur Mittagszeit war es in Hamburg aufgrund der Rauchentwicklung stockfinster. Ihr Elternhaus (Kinder des Hauswirts) in der Horner Landstr. 300 (4 stöckiges Vorderhaus, 3 stöckiges Gartenhaus, Terrassenhäuser für Arbeiter als Grenze zum Innenhof), also insgesamt 64 Wohnungen, waren vollständig durch Phosphor zerstört. Auch das Nebenhaus war von einer Luftmine getroffen. Nur das Kohlenlager von ihrem Onkel Otto gab es noch. Nun versuchte Lotti’s Mutter, ihre Tante und Großmutter ausfindig zu machen. Wie sich herausstellte, waren beide nach Bayreuth / Bavern evakuiert. Dort lebten sie in der Jagdhütte.

Carlotta, die auf eine Art Mädchengymnasium in der Caspar-Voght-Straße ging, hatte die Kinderlandverschickung nach Passau verpasst, sodass sie zunächst bei ihrer Mutter blieb, die eine Stelle als Haushälterin angenommen hatte. Da sie beide den Forderungen des Arbeitgebers nicht entsprechen konnten und wollten, fuhr Carlotta ihrer Schulklasse nach. Ihre Mutter reiste ihrer Familie nach Bayern nach. 

Kurz vor Kriegsende am 8.5.1945 kam Carlotta zu ihrer Mutter, Oma, Tante, nach Bayreuth. Sie nahm dort am Konfirmandenunterricht teil und wurde Ende April in einem schwarzen Mantel (statt eines hübschen Kleides) konfirmiert. Auf dem Lande war es üblich, dass die Konfirmanden sich gegenseitig besuchten und mit viel "Speis und Trank" ihren Ehrentag feierten. Natürlich wollte man auch Carlotta besuchen, die ihren Freunden gestehen musste, dass sie sie auf diese Weise nicht verwöhnen konnte. Ihre Freunde kamen "nur" zum Feiern und mit einem organisierten Akkordeon konnte für gute Laune gesorgt werden. Inzwischen war Carlotta 16 Jahre alt geworden. Um Lebensmittelkarten zu bekommen, musste man ab 16 Jahren eine Arbeit nachweisen. Lotti hatte da Glück, als Kindermädchen ihres ehemaligen Lehrers arbeiten zu können. Sie war, wie auch ihre Mutter, sehr geschickt, fantasievoll und findig. So stellte sie z.B. aus alten Militärmänteln und diversen Materialien Gürtel her, die sie gegen Lebensmittel eintauschte. Obwohl es ihr in Bayern eigentlich recht gut ging, zog es Carlotta und ihre Mutter 1946 dennoch nach Hamburg zurück. Dort erlernte Lotti den Beruf der Modistin.

 

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